Krebsforschung Bauchspeicheldrüsenkrebs: Neue Erkennungs- und Heilungsansätze

Bauchspeicheldrüsenkrebs ist ein tückischer Geselle: Schwer zu erkennen und wenn man ihn diagnostiziert, ist meist alles zu spät. Jetzt gibt es neue Ansätze, wie man ihn rechtzeitig finden oder heilen könnte.

Illustration - Bauchspeicheldrüse
Bildrechte: imago/Science Photo Library
Illustration - Bauchspeicheldrüse 5 min
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Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall: Besonders tückisch am Bauchspeicheldrüsenkrebs sind seine Symptome. Denn die sind extrem unspezifisch und können auf eine Vielzahl von Erkrankungen hinweisen. Gastroenterologen – also die Fachärzte für Bauch und Verdauungstrakt – müssen sich dann auf die Suche machen, woher solche Symptome stammen. Bringen Magen- und Darmspiegelung kein Ergebnis, geht es oft in den Magnetresonanztomographen. Doch auch das bringt im Frühstadium der Erkrankung nicht unbedingt Klarheit: Die Bildgebung zeigt Facharzt Rüdiger Behrens aus Halle zufolge Tumore frühestens ab einer Größe von fünf Millimetern.

Fatales Sicherheitsgefühl

Das macht den Bauchspeicheldrüsenkrebs in seiner Praxis zum Sorgenkind unter den Tumoren. Schon ein halbes Jahr nach einer Untersuchung ohne ersichtlichen Befund kann ein Bauchspeicheldrüsenkrebs Metastasen angesetzt haben und nicht mehr geheilt werden. Fatal für Patienten, die sich in Sicherheit wiegen, nachdem bei Untersuchungen, explizit auch zu einem möglichen Bauchspeicheldrüsenkrebs, nichts gefunden wurde.

Das passiert immer wieder und das ist dann natürlich besonders schmerzhaft.

Dr. Rüdiger Behrens, Gastroenterologe

Bauchspeicheldrüsenkrebs ist besonders aggressiv und kann extrem schnell wachsen. Schon früh beginnt er im Körper zu streuen. Für eine Operation ist es dann schon zu spät, erläutert Behrens. Das große Problem: Es gibt keine Möglichkeit zur Früherkennung. Andere Krebsarten geben Stoffe ins Blut ab, die sich detektieren lassen – sogenannte Tumormarker. Aber so einen Biomarker gibt es bei Bauchspeicheldrüsenkrebs nicht. Dabei würde so ein Bluttest die Heilungschancen vieler Betroffener verbessern, sagt Behrens:

Dann könnte man gezielt gucken. Selbst wenn man im MRT noch nichts sehen würde, würde man dranbleiben, immer wieder gucken und nachhaken, kurzfristige Kontrollen machen. Das wäre ein Segen, wenn man das hätte.

Dr. Rüdiger Behrens

Früh erkennen, bessere Chancen im OP

Dann könnten viel mehr Betroffene früh diagnostiziert und operiert werden. Ein frühes Stadium macht die Operation nämlich häufig auch einfacher, sagt Viszeralchirurg (Experte für Bauchchirurgie) Marcos Gelos vom Alfried Krupp Krankenhaus in Essen.

Die Operation, um diesen Krebs zu behandeln, ist sehr anspruchsvoll und eine der größten Operationen im Bauchraum.

Dr. Marcos Gelos, Viszeralchriurg

Doch nun macht ein neuer Ansatz Hoffnung: Der Essener Chirurg Gelos und der Chemie-Professor Dariush Hinderberger aus Halle haben sich dafür zusammengetan. Die Idee: Könnte vielleicht ein Eiweiß, das in großer Menge im Blut vorkommt, Hinweise auf den Krebs liefern? Hinderberger forscht schon länger am Eiweiß Albumin. Das ist der Haupt-Transporteur für Moleküle quer durch unseren Körper:

Wir haben uns überlegt: Wir haben hier die Expertise über das Albumin und auf der anderen Seite die Möglichkeit, das Krebs eventuell tatsächlich einen Effekt hat auf Albumin.

Prof. Dariush Hinderberger, Physikalische Chemie, Uni Halle

Hilft ein Eiweiß bei der Diagnose?

Der Essener schickte also Blutproben nach Halle. Die Forschenden hier haben sie mithilfe einer speziellen Magnetresonanz-Methode und ein paar kleinen Helfern, Fettsäuren, analysiert, erklärt Chemie-Professor Hinderberger. Diese "Fett-Spione" wurden also in die Blutproben gegeben und man schaute, wie das Albumin reagiert. Docken alle sieben Fette an oder gibt es Unterschiede? Und tatsächlich: Die Krebs-Proben zeigten Veränderungen an einem Teil der Albumin-Moleküle, erläutert Hinderberger:

Es sind wirklich sehr kleine Änderungen, sehr lokale Änderungen. Zum Beispiel an der Stelle, wo manche der Fettsäuren einbinden.

Prof. Dariush Hinderberger - Universität Halle

Doch diese kleinen Veränderungen könnten einen großen Unterschied bei der Früherkennung machen: Verändert der Bauchspeicheldrüsenkrebs das Albumin, könnte es als indirekter Biomarker genutzt werden. Und nicht nur das: In den Analysen unterschieden sich sogar die Veränderungen der Albumine von Patienten mit bösartigen Tumoren von denen mit gutartigen Tumoren. Für den Chirurgen Gelos ist der Ansatz deshalb auch in Hinblick auf den klinischen Alltag interessant, nämlich dann, wenn die Methode sehr verlässlich wäre. Allerdings seien noch nicht genügend Fälle untersucht. Den möglichen Nutzen beschreibt er so:

In einer Situation, in der man unsicher ist, ob das gut- oder bösartig ist, könnte man einem Patienten durchaus eine Operation ersparen.

Dr. Marcos Gelos

Nämlich immer dann, wenn die gutartigen Tumore bleiben können, wo sie sind. Doch bis es soweit ist, werden noch viele nicht unbedingt notwendige Operationen gemacht werden müssen. Momentan ist die Forschung aus Halle nur ein Ansatz. Einen möglichen Bluttest für Bauchspeicheldrüsenkrebs tatsächlich zu entwickeln und in die Klinik zu bringen, wird noch Jahre oder gar Jahrzehnte dauern.

Anderer Ansatz: "Aufgemotztes" Vaccinia-Virus gegen den Krebs

Bis dahin weiß man vielleicht auch schon mehr, was einen neuen Ansatz zur Therapie angeht, den ein britisch-chinesisches Forschungsteam verfolgt: Dabei wird der Bauchspeicheldrüsenkrebs mit einem modifizierten onkolytischen Vaccinia-Virus behandelt. Onkolytische Viren sind solche, die Krebszellen infizieren und sich in ihnen vermehren. Für den Bekämpfungsansatz mit dem Vaccinia-Virus wurde der genetische Code von zwei Proteinen verändert. Eines, das dem Virus hilft, sich in und außerhalb des Tumors zu verbreiten. Und ein anderes wurde mit dem Protein IL-21 ausgestattet – dadurch kann das Virus die Immunantwort gegen den Krebs besser auslösen. Diese so veränderte Viren könnten einfach gespritzt werden und sowohl zur Krankheitsbekämpfung als auch präventiv gegen mögliche Rückfälle eingesetzt werden.

Erste präklinische Versuche zeigten: Das Virus baute die unterdrückende Tumor-Mikroumgebung erfolgreich um und löste starke Anti-Tumor-Immunantworten aus. Das Forschungsteam rechnet damit, dass es ab 2024 mit klinischen Phase-1-Tests anfangen kann. Die Forschungsgelder dafür lägen nach Angaben der Wissenschaftler bereits vor. Die Studie dazu können Sie hier lesen.

kk/lw

2 Kommentare

Rotti vor 37 Wochen

Ein echter Fortschritt, was man da liest. Warum, so frage ich mich, wird der Impfstoff erst so lange getestet? Anderweitig geht das doch auch schneller....

seaking vor 37 Wochen

Wenn es so ist, wie man es beschreibt, wäre es ein grandioser Durchbruch in der Wissenschaft...