Windräder in Dänemark
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MDR KLIMA-UPDATE | 26. Januar 2024 Dänemark: Klimaneutral mit Wind im Rücken

Ausgabe #125 – von Katja Evers

26. Januar 2024, 16:08 Uhr

Dänemark gilt als Vorreiter in Sachen Klimaneutralität: Bereits die Hälfte seines Strombedarfs deckt das Land mit Windkraft! Doppelt so viel wie in Deutschland! Aber heißt das auch doppelt so viel Protest?

Junge Frau mit langen, braunen Haaren gelben Mantel, lacht und blickt mit leicht gesenktem Kopf in Kamera
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Hallo zusammen,

wissen Sie, Norwegen, Dänemark und Schweden erinnern mich immer ein bisschen an Geschwister. Sie sind füreinander da, aber man neckt sich auch ganz gerne! Dänemark zum Beispiel ist – hier in Norwegen – das „Pannekakeland“. Das klingt ziemlich niedlich, hat aber wenig mit den süßen Eigenschaften der Dänen zu tun, sondern damit, dass Dänemark platt wie eine Flunder ist … oder eben ein Pfannkuchen! Der höchste natürliche Berg – oder sagen wir die höchste Erhebung – ist gerade einmal 170 Meter hoch!

Wenn Sie durch Dänemark fahren, werden Sie dafür eine Reihe anderer Erhebungen in der Landschaft wahrnehmen: Windräder! In Sachen Windkraft sind die Dänen weltweit führend:  Schon jetzt deckt sie mehr als die Hälfte des Stromverbrauchs im Land – in Deutschland dagegen ein Viertel. Und bis 2030 will Dänemark die Produktion sogar vervierfachen.

Pläne, die in Deutschland sicherlich vielerorts für Proteste sorgen würden. Von wütenden Dänen hört man dagegen wenig. Sind die Dänen also anders gestrickt? Und gibt es überhaupt Proteste gegen die Windkraft? Das schauen wir uns gleich an.

Aber erstmal wie gewohnt zur... 

🌍✋  Stopp! Mediatheks-Tipp passend zur Weltklimakonferenz: In unserer Doku Drama Klimaschutz macht sich ein Rechercheteam auf die Suche nach den Gründen, warum Wissenschaft und Proteste immer noch scheitern und so wenig beim Klimaschutz passiert.


#️⃣ ZAHL DER WOCHE

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… Euro im Monat wird auch in diesem Jahr das Deutschlandticket kosten. Das haben die Verkehrsminister der Länder am Montag beschlossen. Damit bleibt der Preis auf dem Niveau von 2023. Wie zuvor beteiligt sich der Bund zur Hälfte an den Kosten und zwar mit rund 1,5 Milliarden Euro. Zuvor hatten Umweltorganisationen und Verbraucherschützer vor höheren Preisen gewarnt. Das Argument: Das Interesse am Deutschlandticket könne dann deutlich sinken und damit den positiven Schritt in Sachen klimaverträgliches Reisen wieder zunichtemachen. Wie es nun 2025 weitergeht, ist noch nicht klar. Die Länder haben sich aber darauf verständigt, mit dem Bund Lösungen zu erarbeiten, die eine flexible Finanzierung über die Jahresgrenze hinaus sicherstellen sollen.

Gegenwind in der Bevölkerung?

Um es kurz zu machen: Ja, auch in Dänemark gibt es Proteste, und sie sind unseren gar nicht mal so unähnlich! Letztendlich geht es immer um einen Einschnitt, den die Protestierenden in ihrem Alltag durch den Bau von Windrädern sehen.

In Åbyen etwa, einem dänischen Dorf ganz im Norden, befürchten die Einwohner – und wie es scheint, auch Menschen aus dem Umkreis (unterschrieben haben fast 10.000, im Dorf leben aber nur 550) – Gesundheitsschäden und eine Störung der Landschaftsidylle durch zu große Windräder. Auf der kleinen dänischen Insel Omø haben sich hingegen Ornithologen und Jäger gegen geplante Windkraftanlagen zusammengeschlossen, um die vielen Vögel auf der Insel zu schützen… oder naja, vielleicht auch zu schießen!

Die Proteste sind allerdings meist klein und regional, umfassen also nicht das große Ganze. Die Menschen in und um Åbyen sagen sogar selbst, dass ihr Protest kein genereller Protest gegen Windkraft sei. Nur ein Protest dagegen, dass Dinger so groß werden sollen!

Seit der Ukraine-Krise gibt es aber eine größere, nationale Debatte, die sich am besten in einer 2022 durchgeführten Meinungsumfrage zeigt: Auf die Frage, ob Sie denn für Kernkraft stimmen würden, wenn morgen eine Volksabstimmung stattfände, antworteten 46 Prozent der befragten Dänen mit Ja! Bei jungen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren waren es sogar über 50 Prozent. Falls Sie nun mit den Schultern zucken, hier ein kleiner, aber wichtiger Kontext: Gegen Atomkraft zu sein, liegt den Dänen quasi im Blut. Das Logo der Anti-Atomkraft-Bewegung - die lachende rote Sonne - stammt sogar aus Dänemark. 

Warum also der Stimmungswechsel? Ganz einfach: Die Ukraine-Krise hat – wie bei uns auch – Abhängigkeiten offengelegt: Denn für Windenergie braucht es…? Richtig: Wind! Wenn der heftig über das Land fegt, kann Dänemark Überschüsse exportieren! Wenn nur ein laues Lüftchen weht, muss Dänemark importieren. Und das ist den Dänen wohl besonders bewusstgeworden, als die Preise für den Import durch den russischen Angriffskrieg gestiegen sind.

Der dänische Energiejournalist Frede Westergaard kritisiert jedenfalls auf der Energie-Website Second Opinion: "In Dänemark haben wir uns zu sehr darauf konzentriert, der Welt zu zeigen, dass wir mit Sonne und Wind auskommen können. Putins Krieg hat definitiv klargemacht, dass wir das genauso wenig können wie Deutschland/Europa. Es hilft nicht, auf mehr Wind und Sonne zu bestehen, solange wir den Strom nicht speichern können."

Ist das dänische Erfolgsmodell also in Gefahr?

Nein, glaubt Lars Kjerulf Petersen, Klimaforscher an der Universität Aarhus. Auch wenn Atomkraft in die öffentliche Debatte zurückgekehrt ist, sind die Dänen der Windkraft gegenüber nach wie vor positiv gestimmt. Nicht nur, weil die Windkraft Arbeitsplätze und Exporterlöse schafft, sondern vor allem, weil damit ein nationales Selbstbewusstsein verbunden ist. Und das lässt sich im Wesentlichen mit drei Punkten erklären, die ich Ihnen jetzt gerne vorstellen möchte.

1. Die Energiewende ist fast schon Tradition

Nur etwa ein Fünftel der dänischen Bevölkerung hat den Startschuss der Energiewende überhaupt miterlebt – der war in Dänemark übrigens exakt dreißig Jahre bevor dieses Wort vom Duden in den deutschen Sprachschatz aufgenommen wurde.

Noch Anfang der 70er gibt es Erdöl in großen Mengen! Die Fabriken produzieren, die Autos fahren, die Heizungen sind warm – alles eine Selbstverständlichkeit, auch in Dänemark. Bis 1973 arabische Ölstaaten die Förderung drosseln und ein Embargo verhängen. Wieso, weshalb, warum? Diese Details erspare ich Ihnen aus Zeitgründen, Sie können sie aber hier bei den geschätzten Kollegen und Kolleginnen des SWR nachlesen. 

Wichtig ist: Die Ölkrise damals hat Konsequenzen bis heute! Denn hier fällt der Startschuss für Dänemarks flächendeckenden Windkraftausbau, um sich unabhängiger vom Ölimport zu machen! 

Anzahl der Windräder seit den 70er Jahren in Dänemark
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Für alle, die nun schon ein großes ABER auf den Lippen haben: Ja, ich weiß, das ist sehr vereinfacht dargestellt! Auch in Dänemark hatte man sich bis dato mit der Atomenergie beschäftigt und auch durchaus damit geliebäugelt, Atomkraftwerke zu bauen.

Der, wie schon erwähnt, starken Anti-Atomkraft-Bewegung ist es aber zu verdanken, dass es nie dazu kam. Und der Tatsache, dass man sich in Kalifornien just zu dieser Zeit für einen dänischen Windkrafttyp entschieden hatte, um einen großen Windpark aufzubauen – der Anreiz für die Wirtschaft klappt immer!

Aus heutiger Sicht ist es einfach zu sagen, Dänemark hat richtig entschieden: Als eines der wenigen Länder weltweit hat Dänemark gute Chancen, seine ehrgeizigen Klimaziele tatsächlich zu erreichen - der Windkraft sei Dank! Die Anfänge waren jedoch nicht unbedingt leicht. Die Entwicklung großer Windanlagen war lange Zeit – wie auch in anderen Ländern - wenig erfolgreich. Bis Ende der 90er Jahre lag der Anteil der Windkraft am dänischen Stromverbrauch unter 10 Prozent! Trotzdem haben Regierung und Bevölkerung konsequent an einem Strang gezogen.

2. Die Bevölkerung hilft mit

Zunächst einmal müssen Sie wissen, dass Windkraft in Dänemark schon vor der Ölkrise eine Rolle gespielt hat. Anders als die allermeisten Länder hat es Dänemark geschafft, ländliche Gebiete noch vor den Städten zu elektrifizieren mit – Sie ahnen es – Windkraft!

Zu verdanken ist das einer starken Volkshochschulbewegung, die die Stromversorgung der ländlichen Bevölkerung schon vor 1900 zum Thema machte! Diese Art der Stromversorgung wurde zwar zwischenzeitlich durch Kohlekraftwerke verdrängt, aber in Krisenzeiten – beispielsweise in den Weltkriegen – gerne wieder ausgepackt und erneuert. So auch in der Ölkrise!

Das Wissen um Windkraftwerke der Marke Eigenbau war also schon lange vorhanden. Infolge der Atomdebatte nach der Ölkrise wurden diese Bastler dann wieder wachgerüttelt. Ein Beispiel aus der Kleinstadt Ulfborg im Westen des Landes illustriert das ganz gut: Dort haben auf einem Schulgelände Lehrer, Schüler und Freiwillige in den 70ern das damals größte Windrad der Welt errichtet – innerhalb von drei Jahren. Mit viel Fleiß, Geduld und Zeitungsanzeigen, in denen weltweit Gleichgesinnte mit technischem Know-how gesucht wurden.

Aus vielen solcher Bastlerwerkstätten wurden später kleine Betriebe, die von der Regierung frühzeitig gefördert wurden. Mittlerweile haben natürlich viele (oft selbst dänische) Großkonzerne übernommen! Trotzdem wird die Akzeptanz der Bevölkerung aktiv befördert: Wenn das eigene Grundstück beispielsweise durch den Bau einer Windanlage an Wert verliert hat man Anspruch auf Entschädigung. Daneben sind Eigentümer staatlich geförderter Windanlagen verpflichtet, den Anwohnern 20 Prozent der Eigentumsanteile zum Kauf anzubieten, und wer für ein Bürgerenergieprojekt einen Kredit beantragt, kann auf Bürgschaften des Staates zurückgreifen. Oft entstehen auch Partnerschaften aus Bürgerenergieprojekten und Energieunternehmen.

Gemeinsam haben sie Dänemark so in eine führende Position weltweit gebracht, und das ist laut Lars Kjerulf Petersen ausschlaggebend für die anhaltende pro-Windkraft-Haltung der Dänen!

3. Dänemark ist Weltmeister!

Vielleicht erinnern Sie sich an 2014, an das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft! 7 zu 1 gegen Brasilien – ein Traumergebnis! Und vielleicht waren auch Sie stolz darauf, was die deutsche Mannschaft – ja ganz Deutschland - da geleistet hatte. Und das ganz unabhängig davon, ob Sie den Fuß nun am Ball hatten oder nicht.

Genau so geht es den Dänen in Sachen Windkraft, erklärt Lars Kjerulf Petersen. „Es herrscht die Auffassung, dass Dänemark Weltmeister ist, sowohl in der Herstellung von Windkraftanlagen (für die ganze Welt) als auch in der Produktion von sauberer, grüner Windenergie hier in Dänemark.“ Windkraft sei in Dänemark mit nationalem Stolz verbunden, und das wiederum führe zu einer überwiegend positiven Grundstimmung gegenüber Windkraft und einem Eifer umweltbewusst zu sein.

Soll heißen: So wie Sie vielleicht plötzlich ins Fußballfieber geraten, wenn unsere Mannschaft gut dasteht – sich zum Beispiel selbst mal an einer Torschusswand versuchen oder neueste Fouls fachmännisch diskutieren – so sind die Dänen besonders eifrig dabei, Wissen und Lösungen für die Klimakrise zu suchen. Nur, dass der Weltmeister-Titel der Dänen, oder zumindest das Gefühl es zu sein, dann doch beständiger ist als im Moment der deutsche Fußballhype!

🗓 KLIMA-TERMINE

Seit 24. Januar – Online

Unter dem Motto "Hallo Bundestag, wir müssen reden! Was ist der Plan für #FossilfreiUndFair?" laden mehr als 50 Verbände und Initiativen Politikerinnen und Bürgerinnen dazu ein, gemeinsam über Wege aus der Klimakrise zu sprechen. Die Anmeldung für die bundesweite Videokonferenz zum „Tag der Klimademokratie“ am 27. April ist seit dieser Woche möglich. Infos hier

Dienstag, 6. Feburar – Berlin

Das zivilgesellschaftliches Bündnis Exit Plastik lädt im Rahmen einer öffentlichen Konferenz dazu ein, mit Gästen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, Wege aus der Plastikkrise zu erörtern. Infos und Anmeldung

Dienstag, 06. Februar – Brüssel

Die EU-Kommission legt das EU-Klimaziel für 2040 vor sowie die Strategie für die Umsetzung der CO2-Abscheidung, -Nutzung und -Speicherung im Industriesektor.


📰 KLIMAFORSCHUNG UND MENSCHHEIT

Grönlandeis schmilzt schneller als gedacht

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die im Fachjournal Nature veröffentlicht wurde. Laut Forschungsteam hat das grönländische Eis demnach zwischen 1985 und 2022 bis zu 20 Prozent mehr Masse verloren als bisher angenommen. Das zeigen Satellitendaten der Gletscherkanten, die nun mithilfe von KI neu bewertet werden konnten. Der erfasste Verlust entspricht laut Forscherteam etwa tausend Gigatonnen, die in den bisherigen Berechnungen nicht auftauchen! Das habe laut Studie aber kaum zu einem Anstieg des Meeresspiegels geführt. Das zusätzliche Süßwasser sei jedoch ausreichend, um den für das Wetter und Klima wichtigen Nordatlantikstrom und den damit verbundenen Wärmetransport zu beeinflussen.

Klimaneutralität kostet 1,5 Billionen Euro jährlich

Das berichtet die Financial Times unter Berufung auf einen Berichtsentwurf der EU-Kommission, der am 6. Februar veröffentlicht werden soll. Im Entwurf heißt es aber auch, dass es teurer sein könnte, nichts zu unternehmen. Die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels könnte die EU demnach zwischen 2031 und 2050 vor wirtschaftlichen Verlusten von 2,4 Billionen Euro bewahren. Darüber hinaus könnten die Kosten für fossile Brennstoffe im gleichen Zeitraum um 2,8 Billionen Euro gesenkt werden. Der Entwurf skizziert laut Financial Times den Plan, die Emissionen bis 2040 um 90 Prozent zu reduzieren. Dafür müsse der Stromsektor nahezu vollständig dekarbonisiert, die Arbeitskräfte in grüne Industrien verlagert und insgesamt der Verbrauch fossiler Brennstoffe um 85 Prozent im Vergleich zu den Werten von 1990 reduziert werden.


📻 KLIMA IN MDR, ARD UND ZDF

👋 ZUM SCHLUSS

Beim Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch gehört Dänemark weltweit zu den Spitzenreitern. Trotzdem ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt! Zum Beispiel ist Dänemark weiterhin der größte Öl- und Gasproduzent der EU. Das befleckt die weiße, oder sagen wir eher grüne, Weste Dänemarks dann doch irgendwie!

Zugutehalten muss man ihnen aber, dass das Land, anders als Norwegen etwa, der Förderung zumindest auf dem Papier ein Ende gesetzt hat: 2050 ist Schluss! Die Suche nach neuen Öl- und Gasfeldern und die entsprechende Lizenzvergabe ist bereits gestoppt.

Die Ukraine-Krise hat den Plänen aber schon einen Dämpfer verpasst. Die Erdgasförderung ist vorübergehend wieder erhöht worden. Vorübergehend. Das ist laut dänischer Regierung das Stichwort. Denn wie bereits bei der Ölkrise in den 70ern will man diese Krise als Anstoß nehmen. Ministerpräsidentin Mette Frederiksen verspricht: „Wenn wir grüner werden, schwächen wir Putin. Und wenn wir grüner werden, verlangsamen wir den Klimawandel, der unseren Planeten zerstört.“

Gut so, denn was wäre ein Weltmeister ohne die Welt.

Liebe Grüße
Katja Evers


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Schreiben Sie uns an klima@mdr.de.

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