Studie Tierische Entwicklung: vom Hungerleider zum Draufgänger

Egal, ob Spinne, Frosch oder Krebs: Wer als Jungtier gehungert hat, wird als ausgewachsenes Exemplar risikobereiter. Das zeigt eine Metastudie aus Jena.

Raben kämpfen
Hunger macht mutig? Bildrechte: imago images/Cover-Images

Ob Spinne, Insekte, Krebs, Fisch, Amphibie oder Vogel: Eins haben sie alle gemeinsam - ihr Leben steckt voller unplanbarer Überraschungen, und jede neue Situation, jedes unbekannte Terrain, in das sie sich begeben, zum Beispiel um Futter oder Paarungspartner zu finden, könnte tödlich enden. Nur gibt es Unterschiede: Warum sind manche draufgängerischer als andere?

Eine Metastudie aus Jena hat die Antwort. Sie belegt, dass Tiere, die beim Heranwachsen hungern mussten, als adulte Exemplare um 26 Prozent risikobereiter sind als solche, die nie Nahrungsnot kannten. Ein Ergebnis, das selbst die Forscher in seiner Eindeutigkeit verblüffte, auch, weil sich dieser Zusammenhang durch alle untersuchten Verhaltenskontexte der untersuchten Arten zeigte. Es gilt also für Situationen, wo neues Terrain erkundet wurde, wo Tiere abwanderten oder Risiken auf der Futtersuche eingehen mussten.

Woher kommen diese Unterschiede?

Prof. Dr. Holger Schielzeth von der Universität Jena sagt, zu einem gewissen Grad seien diese Unterschiede angeboren. Aber zu einem Großteil stecke auch die individuelle Entwicklung dahinter. Der treibende Faktor für die Risikobereitschaft im Leben ist der Hunger, den man beim Aufwachsen erlebt - oder eben nicht. Für die Metastudie wurden 120 Studien mit mehr als 100 Tierarten ausgewertet.

In allen war der Ernährungszustand oder der energetische Zustand von Tieren durch Diätbehandlungen experimentell manipuliert worden. Danach war das Risikoverhalten in verschiedenen Kontexten, die mit Raub, Neuheit und Erforschung zu tun hatten, untersucht worden. Geprüft wurde auch, welche Rolle der Zeitpunkt einer Hungerperiode für die tierische Risikobereitshaft spielte oder ob es Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Tieren gab. Letztere zeigten sich nicht. Prof. Klaus Reinhold, Evolutionsbiologe an der Uni Bielefeld, erklärt die beiden Hypothesen, von denen man ausging:

Zum einen konnte man annehmen, dass Tiere, denen es immer gut ging und die daher in besserem Zustand sind, mehr zu verlieren haben und sie deshalb weniger risikobereit sind. Oder: Führt ein besserer Ernährungsstatus dazu, dass sie einer riskanten Situation leichter entkommen und sie deswegen eher ein Risiko eingehen können?

Für die Tierwelt scheint das nun geklärt zu sein: Wer als Kind gehungert hat, ist später risikobereiter. Lässt sich das auch auf uns Menschen übertragen? Wer in jungen Jahren hungert, ist später draufgängerischer? Zu einem gewissen Teil ja, meint Populationsökologe Schielzeth. Schließlich sei der Mensch ja auch nur eine Art von Tierspezies.

(lfw)

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