Buchtipp der Woche Energierevolution jetzt! Mobilität, Wohnen, grüner Strom und Wasserstoff: Was führt uns aus der Klimakrise – und was nicht?

Porträtaufnahme einer weißen Frau mit zurückgebundenen Haaren, einer großen Brille und grüner Bluse
Bildrechte: Tobias Thiergen

Die Zeit läuft uns davon: Wollen wir die Klimaerwärmung aufhalten, müssen wir dringend handeln und unser Leben grundlegend ändern. Aber wie soll das gehen? Das Buch "Energierevolution jetzt!" zeigt Wege auf, wie Deutschland der Ausstieg aus den fossilen Energien schnell gelingen kann und welche Wege dafür am sinnvollsten sind. Im Fokus liegen dabei die Bereiche Energiegewinnung, Wohnen, Mobilität und unsere Ernährung. MDR WISSEN-Autorin Kristin Kielon hat es sich angeschaut.

Das Cover von "Energierevolution jetzt" ist ähnlich aufgebaut wie der Blick auf eine Landschaft. Etwas oberhalb der Mitte ein tiefroter Horizont, darüber ein Windkraftrad vor einem gelben "Himmel". Unterhalb des Horizonts wird das rot heller und geht in eine blaue Fläche mit weißen Streifen über. Darüber Autor*innen und Buchtitel.
Unsere Buchempfehlung zum Thema Energiewende Bildrechte: Hanser Verlag

Aufruf zur Revolution

Die Klimakrise ist ein Thema, das spätestens dank der Fridays for Future-Bewegung in aller Munde ist. Und trotzdem ist vieles, über das da diskutiert wird, recht abstrakt und wirft bei einem Laien viele Fragen auf: Ist die Welt überhaupt noch zu retten? Ist grüner Wasserstoff die Lösung all unserer Probleme? Reichen Solar- und Windkraft aus oder sitzen wir bald im Dunkeln ohne Energieimporte? Und müssen wir wirklich aufhören zu fliegen und Fleisch zu essen? Und was würden solche individuellen Konsumenten-Entscheidungen eigentlich bringen? Das sind nur einige der Fragen, die das Buch "Energierevolution jetzt!" beantwortet und zwar so, dass alle Leserinnen und Leser sie auch verstehen können. Die komplexen Zusammenhänge und komplizierten technischen Ansätze werden verständlich und gleichzeitig wird deutlich: Die Zeit rennt uns davon. Deshalb reden Cornelia und Volker Quaschning auch explizit nicht von einer Energiewende, sondern von einer Revolution - einer konzentrierten, schnellen und grundsätzlichen Änderung bei der Energiegewinnung weg von fossilen Energieträgern hin zu den Erneuerbaren.

Zwei Tortendiagramme, aus denen hervorgeht, dass der Anteil der Erneuerbaren am Strombedarf etwas über 50% beträgt, am Gesamtenergiebedarf aber nicht einmal ein Viertel erreicht.
Anteil der verschiedenen Energieträger am Stromverbrauch (links) und am Gesamtenergiebedarf in Deutschland 2020 Bildrechte: Hanser Verlag / Energierevolution jetzt

Komplizierte Themen verständlich erklärt

Das Buch überzeugt nicht unbedingt dadurch, dass es visuell besonders ansprechend ist. Die sogenannten Warming-Stripes auf dem Cover machen klar, worum es geht, aber ansonsten kommt es mit Öko-Papier recht nüchtern daher. Aber immerhin ist das konsequent: Das Buch ist klimaneutral, sagt ein Info-Label. Insgesamt ist es jedoch sehr textlastig - aufgeteilt in zahlreiche Unterkapitel und unterbrochen von illustrierenden Grafiken. Trotzdem schaffen es die Autorin und der Autor ihre Leserschaft zu fesseln - und zwar mit ihrer beeindruckenden Fachkompetenz und der Fähigkeit extrem komplizierte Sachverhalte verständlich und einfach zu erklären.

Die Grafik zeigt die Emissionen, die auf unterschiedliche Nahrungsmittel zurückzuführen sind. Von Kartoffeln (mit den geringsten Emissionen) bis hin zu Schaf- und Ziegenfleisch mit dem höchsten Ausstoß.
Anschauliche Grafiken illustrieren die Kernaussagen und zeigen etwa, wie unsere Ernährung das Klima beeinflusst. Bildrechte: Hanser Verlag / Energierevolution jetzt

Selbst wer noch nie etwas von technischen Ideen wie der CO2-Rückholung gehört hat, wird nach der Lektüre ein gutes Bild von den Möglichkeiten und vor allem den Unmöglichkeiten bekommen. Denn auch das ist ein Punkt, der mich als Leserin gefesselt hat: Das Buch nimmt typische Ideen und Argumente, die einem im Rahmen des Themas immer wieder von mehr oder weniger versierten Personen vorgetragen werden, auseinander und prüft sie auf ihre Plausibilität. So, dass man wirklich einen Eindruck bekommt, wie wichtig welche Maßnahme wäre. Auch wenn das spätestens beim Thema Essen mindestens für ein schlechtes Gewissen sorgt, maximal jedoch zum Überdenken der eigenen Gewohnheiten führt.

Vom Podcast zum Buch

Cornelia und Volker Quaschning sind nicht nur verheiratet, sondern engagieren sich schon seit Jahrzehnten gemeinsam für die Umwelt. Das hatte auch berufliche Folgen: Volker Quaschning ist heute Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und eine der lauteren Stimmen in der Klimaschutz-Bewegung. Dementsprechend verwundert es nicht, dass das Buch auch einen aktivistischen Anstrich hat und immer wieder auf die Dringlichkeit des Themas gepocht wird. Allerdings weiß er natürlich von fachlicher Seite auch sehr gut, wovon er spricht. Apropos Sprechen: Das Paar produziert auch den gemeinsamen Podcast "Das ist eine gute Frage", bei dem es um Fragen rund um die Klimakrise geht. Die beliebtesten Folgen des Podcasts wurden auch zur Grundlage des Buches, schreiben der Autor und die Autorin.

Das Cover von "Energierevolution jetzt" ist ähnlich aufgebaut wie der Blick auf eine Landschaft. Etwas oberhalb der Mitte ein tiefroter Horizont, darüber ein Windkraftrad vor einem gelben "Himmel". Unterhalb des Horizonts wird das rot heller und geht in eine blaue Fläche mit weißen Streifen über. Darüber Autor*innen und Buchtitel.
Unsere Buchempfehlung zum Thema Energiewende Bildrechte: Hanser Verlag

Die Daten zum Buch Cornelia und Volker Quaschning: Energierevolution jetzt! Mobilität, Wohnen, grüner Strom und Wasserstoff: Was führt uns aus der Klimakrise – und was nicht? Hanser Verlag 2022, 288 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-446-27301-6

Nur Verstehen führt zu Veränderung

Bei den großen Themenkomplexen, die in dem Buch angesprochen werden, hatte ich vermutet, dass man beim Lesen etwas überfordert sein könnte. Immerhin sind das ja einige der Themen, bei denen viele Menschen in Diskussionen etwas Abstand nehmen, weil sie das Gefühl haben, viel zu wenig darüber zu wissen. Doch ganz im Gegenteil: Die Lektüre ist gar nicht kompliziert, sondern die Autorin und der Autor nutzen eine einfache, alltägliche und dennoch präzise Sprache, die für alle verständlich sein dürfte. Sie beschreiben anschaulich, nutzen Beispiele und Vergleiche. Und dennoch bleibt nicht verborgen, dass hier ein Wissenschaftler am Werk war: Es werden immer wieder entsprechende Quellen angeführt und auf Studienergebnisse verwiesen. Und auch der Humor kommt nicht zu kurz - etwa bei der Frage, ob Kühe nun eigentlich das Klima kaputt rülpsen oder nicht?

Die Grafik zeigt die Emissionen durch den Verkehr von 1990 bis 2020 und zeigt über Prognosen bis zum Jahr 2040, dass der Ausstoß stark reduziert werden muss.
Das Paris-Ziel ist mit den aktuellen Plänen der Politik gar nicht zu erreichen. Besonders im Verkehrssektor sehen die Quaschnings dringenden Handlungsbedarf. Bildrechte: Hanser Verlag / Energierevolution jetzt

Eine Revolution als letzte Chance

Ein bisschen Klimaschutz wird nicht reichen. Die Veränderungen müssen nicht nur schnell kommen, sondern sie müssen massiv sein und sie werden das Leben von jedem einzelnen von uns verändern müssen. Das ist die Kernbotschaft, die das Buch seinen Leserinnen und Lesern mitgibt. Nach der Lektüre können die auch recht gut einschätzen, was das im Einzelnen für sie selbst und ihr alltägliches Leben bedeutet. Und dass diese krasse Veränderung nicht (nur) schlecht ist, sondern, dass sie auch eine Chance sein kann: für hunderttausende Menschen mit Sorge vor Arbeitslosigkeit, auf die ganz neue Jobs warten zum Beispiel, oder für die Städte, in denen keine stinkenden Verbrenner mehr die Luft verpesten, oder aber für mich und dich, die wir dank erneuerbarer Energien bares Geld sparen können. Das Schlimmste lässt sich jetzt noch verhindern, sind sich die Autorin und der Autor sicher, aber wir müssen sofort handeln und es muss revolutionär sein.

Porträtaufnahme einer weißen Frau mit zurückgebundenen Haaren, einer großen Brille und grüner Bluse
Bildrechte: Tobias Thiergen

Die Rezensentin Ist extrem neugierig und glaubt nicht, dass irgendetwas so kompliziert ist, dass es nicht alle verstehen können. Sie "übersetzt" deshalb im Radio, im Internet und auch mal im Bewegtbild – am liebsten Themen aus Naturwissenschaften, Technik, Psychologie und Medizin.

4 Kommentare

Bernd1951 vor 3 Wochen

Hallo nasowasaberauch,
"Wenn global so nachhaltig wie in Deutschland seit 1990 der CO2 Ausstoß reduziert worden wäre, dann bräuchte es keine Klimagipfel oder solche Bücher."
Eine kleine Frage zu Ihrem Satz:
Haben Sie sich schon einmal die entsprechenden Zahlen, für jeden abrufbar, vom Länderarbeitskreis "Energiebilanzen" angesehen ?
Wobei zusätzlich anzumerken ist, dass die Zahlen von 1990 keine belastbare Grundlage haben.
Ich habe den Hinweis auf diese Zahlen von einem Mitarbeiter des Bundesumweltamts auf Nachfrage bekommen.
Einfach einmal recherchieren unter "Länderarbeitskreis Energiebilanzen"
Unabhängig davon pflichte ich Ihrem Satz
"Die Welt funktioniert aber nicht so wie Deutschland und deshalb wird die Emission weiter steigen und wir brauchen eher eine Anleitung "Wie wir uns auf die Klimaveränderung vorbereiten sollten"."
bei. Es wird auf der Welt keine "Insel der Klimaretter" geben.

nasowasaberauch vor 3 Wochen

Wir, dh. also Deutschland, retten die Welt. Wenn global so nachhaltig wie in Deutschland seit 1990 der CO2 Ausstoß reduziert worden wäre, dann bräuchte es keine Klimagipfel oder solche Bücher. Die Welt funktioniert aber nicht so wie Deutschland und deshalb wird die Emission weiter steigen und wir brauchen eher eine Anleitung "Wie wir uns auf die Klimaveränderung vorbereiten sollten".

Bernd1951 vor 3 Wochen

Eine Vorbemerkung zum Info-Label des Buchs:
"Das Buch ist klimaneutral, sagt ein Info-Label." Auch wenn das Buch auf Öko-Papier gedruckt ist, ist es m. E. noch lange nicht klimaneutral oder ich habe eine falsche Vorstellung von Klimaneutralität.
Das Buch reiht sich trotz seines m. E. provokanten Titels in die Reihe der Bücher mit ähnlichem Inhalt ein. Dazu fallen mir die Worte aus Goethes Faust ein:
"Der Worte sind genug gewechselt,
Laßt mich auch endlich Taten sehn!"
Die grundlegende Frage ist m. E. die, ob die aktuell vorhandene Gesellschaftsordnung mit dem ihr innewohnenden Grundsatz des ständigen Wachstums und des Zusammenspiels zwischen Angebot und Nachfrage überhaupt in der Lage ist, die Klimakrise wenigstens etwas stärker abzumildern. Eine Frage auf die ich leider auch keine Antwort habe. Und wenn die Verantwortlichen in der Politik das Problem erkannt haben, so wollen sie doch in 4 Jahren wiedergewählt werden und bis dahin ihren Wählern keine größeren Belastungen aufbürden.