Covid-19 Wie ansteckend sind Kinder und Jugendliche wirklich?

Im Frühjahr sah es so aus, als würden sich Kinder und Jugendliche kaum mit dem Coronavirus anstecken. Inzwischen steigen auch in diesen Altersgruppen die Infektionszahlen. Selbst wenn es bislang noch keine eindeutigen Aussagen dazu gibt, welche Rolle sie genau im Pandemiegeschehen spielen, liegen doch inzwischen viele belastbare Studien vor, die zumindest Licht ins Dunkel bringen.

Ein Junge schreibt im Klassenzimmer an die Tafel. 3 min
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Kita- und Schulschließungen sowie Quarantänezeiten für Kinder und Jugendliche machen deutlich: Covid-19 macht vor Kindern und Jugendlichen nicht halt. In ihren Einrichtungen sind sie nach wie vor in geschlossenen Räumen zusammen, deshalb müsse man die Infektionswege dort besonders untersuchen, forderte die Virologin Isabella Eckerle von der Universität Genf (in den Tagesthemen). Man habe sich zu lange auf die Daten aus der ersten Jahreshälfte berufen, die Situation habe sich aber verändert. Gerade wenn die Schulen offen blieben, müsse man untersuchen, welchen Weg die Infektionen dort nehmen.

Weltweit unterschiedliche Studienergebnisse

Die Frage, welche Rolle Kinder im Corona-Infektionsgeschehen spielen, beschäftigt Forscherteams auf der ganzen Welt. In ihren Studien kommen sie zu teils sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Einige Untersuchungen zeigen, dass sich Kinder unter zehn Jahren generell weniger häufig infizieren. Eine Meta-Studie aus Großbritannien hat dazu 32 Studien analysiert. Meta-Studien gelten als besonders valide. Das gilt aber auch für Studien, die große Datensätze auswerten, wie die von der Princeton University: Dort haben Forschende in einer Kontaktverfolgungsstudie mehr als eine halbe Million Daten aus Indien untersucht. Das Ergebnis: Kinder sind sehr wohl stark ansteckend - allerdings vor allem in der eigenen Altersgruppe. Zwei ähnlich belastbare Studien - zwei unterschiedliche Ergebnisse.

Kinder sind Teil des Infektionsgeschehens

Eine ganze Reihe aktueller Untersuchungen stützt die These, dass auch Kinder infektiös sein können - Jugendliche sogar genau so stark wie Erwachsene. Mikrobiologie-Professor Michael Wagner von der Universität Wien ist daher überzeugt, dass Kinder ganz gleich welchen Alters eine Rolle im Infektionsgeschehen spielen:

Auch jüngere Kinder können sich anstecken und Infektionen weitergeben. Es gibt gerade eine neue Studie aus den USA, die zeigt, dass Kinder unter zwölf Jahren in Haushalten mindestens genauso infektiös sind wie Kinder über zwölf Jahre.

Prof. Michael Wagner, Mikrobiologe

Kinder häufiger infiziert als vermutet

Auch eine Studie vom Helmholtz-Zentrum München zeigt, dass die untersuchten Kinder deutlich häufiger Antikörper im Blut hatten, als die Zahl der registrierten Infektionen erwarten ließ. Das spricht einerseits für eine hohe Dunkelziffer an Infektionen, kann aber auch an einer Kreuzreaktion mit anderen Coronaviren liegen. Die Kinder könnten durch frühere Kontakte mit harmloseren Coronaviren Antikörper gebildet haben, die auch das Eindringen von Sars-CoV-2 verhindern. Eine entsprechende Studie veröffentlichten britische Wissenschaftler im Fachmagazin Science.

Weil Kinder deutlich seltener Symptome entwickeln, sieht es so aus, als bekämen sie seltener Corona. Mehrere Studien legen jedoch nahe, dass sie dennoch eine Viruslast tragen können und damit auch für andere Personen ansteckend sein können.

Isabella Eckerle, Virologin, Universität Genf

Für eindeutigere Aussagen weiter Testreihen nötig

Kurzfristig ist kaum mit eindeutigen und belastbaren Aussagen zur Rolle von Kindern im Infektionsgeschehen zu rechnen. Denn gerade weil sie oft keine Symptome zeigen, sind längerfristige Testreihen nötig. Bundesweit sind schon mehrere solcher Untersuchungen gestartet. Die WHO fasst die bisherigen Erkenntnisse in ihrem Coronavirus-Update 39 so zusammen: Die Rolle von Kindern bei der Übertragung ist noch nicht vollständig aufgeklärt. Kinder jeden Alters können infiziert sein und das Virus auf andere übertragen. Bisherige Studien zeigen, dass Kinder unter zehn Jahren weniger ansteckend sind als ältere Kinder. Bei Teenagern treten Infektionen häufiger auf als bei jüngeren Kindern und sie scheinen sie auch häufiger zu übertragen.

Die Frage, wie infektiös vor allem kleine Kinder tatsächlich sind, ist also noch nicht abschließend beantwortet. Sehr wahrscheinlich hingegen ist, dass es zwischen Jugendlichen und Erwachsenen keinen Unterschied gibt. In Hinblick auf die Schule als möglichen Infektionsherd dürfte also eher das die Gruppe sein, die noch besonders relevant werden könnte. Zu diesem Schluss kommt auch das Fachmagazin Nature, das aktuelle Forschungsergebnisse zusammengefasst hat.

(kk/krm)

6 Kommentare

Querdenker vor 1 Wochen

Die Meta-Studie vom September 2020 wertet im Wesentlichen älteren Studien der ersten Welle aus. In der Meta-Studie beklagen die Forscher ein Mangel an Daten und sie erhoffen sich in Zukunft mehr Daten zu bekommen.

siehe „jamanetwork Susceptibility to SARS-CoV-2 Infection Among Children and Adolescents Compared With Adults“

Mit der indischen Studie liegen nun sehr umfangreiche aktuelle Daten (über 570.000 Menschen aller Altersstufen) vor. Aus einem Land mit hohem Infektionsgeschehen.

siehe „spiegel Kinder offenbar doch ansteckender als gedacht“

Wenn in der Meta-Studie z.B. eine Studie aus Singapur bzgl. Schulen herangezogen wird, dann ist es auch wichtig zu wissen, dass es dort relativ harte Maßnahmen gibt und die Bevölkerung dabei stark mitmacht.

siehe „welt Corona in Singapur: Hier befolgen die Menschen alle Auflagen“

Deutschland aber ist in der Realität der zweiten Welle mit hohem Infektionsdruck angekommen (siehe „welt Fast 100 Corona-Infektionen an Schule in Hamburg-Veddel“).

MDR-Team vor 1 Wochen

Hallo "Querdenker", so richtig wissen wir nicht wo Sie hin wollen. Der BR sagt in seinem Artikel genau das Selbe und hat die gleichen Studien und Quellen (zudem ist der Teil der ARD). Ihr erster Ansatz ist absolut nicht nachvollziehbar und unterstellend. Die Kultusminister haben sich dafür entschieden, weil die psychosoziale Komponente eine Rolle spielt. Kurzfristig ist kaum mit eindeutigen und belastbaren Aussagen zur Rolle von Kindern im Infektionsgeschehen zu rechnen. Denn gerade weil sie oft keine Symptome zeigen, sind längerfristige Testreihen nötig. Die Frage, wie infektiös vor allem kleine Kinder tatsächlich sind, ist also noch nicht abschließend beantwortet. Sehr wahrscheinlich hingegen ist, dass es zwischen Jugendlichen und Erwachsenen keinen Unterschied gibt. Fakt ist, dass es einige widersprüchliche Studien gibt. Dies wiederum bedeutet, dass die Wissenschaft "am Ball" bleibt. So auch die Kernaussagen fast aller Studien. Liebe Grüße

Querdenker vor 1 Wochen

Zitat: „Zwei ähnlich belastbare Studien - zwei unterschiedliche Ergebnisse.“

siehe „jamanetwork Susceptibility to SARS-CoV-2 Infection Among Children and Adolescents Compared With Adults“

Zitat: „… yet studies were predominantly of medium and low quality, with only 2 high-quality studies.“

Übersetzung: „Die Studien waren jedoch überwiegend von mittlerer und niedriger Qualität, mit nur 2 Studien von hoher Qualität.“

Nur zwei Studien von den 32 untersuchten Studien waren von hoher Qualität.

Nur drei Studien (aus Australien, Irland und Singapur) untersuchten Infektionsgeschehen an Schulen. Länder mit relativ geringem Infektionsgeschehen und Insellage.

siehe „dw Kampf gegen Corona in Asien: Erfolg dank Datenzugriff“

Zitat: „Der offizielle Lockdown in Singapur endete Mitte Juni. Aber das Leben ist noch nicht zur Normalität zurückgekehrt. … … Schulen und Kitas, Museen, Kinos, Fitnessstudios und Büros sind unter strengen Vorsichtsmaßnahmen und begrenzter Besucherzahl wieder geöffnet.“

Schulsport 1 min
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