Polen, Schweden, Israel Deutschland besser oder schlechter – Wie steht's ums digitale Lernen?

Der Alltag von Schülern ist von Zoom-Meetings, E-Learning Plattformen und Gruppenchats geprägt. Homeschooling ist zur Normalität geworden. Doch das heißt noch lange nicht, dass der Unterricht auch gut ist. Geht es nur in Deutschland so, oder sind Schüler, Eltern und Lehrer weltweit gefrustet? MDR WISSEN hat bei den ARD-Korrespondenten nachgefragt.

Eine Mutter arbeitet Zuhause an einem Laptop, während ihre beiden Kinder neben ihr malen und ein Buch ansehen.
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Corona hat unseren Alltag im Griff. Nicht nur das Berufsleben wurde gehörig auf den Kopf gestellt, auch das Schulwesen hat mit den Corona-Maßnahmen zu kämpfen. Homeschooling ist zum Alltag geworden. Die Pandemie sorgte im vergangenen Jahr dafür, dass deutlich mehr Lehrer und Schüler digitale Lernangebote wahrgenommen haben. Laut Statistischem Bundesamt waren es im ersten Quartal rund 59 Prozent der 10 bis 15-Jährigen. 2019 waren es im Vergleich dazu nur acht Prozent. Doch dieser Anstieg sagt nichts über die Qualität des digitalen Unterrichts aus. Homeschooling ist nach wie vor eine große Herausforderung und auch Belastung für alle Beteiligten.

Es geht nur langsam voran

Die Lehrpläne müssen irgendwie angepasst werde. Lehrer müssen plötzlich virtuellen Unterricht abhalten. Kinder müssen zu Hause bleiben, auf soziale Kontakte verzichten und den Unterrichtsstoff in Eigenverantwortung durcharbeiten. Eltern müssen sich aufteilen und neben ihrem Job dafür sorgen, dass Kinder verschiedenen Alters in verschiedenen Unterrichtsplattformen und Chatrooms angemeldet sind, dem Unterricht folgen und ihre Aufgaben erfüllen können. Und als wäre diese Mammutaufgabe nicht schon genug, fehlt es meist auch noch an der nötigen Technik, um überhaupt am Unterrichtsgeschehen teilnehmen zu können.

Denn traurige Realität ist, dass viele Schüler das Homeschooling gar nicht umsetzen können, weil sie schlicht nicht über einen eigenen Laptop, ein Tablet oder einen PC verfügen. Zwar hat der Bund mit dem Corona-Hilfe II: Sofortprogramm Endgeräte bereits im Sommer 500 Millionen Euro für Schüler-Endgeräte bereitgestellt, doch Fortschritte in Sachen Homeschooling  sind noch nicht zu verzeichnen. Die Gründe sind vielfältig. Obwohl die Tablets beantragt wurden, sind sie in vielen Schulen noch nicht angekommen. Es gibt Lieferengpässe. In anderen Schulen sind zwar mittlerweile Laptops vorhanden, aber die nötigen Programme noch nicht installiert. IT-Experten gibt es an den Schulen selten, also müssen Lehrer dafür sorgen, dass die Endgeräte mit der nötigen Software bespielt werden. Kurz gesagt: Es fehlt an Geräten, Expertise und Personal. Schuld daran ist mitunter die Bürokratie, die den ganzen Prozess extrem verlangsamt. Aber auch die Kosten für zusätzliche Lehrkräfte stehen im Raum.

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Stilisiertes Mauerwerk mit einem Videochat-Icon. Schrift: Herr Radtke allein zu Haus - Lehrer im Lockdown. Logo: MDR WISSEN 15 min
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Obwohl der Bund bereits im Mai 2019 den DigitalPakt Schule verabschiedete, ist Deutschland nach wie vor in Sachen digitalem Lernen schlecht aufgestellt. So lange die Schulen geschlossen bleiben, müssen Lehrer, Schüler und Eltern weiterhin das Abenteuer Homeschooling unter mangelhaften Bedingungen ertragen.

Polen: Lehrer schlecht vorbereitet

Auch andere europäische Länder haben mit der Situation zu kämpfen. In Polen sind die Schulen zum Beispiel seit März geschlossen, nur für kurze Phasen wurden sie geöffnet. Fernunterricht ist mittlerweile Normalzustand. In Bezug auf Computer und Internet ist Polen vergleichsweise gut aufgestellt. Problem hier war eher die unzureichende Schulung der Lehrer, wie man Fernunterricht gestaltet. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass sich der Abstand zwischen guten und schlechten Schülern vergrößert, sie also noch weiter zurück lässt.

Am schlimmsten trifft es sozial benachteiligte Schüler, die oft keinen ruhigen Ort zum Lernen haben und Probleme zu Hause. Das funktioniert dann einfach nicht.

Tomasz Gajderowicz, Bildungsforscher

Die Hochschulen wiederum reagierten relativ gut auf die Umstellung zum Fernunterricht, denn hier bestanden bereits E-Learning-Formate. Doch die Dozenten haben auch festgestellt, dass sie an der Art arbeiten müssen, wie sie ihre Inhalte vermitteln, denn die Aufmerksamkeit geht im Homeschooling schneller abhanden als beim Präsenzunterricht.

Israel: Viele Plattformen, viel Verwirrung

Auch in Israel sind die Schüler auf den Fernunterricht angewiesen. Zwar fangen sie bei der digitalen Erziehung nicht bei Null an, weil sie bereits in der ersten Klasse einen Zugang zum staatlichen Lernportal Ofek bekommen und dort Aufgaben lösen. Doch auch hier sind vor allem die Eltern ein wichtiges Zahnrad im Homeschooling-Getriebe.

Viele sind frustriert, denn der Unterricht erfolgt zum Teil über Ofek, zum Teil über Zoom und manchmal auch über WhatsApp. Das verwirrt nicht nur die Eltern, sondern auch die Schüler. Darüber hinaus besitzen auch hier viele Familien keine Laptops oder Tablets. So zum Beispiel sind mehr als 130.000 Kinder aus säkularen Haushalten davon betroffen und in streng-religiösen Haushalten sind Computer eine Seltenheit.

Schweden: Schulen enstcheiden selbst

In Schweden halten sich Staat und Regierung weitgehend aus dem Schulgeschehen raus und setzen darauf, dass die Schulen ihren eigenen Weg finden. So entscheiden sich die meisten Schulen für eine Mischung aus Präsenz- und Distanzunterricht. Das ist für die Schüler mitunter verwirrend und für die Lehrer eine große Herausforderung.

Die Arbeitsbelastung der gesunden Lehrer ist enorm. Sie müssen für kranke Kollegen einspringen und parallel für sowohl Distanz- als auch Präsenzunterricht planen. Wenn man in dieser Situation die Bildungsministerin sagen hört, dass wir das am Abend, am Wochenende oder in den Ferien machen sollen, dann ist das ein harter Schlag für die bereits extrem belasteten Lehrer.

Johanna Jaara Åstrand, Vorsitzende des Lehrerverbandes

Zumindest den Noten der Abschlussklassen scheint dieses System nicht geschadet zu haben. Dort gab es wider Erwarten keine "Corona-Delle",  sondern auffallend gute Noten nach dem Sommerhalbjahr. Laut Regierung läge das daran, dass man sich intensiv um die Abschlussklassen gekümmert hätte. Viele Grundschullehrer hingegen fragen sich nun, wer sich um sie kümmern würde, denn viele Grundschulen sind geöffnet, aber auch sehr viele Lehrer fallen coronabedingt aus.

JeS

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2 Kommentare

kleinerfrontkaempfer vor 36 Wochen

Das es mit der Bildung in Doitschland nur bergab geht ist keine neue Erkenntnis. Die aufgeführten Alibibeispiele Polen usw. könne die Sache auch nicht vergleichbar reinwaschen.
Das finnische Bildungssystem bringt eine doitschen Bildungsverantwortlichen dann doch ins Schwitzen. Videokonferenzen im Klassenverband z.B.
Doitschland: Schulcloud zum Abrufen von Aufgabenblättern. Keine adäquate umfassende Weiterbildung der Lehrerschaft. Mangelnde Ausstattung der Schulen. Schnelle IT-Unterstützung von Fachfirmen nicht vorhanden. Mag in den Bundesländern unterschiedlich sein, in der Regel 16 x schlecht in Doitschland. Dieser Kleinstaaterei hat die Seuche die Schwächen gnadenlos aufgezeigt. Insgesamt zu komliziert, zu behäbig und bürokratisch, langsam. Die Länder sind nicht bereit miteinander zu arbeiten, voneinander zu lernen. Der doitsche Förderalismus wurde nach dem letzen Weltkrieg aus ganz bestimmten Gründen von den westlichen Siegermächten geformt und verordnet. Inzwischen ein Hemmschuh.

Wachtmeister Dimpfelmoser vor 36 Wochen

Es geht ja weniger um den Vorgang des digitalen Lernens als solches, sondern vielmehr um die Ergebnisse und die nächsten Resultate in diversen PISA-Tests. Und da fürchte ich, dass diese zwei Jahre uns noch einmal ein Stück weit zurückwerfen werden. Was allerdings wohl auch ohne diese Pandemie passiert wäre bzw. passieren wird.