Pflanztopf mit Primeln
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Klimawandel Wärmster Februar aller Zeiten

22. Februar 2024, 16:59 Uhr

Im Kalender beginnt der Frühling am 20. März, in der Meteorologie am 1. März, im echten Leben in Mitteldeutschland aber schon im Februar. Kein Frost in Luft und Boden, Pflanzen sprießen, Blüten blühen, Pollen fliegen. Der Trend zum immer früheren Frühling lässt sich statistisch belegen.

Mann mit Brille und Kopfhörern vor einem Mikrofon
Bildrechte: Robert Rönsch

Würden Sie mitgehen, wenn ich sage, Wärme plus Wasser ist gleich Frühling? Das ist natürlich sehr verkürzt, aber wenn man unter Frühling sprießende Pflanzen und das "Erwachen der Natur" versteht, dann sind milde Temperaturen und genügend Feuchtigkeit sicherlich die Grundvoraussetzungen. Und von beidem gibt es wahrlich genug in letzter Zeit. Beginnen wir mit der Wärme.

Willkommen im wärmsten Februar aller Zeiten in Mitteldeutschland, jedenfalls seit Beginn der Wetterdatenerfassung im Jahr 1881. Ja, das darf man acht Tage vor Ende des Monats schon sagen, angesichts der Wettervorhersage für die nächsten Tage und angesichts des Vorsprungs, den der diesjährige Februar vor dem bislang wärmsten hat.

6,8 Grad Celsius warm war es im aktuellen Monat bis einschließlich des 20. Februar, durchschnittlich bei Tag und Nacht in Mitteldeutschland. Das sind 1,4 Grad mehr als 1990 (bisheriger Rekord) und etwa fünf Grad mehr als im langjährigen Mittel von 1991 bis 2020. Wenn sich der neue Rekord am Monatsende nicht nur für Mitteldeutschland, sondern auch für ganz Deutschland bestätigt, dann wird auch das letzte Überbleibsel aus dem alten Jahrtausend aus der Monatsrekordliste verschwunden sein, dann stammen alle wärmsten Monate in Deutschland seit Beginn der Datenerfassung aus den 2000er-Jahren.

Bisherige Wärmerekordmonate in Deutschland
Monat wärmster seit Beginn der Datenerfassung
Januar 2007
Februar 1990
März 2017
April 2018
Mai 2018
Juni 2019
Juli 2006
August 2003
September 2023
Oktober 2022
November 2015
Dezember 2015

Wärme: Höhere Temperaturen bedeuten seltener Bodenfrost

Pflanzen brauchen natürlich nicht nur Wärme von oben, sondern auch von unten. Die Natur erwacht erst dann, wenn es keinen Bodenfrost mehr gibt. Wie sieht das also aus im Laufe der Zeit und was sagen die Daten: Gibt es immer seltener Bodenfrost?

Um die langfristige Entwicklung der Bodentemperaturen einschätzen und abbilden zu können, eignen sich nicht alle DWD-Wetterstationen in Mitteldeutschland. Viele erheben die Werte erst seit den 1990er-Jahren. Die Station am Flughafen Erfurt-Weimar tut das allerdings schon seit 1951. Sie liegt in 316 Metern Höhe, also weder im absoluten Tiefland noch im Bergland und eignet sich deshalb recht gut für eine aussagekräftige Stichprobe.

Klimawandel: Winterruhe der Pflanzen 20 Tage kürzer

Die langfristige Tendenz ist deutlich: Bis in die 1980er-Jahre hinein waren um die 60 Tage pro Jahr absolut üblich, in denen die Tagesdurchschnittstemperatur in fünf Zentimetern Bodentiefe unter dem Gefrierpunkt lag. Danach gibt es einen Bruch mit nur noch vereinzelten Ausschlägen nach oben. Und seit 2020 waren es dann ständig weniger als 20 solche Tage. In tieferen Bodenschichten, die Sie sich mit Hilfe der gelben Schaltfläche anzeigen lassen können, ist die Tendenz ähnlich.

In Sachsen habe sich die Winterruhe der Pflanzen durch die Klimaerwärmung von 130 Tagen auf 111 Tage verkürzt, sagt Daniel Blume, stellvertretender Vorsitzender des BUND Dresden. "Die Vegetation treibt zu früh aus. Wenn dann nochmal Frost auftritt, was bis Ende Februar durchaus wahrscheinlich ist, kann das Pflanzen und indirekt ihre Bestäuber schädigen, indem die frischen Triebe abfrieren. Die Pflanzen treiben dann zwar erneut aus, gehen aber geschwächt in den Sommer", so Blume.

Und zumindest für geringe Bodentiefe (fünf Zentimeter) zeigen auch die stündlich erfassten Langfrist-Daten aus Erfurt die Gefahr eines nochmaligen Frostes nach dem Austrieb der Vegetation. Temperaturen unter null Grad kamen da in einigen der vergangenen Jahre vereinzelt sogar im April noch vor. In zehn Zentimetern Tiefe war dann allerdings schon deutlich früher im Jahr Schluss mit Frost.

Rekord auch beim Niederschlag: So viel Regen seit Oktober wie nie zuvor

Seit Oktober gehören Regen und Schnee zum Alltag in Mitteldeutschland. Jeder der fünf Monate Oktober, November, Dezember, Januar und Februar hat zwar für sich genommen keinen Rekord gebrochen, was die Niederschlagsmenge angeht. Aber jeder war relativ weit vorn dabei, so dass es über den ganzen Zeitraum so viel geregnet (und manchmal auch geschneit) hat, wie das in den Jahren seit 1881 noch nie der Fall war. Im Schnitt 2,91 Millimeter pro Tag. Das klingt nicht viel, ist aber ungefähr doppelt so viel wie üblicherweise in diesem Jahresabschnitt.

Wenn man den Wert von 2,91 Millimetern pro Tag auf die 143 Tage hochrechnet, die vom 1. Oktober 2023 bis zum 20. Februar 2024 vergangen sind, kommt man auf etwa 416 Millimeter Niederschlag, die in Mitteldeutschland durchschnittlich gefallen sind, also in knapp fünf Monaten fast so viel wie im gesamten Jahr 2018, da waren es in zwölf Monaten reichlich 440 Millimeter.

Wärme + Wasser = Frühling

Und da sind wir wieder bei der Ausgangsgleichung, wobei so viel Regen wie in den vergangenen Monaten gar nicht nötig ist, um die Natur erwachen zu lassen. Das sieht man an der Gemeinen Hasel, auch bekannt als Haselnussstrauch. Die Hasel blüht immer sehr früh im Jahr, aber seit einiger Zeit noch viel früher. Februar bis März waren im gesamtdeutschen Durchschnitt mal üblich. Inzwischen ist der Januar vorherrschend geworden. Und im vergangenen Jahr lag der Zeitpunkt trotz weniger Regens sogar noch früher als in diesem.

Beim Apfel, der viel später im Jahr blüht, ist die Vorverlagerung der Blüte im Laufe der Jahrzehnte zwar auch zu erkennen, aber bei Weitem nicht so stark.

Heuschnupfen beginnt bereits im Februar

Und so kommt es eben, dass man Heuschnupfen heutzutage auch mitten im (nominellen) Winter haben kann. Der Pollenflug beginnt früher, und die gesamte Pollensaison verlängert sich. Laut der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) betrifft das mehr als zehn Millionen Erwachsene und 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland.

Diese Betroffenen werden sich über die Entwicklung hin zum immer früheren Frühling vielleicht ärgern. Andere werden sich über die Februar-Frühlingsgefühle eher freuen. Aber wie die Natur langfristig damit klarkommt, werden wir erst noch sehen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 2 | 16. Februar 2024 | 14:00 Uhr

22 Kommentare

MDR-Team vor 8 Wochen

@Phoenixada
Wie im Faktencheck erläutert, kommt es bei dieser Frage vor allem auf die Pro-Kopf-Emissionen an. Und diese sind in den Ländern mit größerem Bevölkerungswachstum niedriger, sodass es nur indirekt auf die reinen Bevölkerungszahlen ankommt und mehr auf den konkreten Verbrauch, der vor allem in den Industrieländern zu hoch ist.

Phoenixada vor 8 Wochen

Haben Sie die rosarote Brille auf? Wenn, sagen wir Mal zwei Milliarden Menschen auf der Erde weg wären, wären dann nicht auch die CO2-Emissionen niedriger?

MDR-Team vor 8 Wochen

@Phoenixada
Wie kommen Sie darauf, dass es davon zu viele gibt? Die Überbevölkerung ist jedenfalls nicht die Hauptursache für den Klimawandel: https://www.mdr.de/wissen/faktencheck/faktencheck-ueberbevoelkerung-100.html.