Glosse Meißen oder München - Hauptsache schnell zum Flughafen

Die Datenbrille macht das Leben objektiver und genauer. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung haben wir mit dem MDR Wissen Deutschland-Doppel deshalb Daten genutzt, um auf unser Land zu schauen. Wir erhalten einen neuen Blick auf die Dinge und erkennen sogar manchmal, was wir innerlich schon lange wussten. Zum Beispiel: Meißen und München sind Zwillinge.

Blick auf die Altstadt von Meißen mit der Albrechtsburg im Hintergrund und der Elbe im Vordergrund.
Bildrechte: imago images/Steffen Unger

Nein, es geht hier nicht nur darum, dass beider Namen mit M beginnen. "Doch was dann? München ist doch viel größer", werden Sie jetzt kopfschüttelnd und ungläubig sagen. Vielleicht. Aber auf die Größe kommt es nicht an, sondern auch auf die Länge. Vor allem auf die Länge der Fahrt zum nächsten Flughafen. Denn ob Menschen in der Kreisfreien Stadt München oder im beschaulichen Landkreis Meißen wohnen, durchschnittlich brauchen sie gleichlang zum nächsten Flughafen. Da sind die beiden exakt gleich, oder anders gesagt: Zwillinge.

Das weiße Gold aus Meißen

Wie bei echten Zwillingen unterscheiden sich die beiden auch in vielerlei Hinsicht. Während in Meißen Porzellan seit Jahrhunderten hergestellt wird, meint weißes Gold in München höchstens Weißbier oder das Kokain der Schickeria. Aber hier kommt es auf die wichtigen Dinge an, wie zum Bespiel die Fahrt mit dem Auto zum nächsten internationalen Flughafen: Die dauert in Meißen wie in München im Durchsschnitt rund 30 Minuten.

Der Dresdener Flughafen, zu dem es von Meißen aus geht, ist seit 2008 auch ein internationaler Flughafen und beförderte 2019 rund 1,6 Millionen Passagiere. Natürlich deutlich weniger als die rund 48 Millionen Passagiere des Münchener Flughafens "Franz Josef Strauß" im vergangenen Jahr, aber vermutlich haben die Meißnerinnen und Meißner wenigstens schneller auf dem Weg nach Mallorca eingecheckt.

Der Traum vom Transrapid

Dabei hätte alles anders kommen sollen: Der Plan war, dass es ab 2012 in München viel schneller geht. Vom Hauptbahnhof direkt ins Flugzeug einsteigen, das war schon 2002 der gestammelte Traum des damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Mit einer Magnetschwebebahn, dem Transrapid, sollten Passagiere in zehn Minuten vom Hauptbahnhof zum Flughafen fahren. Das hätte Meißen nur getoppt, wenn von dort ein Transrapid direkt nach Mallorca gefahren wäre. Dann wären auch alle Bundesländer bestmöglich verbunden.

Blick über München
Vom Marienplatz geht es zum Flughafen in 30 Minuten. Bildrechte: imago images/Heinz Gebhardt

Jedoch zerbrach der Traum vom Transrapid in München 2008 wie Meißner Porzellan. Die Kosten stiegen und stiegen, bis das Projekt schließlich eingestellt wurde. Schade! Aber so blieben München und Meißen Zwillinge und der ehemalige Ministerpräsident Stoiber kann heute über seinen rhetorischen Aussetzer lachen.

Über den Autor und das Projekt:

David Muschenich wurde 1996 als Nachwendekind im südwestlichen Baden-Württemberg geboren. Er erzählt: "Als ich für mein Studium nach Erfurt zog, dachte ich gar nicht über die ehemalige Grenze nach. Erst dort lernte ich, wie sehr der Ost-West-Gedanke noch präsent ist. Ich möchte nach meinem Studium aber nicht zurück in den Süden. Hier ist es spannender."

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Deutschland-Doppels - ein Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs M.Sc. Journalismus der Universität Leipzig und der Redaktion MDR WISSEN aus Anlass von 30 Jahren Wiedervereinigung.

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