Spinnen Zitterspinne & Co: Spinnerinnen von Babybeinen an

Wir wissen, dass sie nützlich sind und trotzdem ziehen viele ihnen mit dem Latschen eins über, wenn wir sie treffen: Spinnen. Dabei sind sie nicht nur draußen nützlich, sondern vor allem auch drinnen. Ein Spinnenforscher verrät, was die Tiere alles wegputzen.

Am Hinterleib der Spinne trägt sie viele Eier
Zitterspinne - im Englischen auch "Daddy long legs spider" genannt - übersetzt also etwa "Vati-Langbein-Spinne" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Spinnen sind die Hauptgegenspieler von Insekten, drinnen wie draußen, sagt Spinnenforscher Dr. Peter Jäger. Dazu zählen Schädlinge und auch Lästlinge wie zum Beispiel Stechmücken oder Kellerasseln.

Zitterspinne, (Pholcus phalangioides), mit erbeuteter und eingesponnener Schmeissfliege.
Mahlzeit! Eine eingesponnene Schmeißfliege. Bildrechte: imago/blickwinkel

Statt sie mit Besen oder Staubwedel aus dem Haus zu jagen oder mit dem Latschen zu erschlagen, sollten wir froh sein, dass sie bei uns sind. Denn unsere Wohnungen, Häuser, Keller, Garagen und Datschen sind eine Art Supermarkt für die unbeliebten achtbeinigen Mitbewohner. Und gleichzeitig sind sie praktische hauseigene Bekämpfer von Lästlingen. Arachnologe Peter Jäger verdeutlicht das im Gespräch mit MDR WISSEN:

Ein Mann mit grauem Haar posiert lächelnd für ein Foto.
Dr. Peter Jäger Bildrechte: Senckenberg Institut

Da werden Mehlmotten vertilgt. Es werden Silberfischchen vertilgt und die Moskitos. So kann man sich überlegen, was man lieber hat: zehn Mückenstiche in der Nacht oder eben eine Spinne vorm Fenster.

Dicke Luft - wenn es keine Spinnen gäbe

Andererseits - es gibt ja auch andere Mittel gegen Mücken und Silberfischchen. Brauchen wir sie wirklich, die Spinnen? Oh ja, sagt Peter Jäger und beschreibt eine Welt ohne Spinnen sehr drastisch:

Rein theoretisch könnten wir den nächsten oder übernächsten Tag eigentlich schon nicht mehr atmen, weil so viele Insekten in der Luft wären.

Eine faszinierende, aber auch erschreckende Vorstellung. Forscher Peter Jäger fasziniert jedoch etwas ganz anderes, nämlich die Bauwerke der Spinnen: ihre Netze.

Spinnennetze sind filigrane Kunstwerke - architektonische Meisterleistungen. Und wenn man sich vorstellt, dass man so ein Spinnennetz auf ein ganz kleines Krümelchen zusammenrollen kann, wie wenig Materialeinsatz dort eigentlich ist und wie effektiv das von der Spinne gestaltet ist...

Labyrinthspinne
Die Labyrinthspinne gehört zu den Trichterspinnen. Sie wartet in oder neben dem Trichternetz auf BEute. Im Herbst nach der Paarung baut sie das Netz zum Kokon für den Nachwuchs um, der darin überwintert und im Frühjahr schlüpft. Bildrechte: imago/blickwinkel

... dann sollten wir wirklich mal genauer hinschauen. Spinnseide ist tatsächlich ein geniales Material. Sie wiegt so gut wie nichts, ist elastischer als Gummi, fünfmal reißfester als Stahl und dreimal so reißfest wie die stabilste Synthetikfaser. Die Forschung beißt sich bis heute die Zähne an der hauchfeinen Spinnerei aus - Spinnseide künstlich herstellen kann man bisher nämlich noch nicht. In Leipzig fühlt man dem Stoff und ihrer Struktur seit 2017 sogar wissenschaftlich nach.

Genial: Spinnerin von Geburt an

Zarte Zitterspinne nah
Wenn man nah genug rangeht und das Licht günstig ist, sieht man ihre Innereien, sagt Dr. Peter Jäger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bis ins Detail und in die Fasern und ihre Struktur gehen wir zuhause natürlich nicht, wenn wir Spinnenetze sehen und aus den Zimmerecken kehren. Genial sehen die Netze der Zitterspinnen auf den ersten Blick nicht aus, eher wirr, ohne Ende, ohne Anfang. Ihren Zweck erfüllen sie aber perfekt: Die Zitterspinne spürt sofort, wenn ihr ein Beutetier ins Netz gegangen ist, egal ob Mücke, Kellerassel oder Hauswinkelspinne. Verheddert sich ein Beutetier, eilt die Netzherrin gleich herbei und bewirft das Opfer mit noch mehr Spinnfäden. Sie nutzt ihr Netz aber auch zu Verteidigungszwecken: Fühlen sich Frau oder Herr Zitterspinne bedroht, fangen sie an zu zittern, damit das Netz schön schwingt. Dadurch werden Zitterspinnen für den potenziellen Feind schlechter sichtbar.

Zugegeben: Es gibt optisch tatsächlich schönere Netze, deren Architektur sich auf den ersten Blick erschließt, wie bei den Rad- oder den Baldachin-Netzen. Das ist für den Forscher das Verblüffendste überhaupt:

Dass eine Spinne so etwas sozusagen im Blut, in den Genen hat, ohne jemals zu einer Spinnen-Spinn-Schule zu gehen. Das heißt, wenn die Spinnenbabies aus dem Ei schlüpfen, machen die schon ein perfektes kleines Abbild dieser großen Netze. Das ist wirklich ein Wunder der Natur.

Dieses Wunder könnten wir vielleicht mit etwas mehr Wohlwollen betrachten, genau wie die Spinnen selbst. Einfach mal ein Foto machen, oder in einem Lupen-Glas beobachten: Man sieht Erstaunliches! Zum Beispiel, dass die Zitterspinne auf ihrem scheinbar durchsichtigen Körper eine hübsche bräunliche Zeichnung auf dem Hinterleib und auf dem Kopfsegment trägt.

Spinnennetze - hauchzarte Meisterwerke

Die Welt der Spinnen ist faszinierend: Spinnen spinnen von Babybeinen an, ohne dass ihnen jemals jemand gezeigt hat, wie das geht.

Spinnennetz im Halm
Meisterhaft gebaut: Ein Radnetz, das sich perfekt in die natürliche Umgebung einfügt. Bildrechte: imago/blickwinkel
Spinnennetz im Halm
Meisterhaft gebaut: Ein Radnetz, das sich perfekt in die natürliche Umgebung einfügt. Bildrechte: imago/blickwinkel
Taubehangenes Netz einer Kreuzspinne im Gegenschein der tief stehenden Sonne
Hier im Morgengrauen das Netz einer Kreuzspinne, oft hängen auch noch Tautropfen drin. Bildrechte: imago images/blickwinkel
Radnetzspinne in ihrem Netz
Das Netz der Radnetzspinnen besteht aus drei Teilen, den Rahmenfäden, an denen das Netz aufgehängt ist, den Speichenfäden. Die ziehen sich von der Mitte aus sternfömig nach außen. Und die Fangfäden mit ihren Leimtröpfchen sind kreisförmig in die Speichenfäden eingewoben. Das hier gezeigte Netzkunstwerk stammt von einer Radnetzspinne aus Malaysia. Bildrechte: imago images/GFC Collection
Ein auf einer feuchten Wiese zwischen Gräsern hängendes Baldachinnetz einer Spinne
Ein Netz vom Typ Baldachin: Das weben Spinnen der Familie Linyphia. Sie selbst hängen kopfüber unterm Netz. Verheddert sich ein Insekt oben, spürt die Spinne die Schwingungen und greift sich die Beute durch ihr Netz. Bildrechte: Imago/Angle Common Canopy spider
Labyrinthspinne
Trichterspinnen bauen sich Höhlen mit zwei Ausgängen und warten hier aufs Essen: Ihre Vorderbeine liegen auf dem Netz und so können sie jede noch so kleine Vibration, wenn sich eine potentielle Beute nähert, fühlen. Hier sehen wir die Höhle einer Labyrinthspinne. Bildrechte: imago/blickwinkel
Kescherspinne
Das Keschernetz der Kescherspinne: Ein listiger Achtbeiner, der selbst aussieht wie ein schmaler Ast. Er spinnt sich ein kleines, rautenförmiges Netz und wirft es über die Beute. Bildrechte: imago/blickwinkel
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