Erklärung Universität Jena Jenaer Forscher: Menschenrassen gibt es nicht

Menschen nach Rassen zu sortieren, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Spitzenforscher aus Zoologie und Anthropologie in Jena grenzen sich von ihren wissenschaftlichen Vorgängern ihres Institutes ab.

Hauptgebäude, Friedrich-Schiller-Universität, Jena, Thüringen, Deutschland
Die Uni Jena blickt eine lange Geschichte zurück Bildrechte: imago stock&people

Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung.

Jenaer Erklärung 2019

Mit einer mehrseitigen Schrift grenzt sich das Institut für Zoologie und Evolutionsforschung der Friedrich-Schiller-Universität jetzt von seinen Vorgängern aus dem 20. Jahrhundert ausdrücklich ab. Anlass ist der 100. Todestag des umstrittenen Gelehrten und Evolutionsbiologen Ernst Haeckel, der eng mit der Universität Jena verknüpft ist.

Warum machen die das?

Warum diese Klarstellung von Jenaer Spitzenforschern kommt, zeigt ein Blick in die Thüringer Wissenschaftsgeschichte: In Jena lehrte und forschte der Zoologe und Evolutionsbiologe Ernst Haeckel, der von 1834 bis 1919 lebte, und der als der "deutsche Darwin" galt.

Wer war Ernst Haeckel?

Haeckel beschäftigte sich früh mit den Schriften Darwins und Humboldts. Darwin traf er tatsächlich mehrfach persönlich und verbreitete in seinen Schriften dessen Theorien in Deutschland. An der Universität nannten Studenten Haeckel wegen seiner Vorliebe für Quallen auch den "Medusenprofessor".

Ernst Heinrich Philipp August Haeckel
Ernst Haeckel: Er verbreitete sein Wissen und seine Theorien oft auch bei populären Vorträgen. Bildrechte: imago/United Archives International

Er reiste viel, entdeckte und beschrieb tausende neue Arten. Was ihn bis heute so umstritten macht: Er entwickelte Stammbäume zur Darstellung des Evolutionsverlaufs, aber auch auch die vermeintlich wissenschaftliche Einordnung von Menschen in Rassen. Umstritten ist er auch wegen seiner Beteiligung an Diskussionen über Eugenik. So schreibt er in seinem Werk von 1904 "Die Lebenswunder", die Tötung von verkrüppelten Kindern als "zweckmäßige, sowohl für die Beteiligten wie für die Gesellschaft nützliche Maßregeln" oder über "hunderttausende unheilbar Kranke, namentlich Geisteskranke, die künstlich am Leben erhalten werden ohne Nutzen für sie selbst oder die Gesamtheit." Das, was die Nazis später in ihren Eugenik-Programmen umsetzten, indem sie Menschen töteten, die sie als "lebensunwert" einordneten.

1908 gründete Haeckel in Jena das Museum für Abstammungslehre: Die "Basis", mit der der Nationalsozialismus seinen Rassismus wissenschaftlich begründet hat. Haeckel vermachte seinen Nachlass, darunter seine Villa Medusa, der Universität Jena. Diese gestaltete daraus das nach ihm benannte Ernst-Haeckel-Memorial Museum. Das Haus steht bis heute und wurde kürzlich saniert.

Haeckels Ideen lebten weiter

Ariernachweis aus dem 3. Reich - ein Papierstück mit alter deutscher Schrift.
"Der kleine Ariernachweis"- der über eine "reinrassige" Herkunft Auskunft geben sollte. Bildrechte: imago/imagebroker/grassegger

In das gleiche Horn wie Haeckel tutete nur wenig später, in den 1930er-Jahren in Weimar dann Karl Astel: Der Präsident des "Thüringischen Landesamtes für Rassewesen" in Weimar wollte die Universität Jena zu einer "rassisch einheitlichen SS-Universität" entwickeln, die schließlich vier Professuren zur Rassenkunde bekam.

"Es ist der Rassismus, der Rassen geschaffen hat"

Bis heute grassiert dieses Denken, die Erhöhung von Menschen über andere , auch wenn heutige Rassisten den Begriff "Rasse" meiden und stattdessen von "Ethnopluralismus", "Reinhaltung" und "Selektion" sprechen. Von den Vordenkern dieser rassistischen Überhöhung grenzen sich die Jenaer Wissenschaftler von heute rigoros ab.

Auch die Kennzeichnung 'des Afrikaners' als vermeintliche Bedrohung Europas und die Zuordnung bestimmter biologischer Eigenschaften stehen in direkter Tradition des übelsten Rassismus vergangener Zeiten. Sorgen wir also dafür, dass nie wieder mit scheinbar biologischen Begründungen Menschen diskriminiert werden und erinnern wir uns und andere daran, dass es der Rassismus ist, der Rassen geschaffen hat und die Zoologie/Anthropologie sich unrühmlich an vermeintlich biologischen Begründungen beteiligt hat.

Jenaer Erklärung 2019

Genetische Vielfalt statt typologischer Konstrukte

Die wissenschaftliche Erforschung der genetischen Vielfalt habe die Rassenlehre als bloßes typologisches Konstrukt entlarvt, so die Erklärung. "Anstelle von definierbaren Grenzen verlaufen zwischen menschlichen Gruppen genetische Gradienten. Es gibt im menschlichen Genom unter den 3,2 Milliarden Basenpaaren keinen einzigen fixierten Unterschied, der zum Beispiel Afrikaner von Nicht-Afrikanern trennt. Es gibt – um es explizit zu sagen — somit nicht nur kein einziges Gen, welches 'rassische' Unterschiede begründet, sondern noch nicht mal ein einziges Basenpaar", so die Jenaer Wissenschaftler.

Dieses Thema im Programm: MDR Thüringen Journal | 09. August 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2019, 10:27 Uhr

34 Kommentare

Querdenker vor 9 Wochen

Auch wenn man beim heute lebenden Menschen nicht von „Menschenrassen“ oder Unterarten (mangels genügend großer Unterschiede) reden kann, ist eine Einteilung des Menschen nach genetischen Merkmalen möglich. Diese Einteilungen werden auch selbstverständlich vorgenommen.

siehe „spiegel Neandertaler-Erbgut schützte Mensch vor Krankheiten“

Zitat: „Für wohl einige Jahrtausende lebten Neandertaler und moderner Mensch jedoch zeitgleich und zeugten gemeinsamen Nachwuchs. Als Ergebnis verfügen die meisten modernen Europäer und Asiaten heute über etwa zwei Prozent Neandertaler-DNA in ihrem Genom.“

Es gibt also Menschen mit und ohne Neandertaler-DNA.

Querdenker vor 9 Wochen

Es ging um Ihre Aussage und die halte ich an der von mir zitierten Stelle für falsch.

siehe „faz Gibt es menschliche Rassen? Genetische Unterschiede“

Zitat: „Individuen können damit allein durch Genanalysen sicher bestimmten Gruppen zugeordnet werden. Lewontins Aussage, eine solche Klassifikation habe keine genetische oder taxonomische Bedeutung, ist falsch.“

Man kann Menschen genetisch unterteilen. Ob man deswegen von „Menschenrassen“ reden kann, ist eine andere Frage. Ich sage nein, weil die Unterschiede dazu nicht ausreichend groß sind.

Deswegen heißt es in dem FAZ Artikel auch

Zitat: „Trotz der harten biologischen Grundlage, die jede solche Einteilung hätte, bleibt es trotzdem richtig, dass „Rassen“ (wie übrigens auch fast alle anderen taxonomischen Kategorien) zugleich menschliche Erfindungen und am Ende soziale Konstrukte sind.“

Die Diskussion wird nicht differenziert geführt, sondern folgt zu oft einem schwarz/weiß Schema aus politischen Gründen.

MDR-Team vor 9 Wochen

Lieber Querdenker,
die Zwischenüberschrift des FAZ-Artikels taugt nicht, um die These zu widerlegen. Die Kernaussage in der FAZ lautet: prinzipiell könnte man aus biologischer Sicht eine Klassifizierung in Rassen vornehmen, doch dies ist sehr fehlerbehaftet: "Keine Frage, eine Klassifikation, die so oft danebenliegt, ist nicht viel wert."
Freundliche Grüße aus der MDR-Wissen-Redaktion