Sexuelle Belästigung Glaubwürdigkeit der Opfer wird von Klischees bestimmt

Nach einer sexuellen Belästigung oder gar einem Übergriff können Opfer nur schwer darüber sprechen. Sie stehen unter Schock, stellen ihre eigene Rolle in Frage und können nicht immer darauf vertrauen, Gehör zu finden. Denn oft wird die Glaubwürdigkeit der Betroffenen in Frage gestellt. Dabei spielen Klischees offenbar eine große Rolle.

Ein Mann belästigt eine Frau am Arbeitsplatz.
Bildrechte: Colourbox.de

Frauen, die weniger weiblich anmuten, wird seltener geglaubt, dass sie eine sexuelle Belästigung oder gar einen Übergriff erlebt haben. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Universität Washington und des Colby College (Waterville/Maine), an der mehr als 4.000 Testpersonen teilnahmen. Sie mussten zum einen Geschichten lesen, in denen Frauen sexuelle Belästigung erlebten oder nicht. Anschließend mussten sie bewerten, ob diese Frauen zum westlich-idealisierten Frauenbild passten: attraktiv, dünn, relativ jung und feminin gekleidet, mit Hobbys wie Shoppen, romantische Filme schauen, Yoga. Dazu mussten sie sie entweder zeichnen oder aus einer Reihe von Fotos auswählen. Das Ergebnis: den Geschichten, in denen sexuelle Belästigung stattfand, ordneten die Testpersonen überwiegend attraktive Frauen mit weiblichem Verhalten zu.

Im Zweifelsfalle gegen die weniger attraktive Frau

Ein Mann belästigt eine Frau am Arbeitsplatz.
Sexuelle Belästigung ist jedes sexuell belegte Verhalten, das von der betroffenen Person unerwünscht ist. Bildrechte: Colourbox.de

In weiteren Experimenten wurden den Teilnehmern mehrdeutige Szenarien sexueller Belästigung gezeigt: beispielsweise ein Chef, der sich nach dem Dating-Leben einer Mitarbeiterin erkundigt, zu der es jeweils ein Foto oder eine Personenbeschreibung gab. Die Teilnehmer sollten dann einschätzen, ob es sich bei dem Vorfall tatsächlich um eine sexuelle Belästigung handelte.

War die beteiligte Frau weniger attraktiv und weiblich anmutend, wurde die mehrdeutige Szene eher nicht als sexuelle Belästigung bewertet.

Jin Goh, Colby College

Sexuelle Belästigung sei ein weit verbreitetes Phänomen mit Folgen wie Leistungsabfall auf Arbeit und in der Schule. Sie schade Körper und Seele und könne die Betroffenen sogar in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen, so Mitautorin Cheryl Kaiser von der Universität Washington. Um etwas dagegen unternehmen zu können, müsse man erst einmal ein Verhalten bemerken, das als Belästigung gelten könnte, so die Wissenschaftler.

Wir wollten verstehen, was passiert, wenn das Opfer nicht wie ein stereotypes Mitglied dieser geschlechtsspezifischen Gruppe aussieht oder sich so verhält.

Bryn Bandt-Law, University of Washington

Das Fazit der Studie (die sie hier als pdf lesen können): Frauen, die nicht zu weiblichen Stereotypen passen, werden seltener als Opfer sexueller Belästigung angesehen, obwohl sie ihr öfter ausgesetzt sind, und wenn sie behaupten, belästigt worden zu sein, wird ihnen weniger wahrscheinlich geglaubt. Das ebnete den Weg für eine ungerechte und diskriminierende Behandlung, wenn die Betroffenen sich für den Rechtsweg entscheiden.

Die Studie wurde zwar in den USA durchgeführt, doch sexuelle Belästigung ist auch für uns in Deutschland ein Thema. So wurden 2019 rund 70.000 Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung angezeigt, hinzu kommt die Dunkelziffer derer, die schweigen. Einer EU-Studie von 2014 zufolge sind das rund 35 Prozent aller Frauen in Deutschland.

Auch Männer sind betroffen

In einer Umfrage des Delta-Instituts vom Dezember 2018 wurden 2.173 Personen ab 16 Jahre befragt, die innerhalb der letzten zwölf Monate von Sexismus betroffen waren – darunter auch Männer. Die Teilnehmer gaben an, sich am häufigsten verbalen (knapp 50 Prozent) und durch Gesten (knapp 40 Prozent) angezeigten Übergriffen ausgesetzt zu sehen. Berührungen sahen sich 32 Prozent der befragten Frauen und 38 Prozent der Männer ausgesetzt. Rund 34 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer machten Erfahrungen mit sexueller Belästigung in sozialen Netzwerken.

krm

2 Kommentare

MDR-Team vor 26 Wochen

Hallo Atheist, sicherlich berichten Sie gerade von Ihren eigenen Erfahrungen aus ihrem persönlichen Umfeld. Denn welche körperlichen Reize Frauen haben, liegt am Ende im Auge des Betrachters. Darüber hinaus kann man das Verhalten der Frauen nicht pauschalisieren. LG, das MDR-Wissen Team.

Atheist vor 26 Wochen

Naja als Frau mit mehreren Lebensjahren sehe ich es kritischer.
Solange es der Karire förderlich ist bedienen sich Frauen gerne und sehr bewusst ihrer körperlichen Reize, wird das Ziel nicht erreicht lässt sich schnell was finden.
Und die Frauen die naturbedingt weniger Reize vorzuweisen haben ist jede Gelegenheit recht sich an jeden zu rächen.

Junge Frauen sitzen draußen an einem Tisch zusammen.
Christiane Dietrich (Mitte frontal) und Petra Streit (rechts daneben) wollten mit der "Frauenteestube" in Weimar einen Raum schaffen, in dem sich Frauen ganz offen austauschen konnten - auch über Sexismus und sexuelle Gewalt. Bildrechte: Petra Streit