Psychologie Die meisten guten Vorsätze scheitern an ihrer Rationalität

Beinahe alle Menschen haben gute Vorsätze fürs neue Jahr, doch leider scheitern sie oft, weil ihre Intention eine falsche ist. Wie es trotzdem klappen könnte, mehr Sport zu machen und welche App dabei helfen soll, richtig Obst und Gemüse zu essen, verrät ihnen MDR WISSEN-Redakteurin Jennifer Schollbach.

Symbolfoto - Geschäftsfrau, nachdenklich über einem Notizbuch
Erst eine Liste mit guten Vorsätzen? Oder doch lieber gleich anfangen? Bildrechte: imago images/Westend61

Das Jahr liegt in seinen letzten Zügen, die Weihnachtsvöllerei schleicht sich langsam aus und, ich weiß nicht wie es ihnen geht, aber immer öfter ploppen jetzt die sogenannten "guten Vorsätze" im Kopf auf. Nächstes Jahr wird's besser. Nächstes Jahr mache ich mehr Sport. Nächstes Jahr achte ich besser auf meine Gesundheit, mein Körper wird mein Tempel sein, ich werde ihn hegen und pflegen. Ich werde mich besser ernähren, jede einzelne Körperzelle mit grandiosen Nährstoffen regelrecht bombardieren.

Der Ursprungsort der Vorsätze ist entscheidend

Zugegeben, meist ploppen diese Vorsätze bei mir auf, wenn ich gerade (schon mit leichter Schnappatmung und gelockertem Hosenbund) den letzten Bissen Kloß mit Soße gegessen habe oder ich beim Staubsaugen aus Versehen an die vereinsamten Laufschuhe stoße. Eventuell gibt's da einen Zusammenhang.

Aber selbst, wenn es Ihnen nicht so geht. Neujahrsvorsätze hatten sie in ihrem Leben doch bestimmt schon mal. Das macht man halt so. Und genau da liegt das Problem. Man macht das so, aber meint man es auch so? Die Psychologin Stefanie Stahl sagt, dass diese Vorsätze meistens zum Scheitern verurteilt sind, weil sie rational beschlossen werden und nicht wirklich von innen heraus kommen.

Denn wenn sie wirklich von innen heraus kommen, dann brauche ich keinen Jahrestag und warte nicht bis zum 1. Januar. Dann kann ich auch sofort anfangen.

Stefanie Stahl, Psychologin und Autorin

Große und kleine Hürden

Wem es also in den Gute-Vorsätze-Fingern juckt, sollte tief in sich hineinhören und sich fragen, was er/sie eigentlich wirklich will und er/sie sollte auch darauf achten, nicht zu große Schritte zu machen. Und das, was man sich vorgenommen hat, sollte bestenfalls in die Alltagsroutine einbaubar sein. Beim Joggen sollte man zum Beispiel genau festlegen, an welchem Tag der Woche um welche Uhrzeit die Laufschuhe abgestaubt werden und zum Einsatz kommen. Dieser Vorsatz hat einen (bestenfalls wiederkehrenden) zeitlich begrenzten Rahmen.

Mit dem Rauchen aufzuhören ist da schon schwieriger, denn da ist nichts zeitlich begrenzt. Da wird man 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche gefordert. Diese kleine Entscheidung immer wieder aufs Neue zu treffen, kostet sehr viel Energie. Aber irgendwann gewöhnt sich das Gehirn zum Glück daran und aus schlechten Gewohnheiten können gute Gewohnheiten werden.

Einfach gesund ernähren – wenn es denn so einfach wäre

Auf meiner Liste der guten Vorsätze steht jedes Jahr die gesündere Ernährung und obwohl ich eigentlich als Vegetarierin in Sachen Obst und Gemüse schon ziemlich gut dabei bin, schaffe ich es nicht die empfohlene "5 am Tag Regel" konsequent umzusetzen. Sie fragen sich jetzt was das sein soll?

"5 am Tag" steht für fünf Portionen Obst und Gemüse, die über den Tag verteilt gegessen werden sollten. Diese Regel ist eine von zehn, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung für eine ausgewogene Ernährung formuliert hat. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Eine pflanzenreiche Kost bringt Vorteile für die Gesundheit und kann zahlreichen Krankheiten vorbeugen. So senken Obst und Gemüse zum Beispiel das Risiko für Schlaganfälle, koronare Herzerkrankungen oder bestimmte Krebsarten.

Zwei Obst, drei Gemüse

Bei der "5 am Tag"-Regel gilt: Zwei Portionen Obst und drei Portionen Gemüse sind optimal. Das entspricht in etwa 400g Gemüse und 250g Obst. Klingt eigentlich simpel, aber der Teufel steckt natürlich wieder im Detail und macht es eben schwierig, die Regel auch umzusetzen. Denn, wie groß in aller Welt ist denn jetzt eine Portion? Laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung ist das Maß für eine Portion die eigene Hand. Daraus würde sich die Menge ergeben, die zu Alter und Körpergröße passt.

Aber, sie ahnen es schon, es wird auch hier ein bisschen tricky. Bei einem Stück Obst oder Gemüse zählen wir alles was in eine Hand passt, z.B. ein Apfel. Bei kleingeschnittenem Gemüse, Obst oder Salat nehmen wir zwei Hände voll, bei Nüssen ist eine halbe Hand die richtige Größe. Puh … und das über den Tag verteilt … eins im Sinn … abzüglich der Fruchtgummis, die (wieso eigentlich) nicht als Obst gelten … Sie sehen, es sind viele kleine Hürden, die der Kopf nehmen muss.

Aber wer es ernst meint, der nimmt auch diese. Schließlich haben wir ja gelernt, dass erstens alles eine Frage der Gewohnheit ist und zweitens, wenn es von innen heraus kommt, dann können wir das auch umsetzen. Für alle, denen das trotzdem zu kompliziert ist, gibt es ab dem 29.12. eine Android-App aus dem Vereinten Königreich.

Mit App zur besseren Ernährung?

Frühere Studien der Universität Bournemouth haben gezeigt, dass viele Menschen die "5 am Tag" Regel kennen, aber eben nicht wissen, wie sie die am besten umsetzen sollen. Nur ein Drittel der Erwachsenen und etwa zwölf Prozent der Elf- bis Achtzehnjährigen würden laut Public Health England die empfohlenen Mengen an Obst und Gemüse verzehren. Die App SMART-5-A-DAY, deren Entwicklung von Katherine Appleton, Professorin für Psychologie an der Universität Bournemouth, geleitet wurde, soll genau das ändern, indem sie hilft, die richtigen Portionsgrößen zu verstehen. Vereinfacht gesagt: Sie sagen der App was sie gegessen haben und die sagt ihnen dann, ob sie die empfohlenen Portionen schon erreicht haben oder noch ein Brokkoliröschen mehr knabbern müssen.

"Wir glauben, dass dies ein wirksames Instrument ist, um die Ernährungsgewohnheiten der Menschen langfristig zu verbessern, und nicht nur für den kurzen Zeitraum, in dem sie die App nutzen", sagt Appleton. Wie wirksam die App am Ende tatsächlich ist, muss erst noch in weiteren Studien erfasst werden.

Welche Vorsätze auch immer aus ihrem Innersten entspringen, ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Start ins neue Jahr und hoffe, dass die Vorsätze (bei Ihnen und bei mir selbst) dieses Mal nicht nur Vorsätze bleiben, sondern tatsächlich auch in die Tat umgesetzt werden. Darauf ein Stück Apfel!

Jennifer Schollbach/dpa

Sport statt Pille Vorschaubild 45 min
Sport statt Pille Vorschaubild Bildrechte: MDR WISSEN/Panthermedia

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