Anthropologie-Forschung Umgebung sorgt für ähnliches Verhalten von Mensch und Tier

Dass Menschen, Vögel oder Säugetiere in Sachen Verhalten in einen Topf geworfen werden, passiert eigentlich nur, wenn emotional gerade was überkocht und Tiere für Beschimpfungen herhalten müssen: "Du dämlicher Vogel, dummes Schwein, blöder Hund!" Ein internationales Forschungsteam hat das jetzt wissenschaftlich gemacht, Säugetiere, Vögel und Menschen in einen Topf geworfen, und dabei festgestellt: Unser Verhalten ähnelt sich, jedenfalls wenn wir im selben Umfeld leben.

Junge Frau mit Hund
Sind sich Säugetiere, Menschen und Vögel ähnlicher als wir dachten? Bildrechte: imago/photothek

Wie die Forscherinnen und Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie Leipzig, der Universität Bonn und der University of Bristol in Großbritannien darauf kamen, genau danach zu suchen, haben sie nicht verraten. Aber welches Wissen sie benutzt haben, ist ganz klar. Als Basis für ihre Forschungen dienten Daten von mehr als 300 Orten und von 20 Populationen in Afrika, 28 in Asien, 56 in Australien und 215 in Nordamerika. Die Daten stützen sich auf anthropologische Beobachtungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Ähnlich in 14 von 15 analysierten Verhaltensweisen

Bei der Auswahl fokussierten sich die Forscher auf kleinräumige, nahrungssuchende Populationen, bei denen davon auszugehen ist, das sie lokal gebunden waren und sich von dem ernährten, was sie in der Umgebung fanden oder erjagten. Außerdem legten sie 15 Verhaltensweisen fest, die zum einen aus den so gesammelten Daten der Menschenpopulationen abzulesen waren und für die es vergleichbare Daten in der Tierwelt gab. Beim Abgleich der durchschnittlichen Verhaltensweisen kam heraus: in 14 ähneln sich Mensch, Säugetier und Vogel. Studienautor Toman Barsbai spricht von einem "bemerkenswerten, durchdringenden und konsistenten Einfluss lokaler Umweltbedingungen" auf Mensch, Säuger und Vogel.

Die Ähnlichkeiten finden sich nicht nur bei Verhaltensweisen mit direktem Bezug zur Umwelt, wie zum Beispiel der Nahrungssuche, wo wir eine klare Korrelation erwartet haben, sondern auch beim Fortpflanzungs- und Sozialverhalten, die weniger von lokalen Umweltfaktoren abhängig zu sein schienen.

Toman Barsbai
Mann sitzt auf einem Fels
Ein Mann der Hadza-Bevölkerung in Tansania scannt den Horizont auf der Suche nach einem Tier für die Jagd. Wo Menschen Tiere jagen, gibt es der Studie zufolge auch mehr fleischfressende Tiere und Vögel. Bildrechte: Brian Wood

Also zum Beispiel, wenn 's um die Wurst geht, oder anders gesagt, um die Nahrung: Da, wo Menschen das meiste ihrer Nahrung tatsächlich noch erjagen, fanden die Forscher, dort gibt es besonders viele fleischfressende Säugetiere und Vögel, die größer sind als anderswo. Auch beim Fischfang, bei Entfernungen, die zur Nahrungsbeschaffung zurückgelegt werden, Vorratshaltung oder jahreszeitlicher Migration fanden sich solche Ähnlichkeiten.

Kind kletter an einer Palme hinauf
Ein Kind der BaYaka-Bevölkerung in einem Regenwald in Zentralafrika bei der Nahrungsbeschaffung. Bildrechte: Sarah Pope

Angehörige der Mbuti-Population im Ituri-Regenwald in Afrika legen kaum Vorräte an. Ebenso die Mehrheit der Säugetiere im Umkreis von 25 Kilometern – nur sieben von 177 Spezies legten ebenfalls Vorräte an. Diese vermeintlich einfach lebenden Populationen sind hochspezialisiert, sagen die Forscher in ihrer Arbeit. Sie haben ausgefeilte Techniken zum Überleben in ihrer Umwelt entwickelt – in der wir Menschen aus den industrialisierten Regionen jämmerlich umkommen würden.

Umfeld prägend für Fortpflanzungsalter: bei Säugetier, Mensch und Vogel

Auch für den Zeitpunkt der Fortpflanzung von Mensch, Säugetier und Vogel fanden sich verblüffende Korrelationen: An Orten, wo Menschen später Kinder bekommen, sind auch Säuger und Vögel beim ersten Nachwuchs älter als anderswo. Umgekehrt genauso – wo Menschen jünger Kinder kriegen, lässt sich ähnliches für Säugetiere und Vögel beobachten.

Ob sich die Korrelationen auch da finden lassen, wo Menschen nicht mehr selbst jagen und stattdessen einkaufen gehen? Eine spannende Frage, findet auch Studienautor Andreas Pondorfer von der Uni Bonn und der TU München. Er hält es für denkbar, dass sich auch beim Menschen, der Landwirtschaft betreibt, noch immer Verhaltensanpassungen an die Umwelt spiegeln, aus der Zeit, bevor er landwirtschaftlich tätig wurde. Aber ganz gleich, wie sehr wir Säugern und Vögeln in manchen Verhaltensweisen ähneln – diese markanten Unterschiede trennen uns dann doch von ihnen: Die menschliche Fähigkeit, sich an verschiedenste lokale Bedingungen anzupassen, unsere Fähigkeit, vom Können anderer zu lernen und wie wir Informationen und Wissen über Generationen hinweg weitergeben – all das machen uns weder Hund, Huhn noch Schwein nach, und auch nicht Elefant, Tiger & Co..

Kundin mit Mund-Nasen-Schutz an einer Supermarkt-Kasse
Ähneln auch Menschen in Industrieländern in ihrem Verhalten noch den Tieren und Vögeln in ihrer Umgebung? Bildrechte: imago images / Eibner Europa

(lfw)

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