Wissen, was wir lesen Die Wikipedia-Story. Biografie eines Weltwunders

Junge Frau mit hellroten, schulterlangen Haaren, freundlichen blau-grauen Augen und einem leichtem Lächeln. Hält den Kopf etwas geneigt.
Bildrechte: Anne-Dorette Ziems

20 Jahre Gemeinschaftsprojekt Wikipedia. "Interessante, manchmal auch witzige Fakten" über das Portal und seine Geschichte hat MDR WISSEN-Volontärin Anne-Dorette Ziems in einem neuen Buch gefunden, zusammen mit zahlreichen "Anekdoten rund um einzelne Wikipedia-Artikel". Geschrieben hat dieses Buch ein Mann, der die Geschichte der Online-Enzyklopädie selbst erlebt hat.

Cover Wikipedia Story
Bildrechte: Campus Verlag

Es vergeht fast kein Tag, an dem es mich nicht mindestens einmal zu Wikipedia verschlägt. Und das, obwohl mir schon in der Schule eingetrichtert worden ist, dass Wikipedia keine akzeptable Quelle für Informationen ist. "Die Wikipedia Story" geht auch auf die Schwachstellen Wikipedias ein, aber macht vor allem deutlich, was die Online-Enzyklopädie so erfolgreich gemacht hat. Das Tollste an dem Buch sind die Anekdoten rund um einzelne Wikipedia-Artikel. Möglicherweise verrate ich auch ein paar. Aber natürlich nicht alle, keine Sorge.

Worum geht es?

Um Wikipedia natürlich. Das Buch startet mit der Geschichte der Online-Enzyklopädie. Wir erfahren, dass Wikipedia am 15. Januar 2001 online gegangen ist und es direkt am nächsten Tag schon eine deutsche Version der Website gegeben hat. Dann erzählt Autor Pavel Richter, wie ein Wikipedia-Artikel entsteht und wie er auch wieder verschwinden kann. Per Löschantrag nämlich. Und raten Sie mal, welcher Artikel regelmäßig einen Löschantrag abbekommt? Richtig: der über Angela Merkel.

Das beschreibt ganz gut, was eigentlich in jedem Kapitel mitschwingt: Wikipedia ist ein Gemeinschaftsprojekt. Ich kann erstmal machen und schreiben, was ich möchte, aber alle anderen können das eben auch. Und wenn ich gegen das Wikipedia-Prinzip – Wissen sammeln und frei zugänglich machen – verstoße, dann habe ich es schwer in Wikipedia. Dass das mit dem alle-können-alles-Schreiben auch manchmal schiefgehen kann, wird vor allem in dem Kapitel "Stalins Badezimmer: Fehler, Fakes und Fantasien" deutlich. Mein Lieblingskapitel aus dem Buch – was ich, ehrlich gesagt, nach dem Blick ins Inhaltsverzeichnis auch direkt als erstes gelesen habe.

Das Bild zeigt eine Bücherwand mit acht Regalen, die, mit zehn Regalböden ausgestattet, jeweils drei Regalböden größer sind als der zum Vergleich abgebildete Mensch. Sieben der Regale sind komplett voll, beim achten ist der unterste Regalboden fast gefüllt.
Stetiges Wachstum: Der Umfang der deutschen Wikpedia im Mai 2020 (oben) und heute (Link unten) Bildrechte: Campus Verlag

Wie schafft es das Buch, mich zu fesseln?

Die Reihenfolge der Kapitel ist nicht ganz so wichtig und ich habe sie auch nicht immer so ernst genommen – vor allem wenn ich eine Überschrift besonders ansprechend fand.

Das Buch überzeugt mit interessanten, manchmal auch witzigen Fakten. Und ich habe mir häufig gedacht: Wie konnte ich das nicht wissen? Ich benutze Wikipedia jeden verdammten Tag.

Anne-Dorette Ziems

Am Anfang habe ich durch das Buch total Lust bekommen, mir einen Account in Wikipedia zu erstellen und an der Enzyklopädie mitzuwirken. Das habe ich dann auch gemacht und sogar ziemlich schnell eine Kleinigkeit gefunden, die ich bearbeiten konnte. Gegen Ende des Buches hatte ich dann aber irgendwie nicht mehr ganz so viel Lust, da mitzumachen, vor allem nach den Abschnitten über Diskussionen.

Wer hat's geschrieben?

Autor Pavel Richter war Geschäftsführer und Vorstand der Wikimedia Deutschland. Der gemeinnützige Verein heißt mit vollem Namen "Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens" und kümmert sich zum Beispiel um die Weiterentwicklung der Software hinter Wikipedia, Öffentlichkeitsarbeit oder Fundraising. "Die Wikipedia Story" ist sein erstes Buch.

Ein freundlich lächelnder Mann in einem karierten Hemd mit Stirnglatze und eckinger, an der Unterseite randloser Brille.
Der Autor Bildrechte: Campus Verlag

Wie ist es geschrieben?

Das Buch ist schon auch eine kleine Liebeserklärung an Wikipedia. Pavel Richter zählt natürlich auch Probleme und Fehler auf. Er geht auf die fehlende Diversität von Wikipedianer*innen ein, die zu etwa 90 Prozent weiß und männlich sind. Und erklärt auch, warum es für Neulinge so schwierig sein kann, an dem Projekt mitzuarbeiten. Dass Diskussionen über Artikeländerungen ausufern können und der Umgangston eher rau ist. Dass eine Mitarbeit an Wikipedia mit viel Fleiß verbunden und zeitintensiv ist. Aber am Ende kommt er immer wieder zu dem Schluss, dass das eben auch das Erfolgsrezept von Wikipedia ist. Und das Wichtigste am Projekt die Ehrenamtlichen sind, die die Wikipedia pflegen und erweitern.

Das Buch ist sachlich geschrieben, enthält viele Fakten und Beispiele aus Wikipedia, wird aber erst so richtig authentisch und interessant durch den Autor selbst. Und zwar, weil man ihm wirklich abnimmt, den Laden zu kennen und durch ihn das Gefühl bekommt, einem Insider zu lauschen.

Cover Wikipedia Story
Bildrechte: Campus Verlag

Die Daten zum Buch Pavel Richter: Die Wikipedia-Story. Biografie eines Weltwunders, Campus Verlag 2020, 232 Seiten, 22,95 €, ISBN 978-3-593-51406-2

Was bleibt hängen?

Vor allem die ganzen Fun Facts, die Autor Pavel Richter immer wieder als Beispiele und Veranschaulichung einstreut. Ich rate allen, beim Lesen ein mobiles Endgerät in Reichweite zu haben, denn der Drang, Dinge in Wikipedia nachzuschlagen, wird multiple Male da sein. Zum Beispiel, wenn Pavel Richter davon erzählt, wie es der Artikel "Pizzakarton" auf die Liste der besonders lesenswerten Artikel geschafft hat.

Und sogar einige Offline-Fun-Facts sind dabei. Haben Sie gewusst, dass es für einige Jahre einen "rollenden [Wikipedia-] Stammtisch im ICE 570 von Hamburg nach Stuttgart" gegeben hat? Ich auch nicht. Ich bin auf jeden Fall fasziniert von dem gesamten Wikipedia-Projekt und vor allem dankbar, dass so viele Menschen ehrenamtlich Wissen sammeln und frei zugänglich machen.

Junge Frau mit hellroten, schulterlangen Haaren, freundlichen blau-grauen Augen und einem leichtem Lächeln. Hält den Kopf etwas geneigt.
Bildrechte: Anne-Dorette Ziems

Die Rezensentin Anne-Dorette Ziems wollte schon immer ganz genau wissen, wie die Welt funktioniert. Deswegen hat sie Physik studiert und gemerkt: Je mehr man weiß, desto mehr neue Fragen tun sich auf. So wird eine Wissenschaftsjournalistin zumindest nie arbeitslos. Sie würde hier gerne hinschreiben, dass sie permanent intellektuelle Sachbücher liest, aber eigentlich mag sie heimlich lieber romantische Komödien à la Bridget Jones.

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