Links, rechts oder beide? Wissenschafts-Rätsel: Warum gibt es so wenig Linkshänder?

Mit welcher Hand haben Sie gerade diesen Artikel hier auf dem Smartphone oder Computer aufgerufen – mit der rechten oder mit der linken? Und haben Sie sich jemals gefragt, warum Sie ausgerechnet diese Hand benutzen und welche Vor- oder Nachteile das hat? Trotz jahrzehntelanger Forschung sind viele Fragen zur Händigkeit bis heute nicht vollends geklärt und machen sie zu einem äußerst spannenden Rätsel der Wissenschaft.

Was bedeutet eigentlich dieser Begriff: Händigkeit? Forschende unterscheiden hier zwischen zwei Aspekten: Da gibt es zum einen die Handpräferenz, also die subjektive Wahrnehmung des Einzelnen, welche Hand die "Haupthand" ist und vornehmlich genutzt wird. Zum anderen gibt es das Handgeschick. Damit ist die objektiv nachprüfbare Fähigkeit gemeint, Tätigkeiten mit einer bestimmten Hand auszuführen. Oft korrelieren die beiden Faktoren miteinander: Wer sich beispielsweise als rechtshändig einordnet, schätzt sich meist korrekt ein und weist in der Regel tatsächlich auch eine geschicktere rechte Hand auf.

Jeder Zehnte ist Linkshänder

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Jeder zehnte Mensch ist linkshändig und doch scheint unsere Welt nur für Rechtshänder gemacht zu sein. Bildrechte: Colourbox.de

Die Menschen, die vornehmlich die rechte Hand benutzen, sind deutlich in der Überzahl. Die bislang größte Metaanalyse zum Thema, die ein internationales Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern 2020 veröffentlicht hat, kommt zu dem Ergebnis, dass 10,6 Prozent der Menschen linkshändig sind. Allerdings gibt es hierbei ein Problem: Die Verteilung von Links- und Rechtshändigkeit kann sich von Studie zu Studie stark unterscheiden. Gründe dafür sind verschiedene Definitionen von Händigkeit, divergierende Untersuchungs-Designs und auch die Tatsache, dass es bis in die 1980er-Jahre üblich war, linkshändige Kinder zur Rechtshändigkeit umzuerziehen.

Der Schlüssel liegt im Gehirn

Die Dominanz der rechten oder linken Hand liegt in der Struktur unseres Gehirns begründet. Das Zauberwort heißt Lateralisation, also die Verteilung verschiedener Aufgaben auf die linke und die rechte Hirnhälfte. In Sachen Motorik läuft diese Zuständigkeit über Kreuz. Bei jemandem, der Tätigkeiten mit der rechten Hand ausführt, ist dabei also die linke Hemisphäre im Gehirn aktiv – und umgedreht.

Händigkeit ist Hirnigkeit. Sie ist nicht nur eine Angewohnheit, sondern hängt mit Betonungen und Dominanzen in unserem Gehirn zusammen.

Johanna Barbara Sattler, Psychologin und Linkshänderberaterin

Diese neuronal festgelegte Dominanz wirkt sich übrigens nicht nur auf unsere Hände aus: Etwa 70 Prozent der Menschen schauen bevorzugt mit dem rechten Auge durch ein Schlüsselloch, 80 Prozent ziehen den rechten Fuß dem linken vor.

Die Evolution der Händigkeit

Aber warum kümmern sich nicht beide Hirnhälften gleichermaßen um unsere Motorik, sodass wir mit beiden Händen gleich gut zurechtkommen? Die Antwort darauf ist erstaunlich einfach: Effizienz. "Das menschliche Gehirn ist ein sehr energiehungriges Organ. Etwa 20 Prozent der Kalorien, die wir aufnehmen, werden dafür verbraucht, das Gehirn am Laufen zu halten", erklärt Sebastian Ocklenburg, Biopsychologe an der Ruhr-Universität Bochum.

Sebastian Ocklenburg, Biopsychologe an der Ruhr-Universität Bochum, im Portrait.
Biopsychologe Sebastian Ocklenburg ist den noch ungelösten Fragen zur Händigkeit auf der Spur. Bildrechte: MDR/©RUB/Katja Marquard

Klar, heutzutage ist unsere Versorgung mit ausreichend Kalorien eher selten ein Problem. "Aber wenn man sich evolutionäre Zeiträume anguckt, kam es eben vor, dass man nicht genug Nahrung hatte. Umso wichtiger war es, dass man die Kalorien effizient nutzen konnte. Dann macht es natürlich Sinn, wenn man die Bewältigung feinmotorischer Aufgaben mit möglichst wenig Gehirnzellen durchführen kann und diese Funktion nicht auf beiden Seiten hat."

Warum Rechtshänder die Mehrheit sind

Bleibt die Frage, warum das Mengenverhältnis zwischen rechts- und linkshändigen Menschen nicht ausgeglichen ist. Eine zu hundert Prozent sichere Antwort gibt es darauf nicht, sagt Biopsychologe Ocklenburg – aber mehrere Hypothesen.

Und auch hier spielt wieder die Evolution eine Rolle: Wenn viele Menschen die gleiche Händigkeit gemeinsam haben, laufen Lern- und Nachahmungs-Prozesse einfacher ab. "Wollte in der Steinzeit ein Mensch dem anderen zeigen, wie man ein Werkzeug herstellt, war dieser Lernvorgang wahrscheinlich erfolgreicher, wenn dabei die gleiche Hand benutzt wurde. Das heißt, es könnte einen evolutionären Druck darauf gegeben haben, dass die Menschen alle Rechtshänder werden", erklärt Ocklenburg.

Sind linkshändige Menschen also so etwas wie eine evolutionäre Schwäche? Nicht unbedingt. Denn einen weiteren Erklärungsansatz für die Händigkeitsverteilung liefert die sogenannte Fighting-Hypothese.

Die Fighting-Hypothese besagt, dass es während der menschlichen Evolution ein Vorteil für Linkshänder war, Gegner im Kampf besser überraschen zu können.

Sebastian Ocklenburg, Biopsychologe, Ruhr-Universität Bochum

Das zeige sich interessanterweise auch heutzutage noch, so Ocklenburg: "Schaut man sich beispielsweise Studien zu Menschen an, die Kampfsportarten – etwa Boxen – durchführen, dann sieht man, dass es bei den professionellen Kämpfern im Schnitt deutlich mehr Linkshänder gibt als in der gesamten Population."

Genetik vs. Umwelt

Bereits im Mutterleib zeigen wir erste Anzeichen einer Händigkeit: Acht Wochen nach der Zeugung bewegen Embryonen bevorzugt einen Arm und ab der 13. Schwangerschafts-Woche lutscht das Ungeborene bevorzugt am linken oder rechten Daumen. Diese Präferenzen setzen sich dann meist fort, wenn das Kind auf der Welt ist.

Forschende gehen davon aus, dass die Händigkeit zu 25 Prozent genetisch und zu 75 Prozent durch Umweltfaktoren festgelegt wird. Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass eineiige Zwillinge durchaus verschiedene Händigkeiten entwickeln können und Linkshänder-Paare eher rechtshändige Kinder bekommen. Welche Umwelteinflüsse es genau sind, die am Ende den Ausschlag für die Händigkeit geben, ist noch nicht abschließend erforscht. Es gibt lediglich Hinweise darauf, dass zum Beispiel der Hormonhaushalt der Mutter, Geburtstermin- und Gewicht sowie das Geschlecht des Kindes eine Rolle spielen könnten.

Was tun bei unklarer Händigkeit?

Psychologin und Linkshänderberaterin Johanna Barbara Sattler im Portrait.
Barbara Sattler ist Gründerin der ersten deutschen Beratungsstelle für Linkshänder*innen in München. Bildrechte: MDR/Almuth Vasterling

Doch längst nicht immer ist die Händigkeit eines Kindes eindeutig, weiß Psychologin und Linkshänderberaterin Barbara Sattler: "Kinder möchten so sein wie die anderen, deshalb passen sie sich an." Und anpassen bedeute eben oft, Dinge so zu machen wie die rechtshändige Mehrheit. Eltern sollten ihr Kind deshalb genau beobachten und es möglichst wenig beeinflussen. Diese Beeinflussung beginnt bereits beim gedeckten Tisch, auf dem das Messer immer rechts liegt und so das Kind möglicherweise implizit dazu verleitet, es auch in die rechte Hand zu nehmen, obwohl das Schneiden mit der linken Hand viel besser funktioniert.

Wie benutzt das Kind Spielzeuge? Wie greift es die ersten Stifte? Mit welcher Hand isst es? Das sind alles gute Beobachtungs-Möglichkeiten für Eltern.

Johanna Barbara Sattler, Psychologin und Linkshänderberaterin

Zeige sich im Alter von vier bis fünf Jahren immer noch keine klare Handdominanz, seien Gespräche mit Erziehern, der Kinderärztin oder der Besuch einer Linkshänderberatung hilfreich. Denn wer mit unklarer Händigkeit eingeschult wird, kann darunter leiden. Fehlt etwa beim Schreibenlernen die motorische Geschicklichkeit, ist das Kind mitunter überfordert, es kann sich schlechter konzentrieren, kommt weniger gut mit und verliert letztlich die Lust am Lernen.

Tests zur Händigkeits-Feststellung

Umso wichtiger ist es also, rechtzeitig herauszufinden, welche Hand die dominante ist, sofern sich diese Dominanz nicht bereits von selbst zeigt. Die Testverfahren hierzu sind recht komplex und bestehen für gewöhnlich aus Befragungen und einem praktischen Teil. Hier werden mit verschiedenen Aufgaben das grob- und feinmotorische Geschick der rechten und linken Hand ausgewertet.

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Damit das Schreibenlernen auch Spaß macht, sollte die Händigkeit eines Kindes bis zur Einschulung geklärt sein. Bildrechte: imago images / Westend61

So wird die Grobmotorik beider Hände zum Beispiel mit einem Steckbrett-Test untersucht, bei dem Holzstifte auf einem Brett umgesteckt werden müssen – zuerst mit der einen, dann mit der anderen Hand. Die Feinmotorik wiederum lässt sich etwa mit dem sogenannten ABC-Test gut beobachten: Zweimal wird hintereinander weg das vollständige Alphabet aufgeschrieben, zuerst mit der einen, dann mit der anderen Hand. Sowohl der benötigte Zeitaufwand als auch die Leserlichkeit des Schriftbildes können Hinweise auf die Händigkeit liefern.

Für ausgebildete LinkshänderberaterInnen ist bei so einem Test aber auch das "Drumherum" aufschlussreich: Mit welcher Hand greift eine Person intuitiv nach einem Gegenstand, der mittig vor ihr liegt? Mit welcher Hand schraubt sie eine Flasche auf, wie öffnet sie den Reißverschluss eines Federmäppchens? Aus all diesen Faktoren lässt sich am Ende ein Quotient ermitteln, wo genau ein Mensch sich auf der Skala zwischen "ausgeprägte Linkshändigkeit" und "ausgeprägte Rechtshändigkeit" bewegt. Denn: Die wenigsten sind zu einhundert Prozent nur eines von beidem, sondern verfügen auch mit der nicht-dominanten Hand über gewisse Fertigkeiten und führen bestimmte Tätigkeiten bevorzugt mit dieser aus.

Umerziehung stört das Gehirn

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Wer seine Linkshändigkeit nicht ausleben kann, ist oftmals weniger leistungsfähig, unkonzentriert und leidet unter psychischen Belastungen. Bildrechte: IMAGO

Welche tiefgreifenden Folgen eine Umerziehung auf die nicht-dominante Hand haben kann, zeigt sich an linkshändigen Menschen, die einst in der Schule gezwungen wurden, auf rechts umzusteigen. "Dann kommt es zu Störungen und Irritationen im Gehirn. Primärfolgen können Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen sein, manchmal auch feinmotorische Schwierigkeiten. Es kann zu Verwechslungen von links und rechts kommen", erklärt Barbara Sattler. "Die Intelligenz wird nicht reduziert, aber die Manifestation der Intelligenz."

Diese Primärfolgen würden sich oft auch im psychischen Bereich fortsetzen, so die Psychotherapeutin. "Das Kind weiß, dass es nicht dumm ist, und fragt sich, warum es bestimmte Sachen nicht abrufen oder beim Schreiben nicht mitdenken kann. Dann gibt es einen inneren Konflikt, der je nach Persönlichkeitsstruktur unterschiedlich verarbeitet wird und auch zu Rückzug und Unsicherheiten führen kann." All dies kann schlimmstenfalls, wie Untersuchungen zeigen, in Minderwertigkeitskomplexen, Burnout und Depressionen gipfeln.

Es gibt noch viel zu tun

Glücklicherweise ist diese erzwungene Umerziehung von linkshändigen Menschen längst aus den Lehrplänen der Schulen gestrichen und gilt sogar als Körperverletzung. Trotzdem gibt es noch viel zu tun, betont die Linkshänderberaterin Barbara Sattler:

Wir versuchen zwar, in der Schule auf Linkshänder zu achten, aber danach lassen wir sie allein. In der Berufsberatung in der Schule oder auf dem Arbeitsamt wird da überhaupt nicht mehr drauf geachtet, dass es in manchen Berufen Schwierigkeiten geben könnte.

Johanna Barbara Sattler, Psychologin und Linkshänderberaterin

Ein junge Frau arbeitet an einer Bohrmaschine.
Nachteile im Beruf: Viele technische Geräte und Werkzeuge sind nur auf Rechtshänder ausgelegt. Bildrechte: Colourbox.de

Das betreffe vor allem die handwerklichen und technischen Berufsfelder: "Es gibt zum Beispiel Standbohrmaschinen, bei denen man die Feinjustierung auf der rechten Seite machen muss. Diese Maschinen sind natürlich teuer. Und ein kleiner Betrieb wird das kaum zugunsten der Chancengleichheit einrichten, sondern sagen: Dann such' dir einen anderen Arbeits- oder Ausbildungsplatz."

Aber auch an vielen alltäglichen Gegenständen zeige sich, dass die Welt für rechtshändige Menschen ausgelegt sei: Auf welcher Seite ist ein Notizbuch gebunden? Wie ist das Messer geschliffen, mit dem ich mein Brot schneide? Mit welcher Hand stecke ich mein Kleingeld in den Fahrkartenautomaten? Barbara Sattler wünscht sich deshalb noch mehr Bewusstsein für das Thema. Ihre Forderung: eine Art Linkshänderbeauftragte für Institutionen und Behörden, die mit Handwerksberufen oder der schulischen Ausbildung zu tun haben.

Von Einstein bis Lady Gaga: Diese Promis sind Linkshänder

Mareile Höppner
BRISANT-Moderatorin Mareile Höppner Bildrechte: MDR/Hagen Wolf
Mareile Höppner
BRISANT-Moderatorin Mareile Höppner Bildrechte: MDR/Hagen Wolf
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1 Kommentar

Critica vor 12 Wochen

Es muss im Leben der Menschen aber auch noch "Rätsel" geben... Das ist wie im Liebesleben, wenn man alles zu wissenschaftlich nimmt, wird es langweilig.