Autoforschung in Deutschland Tesla: Aufschrauben, reinschauen, kopieren?

Da kommt der normale Autofahrer ins Staunen. Ingenieure in Japan haben einen Tesla 3 auseinandergenommen, um mal zu schauen, was die Konkurrenz so treibt. Wir in der Redaktion haben uns gefragt: Machen das alle so, nicht nur die Japaner und was macht man dann mit den Erkenntnissen? Nachbauen?

Wie gehen Autokonzerne mit der Konkurrenz um? Gute Frage. Es wäre jedenfalls ein Wunder, wenn das, was auf der Straße herumfährt und jeder besitzen kann, nicht auch Konzerne unter die Lupe nehmen.

Autofirmen antworten nicht

Auf die Frage, ob so etwas üblich sei, bekomme ich bei VW in Zwickau keine Antwort. Ich solle in Wolfsburg anrufen. Dort hat der Pressesprecher nur ein müdes Lächeln übrig. Ob er dazu etwas sagen würde? Der nächste Lacher am anderen Ende. Sie glauben doch nicht, dass ich mit Ihnen darüber rede, gibt er zur Antwort. Rufen Sie doch mal bei BMW oder Porsche an. Doch das ist gar nicht nötig. Prof. Ralph Mayer von der TU Chemnitz hat Antworten. Er arbeitete bis vor wenigen Jahren bei Daimler in der Entwicklung und sagt:

Absolut ja, das ist also durchaus bei den Fahrzeugherstellern ein Tagesgeschäft.

Prof. Dr.-Ing. Ralph Mayer, TU Chemnitz

Manche würden sich die Fahrzeuge selbst beschaffen und eigenständig zerlegen. Andere beauftragen kommerzielle Anbieter.

Mann im Anzug mit Krawatte
Prof. Dr.-Ing. Ralph Mayer, TU Chemnitz Bildrechte: Technische Universität Chemnitz

Ich kenne es aus meiner eigenen beruflichen industriellen Vergangenheit so, dass man zu bestimmten Terminen auch eingeladen wird, dass vielleicht sogar zwei Fahrzeuge von einem anderen Hersteller ausgestellt sind. Einmal im Komplettzustand, dass man das Fahrzeug auf der Hebebühne begutachten kann, von oben, von unten, und eben auch das Fahrzeug nochmal komplett zerlegt.

Prof. Ralph Mayer

Die Firma FKA GmbH in Aachen ist so ein Entwicklungs- und Innovationsdienstleister. Sie gründete sich Anfang der 1980er-Jahre als "Spin of" des Hochschulinstituts für Kraftfahrzeuge. Sogenanntes Benchmarking sei eines von mehreren Themenfeldern, mit dem sich die nordrhein-westfälische Firma beschäftigt. Sie analysiert Systeme und entwickelt sie dann weiter. Die Ergebnisse können auch von Industriepartnern auf Anfrage genutzt werden. Insofern hat die Meldung aus Japan, wo Ingenieure einen Tesla 3 komplett auseinandergenommen und untersucht haben, den Senior Strategie Consultant Alexander Busse nicht überrascht.

Mann mit Brille und stahlblauer Krawatte
Alexander Busse, FKA Bildrechte: FKA

Ehrlich gesagt nein, weil es eigentlich an der Tagesordnung ist in der Automobilindustrie, dass man sich am Wettbewerb misst. Das ist das so genannte Benchmarking. Das heißt, man guckt sich die Systeme an, analysiert die in ihrer Funktion, im Design.

Alexander Busse
Mann mit Anzug
Rene Goebbels, FKA Bildrechte: FKA

Was die Kollegen in Japan in Auftrag gegeben haben, sei genau so ein klassisches Benchmarking. Einen Tesla 3 zu "benchmarken" wäre sehr aufwendig und würde mindestens ein halbes Jahr dauern, sagt sein Kollege Rene Göbbels, bei FKA Fachgebietsleiter für  Benchmarking. Er selbst habe einen Tesla 3  auch schon auf der Hebebühne gehabt. 

Wir haben das Fahrzeug nicht zerlegt, sondern uns auf die funktionalen Eigenschaften im Rahmen unseres Benchmarkings konzentriert. Wo es darum ging, dass wir uns den Antrieb angeguckt haben, die Fahrdynamik. Wir haben akustische Themen aufgegriffen, aber auch neue Themen, wie das autonome Fahren. Das sind umfangreiche Tests gewesen, die wir den Kunden kostenpflichtig zur Verfügung gestellt haben.

Rene Göbbels, FKA

Und so werden auch die schönsten Autos in kleine Teile zerlegt. Doch das gehört zum Geschäft und passiere übrigens auch deutschen Autos.

Bei meinem letzten Besuch bei einem asiatischen Hersteller, ein Termin im Umfeld einer Wettbewerbsanalyse, da standen auch zwei Oberklasse-Limousinen aus süddeutscher Fertigung.

Ralph Mayer

Detailwissen - Grundlage fürs Kopieren?

Gewundert habe er sich da nicht, sagt der heutige Leiter der Professur Fahrzeugsystemdesign an der TU Chemnitz. Doch was passiert mit den Informationen? Wird in den Entwicklungslaboren schamlos nachgebaut? Sind Autokonzerne für jedes neue Detail des Konkurrenten dankbar, natürlich auch für die wunderbare Inspiration, den Input? Ralph Mayer sagt: Input ja, nachbauen, nein.

Es ist eher eine Art Wettbewerbsbeobachtung, sprich, welche Komponenten verwendet der Wettbewerber in einzelnen Modulen? Wer sind die Lieferanten? Um einen Aufschluss zu bekommen, bezüglich der Lieferantenketten schaut man auch im Zuge des eigenen Unternehmensinteresses: Verletzt der Wettbewerber eigene Schutzrechte, gibt es rechtsgültige Patente, die von einem Wettbewerber verletzt werden?

Ralph Mayer

Automobilfirmen seien gar nicht so flexibel, einfach neue Teile auszutauschen. Sie seien abhängig von Zulieferern und Verträgen. Außerdem gäbe es ja auch noch das Patentrecht und wer das verletzt, muss hohe Strafen zahlen. Mayer erzählt noch, dass im  neuen Tesla 3 eine Bremskomponente drin sei, die er selbst noch mit entwickelt habe. Ansonsten hätte bei der Meldung aus Japan vor allem ein Modul für Aufregung gesorgt: Das Steuergerät.

Was hier speziell erwähnt wurde, ist, dass man ein zentrales Steuergerät verwendet für automatisierte Fahrfunktionen. Das wurde sogar soweit formuliert, dass ein japanischer  Ingenieur einen zeitlichen Vorsprung von ca. fünf bis sechs Jahren vermutet.

Ralph Mayer

Diese Details sind nun auch dokumentiert und stehen in Datenbanken denen zur Verfügung, die dafür bezahlen. Dann rufe ich doch noch bei BMW an und frage, wie dort die gängige Praxis sei. Der Pressesprecher sagt, dass er darüber nichts wisse, aber eines könne er sagen: Als damals das neue Elektroauto, der  BMW i3, rauskam, da haben andere Konzerne den mit Sicherheit auch zerlegt.

0 Kommentare