Apothekerin
Apotheken: Ein Bereich, in dem Männer abwanderten, nachdem die Frauen kamen. Bildrechte: IMAGO / Westend61

Genderforschung Bezahlung wird schlechter: Männer verlassen Berufe mit wachsendem Frauenanteil

07. Februar 2023, 11:43 Uhr

Noch immer sprechen wir von typischen Männer- oder Frauenberufen, weil sich Männer oder Frauen eben scheinbar für die eine oder andere Aufgabe besonders gut eignen. Eine Studie aus Zürich zeigt, dass darüber hinaus Männer Berufe verlassen, die zunehmend von Frauen ergriffen werden. Aber warum?

Die Gründe dafür, warum Männer Berufe verlassen, in denen immer mehr Frauen Fuß fassen, hat Prof. Per Block von der Universität Zürich im Rahmen seiner Studie zwar nicht untersucht. Aber sie sind ihm aus anderen Fallstudien vertraut: "Zum einen spielt das Gefühl dafür eine Rolle, was männertypisch und was frauentypisch ist. Viele, vor allem Männer, fühlen sich psychologisch unwohl bei Tätigkeiten, die sie eher als frauentypisch ansehen", erklärt er.

Frauenberufe sind nach wie vor schlechter bezahlt

Es gibt jedoch noch einen weiteren, ökonomischen Erklärungsansatz, den der Soziologe und Netzwerkforscher hinzufügt: "Wenn Berufe im Laufe der Zeit einen höheren Frauenanteil bekommen, verändert das auch irgendwann das relative Gehalt. Sie sind meist schlechter bezahlt. Die Männer fürchten also auch Gehaltseinbußen und gehen davon aus, dass sie für andere Tätigkeiten mehr Geld bekommen könnten."

Um die Abwanderung vor allem der Männer nachzuweisen und zu schauen, in welchem Ausmaß das geschieht, hat Soziologe Block empirische Daten aus Großbritannien ausgewertet, die den gesamten Arbeitsmarkt abbilden. Dieser ist ähnlich wie in anderen europäischen und nordamerikanischen Staaten. Block vergleicht ihn mit einem Netzwerk, die Berufe sind die Netzwerkknoten. Er hat also untersucht, wie sich die einzelnen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch dieses Netzwerk von Punkt zu Punkt bewegen. Dadurch konnte er ermitteln, wie Männer und Frauen auf Berufswechsel reagieren.

Die Studie vergleicht zum Beispiel zwei hypothetische Berufe, die in allen Berufsmerkmalen identisch sind und sich nur darin unterscheiden, dass in einem 25 Prozent und im anderen 75 Prozent Frauen arbeiten.

Junger Mann mit blauem Shirt: Prof. Per Block
Prof. Per Block erforscht die Abwanderung von Männern aus Berufen mit steigendem Frauenanteil. Bildrechte: Universität Zürich

Die Analyse zeigt, dass Männer mit doppelter Wahrscheinlichkeit den sich feminisierenden Beruf verlassen.

Prof. Per Block

Apotheker, Grundschullehrer und Buchhalter waren mal von Männern dominierte Berufe

Als Beispiele für die Zuwanderung von Frauen und Abwanderungen von Männern nennt Block Berufe wie Apotheker/Apothekerin, Grundschullehrer/Grundschullehrerin oder Buchhalter/Buchhalterin. Allesamt waren früher Männerdomänen, heute erfüllen überwiegend Frauen diese Aufgaben, und die Männer suchen sich andere Bereiche.

Dieses Verhalten ist offenbar von Vorurteilen geprägt. Per Block gibt ein Beispiel: "Der Pflegeberuf wird eher mit stereotypen weiblichen Attributen beschrieben: sozial, empathisch, kümmernd. Wären die meisten Pflegepersonen Männer, würden wir den Beruf vielleicht ganz anders wahrnehmen, zum Beispiel als verantwortungsbewusst, durchsetzungsstark oder körperlich anstrengend." Seine Studie zeigt auch: Würden tatsächlich nur berufsspezifische Attribute wie Lohn, Flexibilität oder Charakteristiken der Tätigkeit die Berufswechsel beeinflussen, sagt die Simulation voraus, dass die Geschlechtertrennung in Berufen um 19 bis 28 Prozent abnehmen würde.

Frauenanteil muss steigen, um Fachkräftemangel abfedern zu können

Dass Männer Berufe verlassen, die zunehmend von Frauen ausgeübt werden, konnte Per Block belegen. Anzeichen dafür, dass das auch umgekehrt der Fall ist, fand er nicht. Einen möglichen Grund dafür sieht er darin, dass Frauen erst seit etwa 60 Jahren zunehmend berufstätig sind. Inzwischen nehmen sie ca. 50 Prozent der Arbeitsplätze ein.

Damit sich der Anteil von Frauen am Arbeitsmarkt erhöhen konnte, mussten sie ja in Berufe einsteigen, die bis dahin überwiegend von Männern ausgeübt wurden.

Prof. Per Block

So erklärt der Soziologe das Phänomen, dass Frauen hingegen keineswegs Berufe verlassen, in denen sich auch zunehmend Männer finden. Gefragt nach dem Fazit seiner Arbeit für die Praxis sieht Block die generelle Notwendigkeit, die Geschlechtsstereotype in den Berufen insgesamt aufzubrechen, um irgendwann ein selbstverständliches Miteinander von Männern und Frauen zu erreichen. Und auch der wachsende Mangel an Fachkräften im Arbeitsmarkt erfordert, dass geschlechtspezifische Hürden abgebaut werden.

Links/Studien

Die Studie von Per Block "Understanding the self-organization of occupational sex segregation with mobility networks" ist in ScineceDirect erschienen.

(krm)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 08. Juni 2022 | 19:00 Uhr