"Trittstein"-Hypothese Amerika wurde über versunkene Inseln im Beringmeer besiedelt

Während der letzten Eiszeit lag im Beringmeer ein Archipel aus zahllosen Inseln. Laut der "Trittstein"-Hypothese wurde Amerika über diese Inselwelt von Asien aus besiedelt. Ein Prozess, der sich über mehrere Tausend Jahre hinzog. Das könnte auch erklären, warum sich die DNA der amerikanischen Ureinwohner und der Asiaten deutlich unterscheidet.

Alaska und die Beringsee
Alaska und das Beringmeer: Die hellen Wasserflächen waren vor 20.500 Jahren weitgehend mit Festland und Inseln bedeckt. Bildrechte: imago/Panthermedia

Während der letzten Eiszeit paddelten Generationen von Meeresmigranten durch flache Gewässer von Asien nach Alaska. Die Reise dieser Jäger und Fischer dauerte mehrere Tausend Jahre, bevor die ersten Menschen frühestens vor 18.000 Jahren Nordamerika erreichten. Sie war nur möglich, weil sich damals ein gewaltiger Archipel über mehr als 1.400 Kilometer im heutigen Beringmeer erstreckte. So, wie man auf Trittsteinen ein fließendes Gewässer überquert, bewegten sich die Vorfahren der ersten Amerikaner von einer Insel zur nächsten, bevor sie in Alaska das Festland erreichten.

Vorübergehender Archipel im Beringmeer

Beringmeer heute und vor 10.000 Jahren
Das Beringmeer heute und vor 10.000 Jahren. Bildrechte: Dobson, et al.

Als "Trittstein"-Migration haben Forscher der University of Kansas in den USA und der Universitäten Bologna und Urbino in Italien diese Hypothese deshalb bezeichnet. Ihre in der Zeitschrift Comptes Rendus Geoscience veröffentlichte Studie fußt auf der einstigen Existenz eines vorübergehenden Archipels aus zahllosen Inseln im Beringmeer namens "Beringia", der heute nicht mehr besteht.

Während der letzten Eiszeit war das jedoch anders. Weil gigantische Mengen von Meerwasser in den riesigen Gletschern jener Zeit eingeschlossen waren, sank der Meeresspiegel damals bis zu etwa 100 Meter unter den Stand von heute. Das führte dazu, dass weltweit riesige Flächen, auf denen heute Meer ist, Festland oder Inseln waren.

Größte Verlandung vor 20.500 Jahren

King Island im Beringmeer
King Island ist eine der wenigen verbliebenen Inseln im Beringmeer. Bildrechte: IMAGO / Bluegreen Pictures

Ihren Höhepunkt erreichte diese Verlandungsphase während des letzten glazialen Maximums vor etwa 20.500 Jahren. Unter Berücksichtigung der Isostasie, also der Verformung der Erdkruste aufgrund der wechselnden Tiefe und des Gewichts von Eis und Wasser, gelang den Studienautoren eine retrospektive Kartierung des Meeresspiegels im Gebiet des Beringmeeres. Dabei stellten sie fest, dass die zahlreichen Inseln von "Beringia" jeweils in Sichtweite zu einander lagen. Für Menschen, die vermutlich keine Segel kannten und sich paddelnd in Lederbooten wie den Kajaks und Umiaks der heutigen Inuit fortbewegten, waren die Distanzen gut zu bewältigen.

"Bering Transitory Archipelago"

Die Wissenschaftler um Hauptautor Jerome Dobson beschrieben ihre Entdeckung als geografische Besonderheit von beträchtlicher Größe. "Wir nannten es den 'Bering Transitory Archipelago'. Er existierte von vor etwa 30.000 Jahren bis vor 8.000 Jahren. Als wir es sahen, dachten wir sofort: 'Wow, vielleicht sind so die ersten Amerikaner rübergekommen.' Und in der Tat scheint alles, was wir getestet haben, genau dies zu bestätigen", betont der emeritierte Geografie-Professor der University of Kansas.

Insel-Hopping in kleinen Gruppen

Beringia im Zeitraum vor 30.000 bis vor 8.000 Jahren
"Beringia" im Zeitraum vor 30.000 bis 8.000 Jahren. Bildrechte: Dobson, et al.

Nach Ansicht von Dobson und Kollegen kamen die Vorfahren der ersten Amerikaner wahrscheinlich in kleinen Gruppen von Asien oder von Inseln vor der Küste Asiens über den vorübergehenden Bering-Archipel nach Amerika.

Die Reise lief demnach über ein "Förderband von Inseln", die sich aus dem Meer erhoben und später wieder untergingen. Über die Jahrtausende seien die Menschen immer weiter nach Osten verdrängt worden, erklärt Dobson: "Die ersten Inseln, die auftauchten, waren direkt vor der Küste Sibiriens. Dann erschienen Inseln immer weiter östlich." Auf ihnen hätten sich die Meeresmigranten im Laufe der Zeit immer weiter nach Osten bewegt. Als dann vor 10.500 Jahren erstmals die Beringstraße das Gebiet überflutete, seien fast alle Inseln im Westen untergegangen.

"Beringia" als Erklärung für DNA-Unterschiede

Die "Trittstein"-Hypothese von Dobson und Kollegen liefert zugleich ein starkes Argument für die sogenannte Beringsche Stillstandshypothese. Diese besagt, dass die ersten Amerikaner auf ihrem Weg von Asien nach Nordamerika über 15.000 Jahre irgendwo isoliert von anderen Bevölkerungen existiert haben müssen. Anders sei sonst nicht zu erklären, dass sich die mitochondriale DNA der amerikanischen Ureinwohner heute deutlich von der DNA asiatischer Völker unterscheidet. Der vor 30.000 bis 8.000 Jahren existierende Bering-Archipel hätte dafür das ideale Refugium geboten.

(dn)

Grafische Darstellung des glazialen Ozeans unter eiszeitlichem Eisschild. 4 min
Bildrechte: AWI / Martin Künsting

1 Kommentar

Harka2 vor 1 Wochen

Man könnte wie die Eskimos es noch heute tun auch einfach über das Eis gelatscht sein.

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