Sprachwissenschaftler erklärt Klimawandel, -krise oder -katastrophe? Wie wir richtig übers Klima sprechen

Wörter wie Klimakrise, Klimawandel, Erderwärmung oder Erderhitzung sind seit Längerem präsent in unserem Sprachgebrauch. Doch welche Begriffe sind eigentlich richtig? Und gibt es so etwas wie eine klimagerechte Sprache in der Gesellschaft? MDR hat mit einem Sprachwissenschaftler darüber gesprochen.

Collage zum Thema Sprache und Umwelt
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Spätestens seit der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ist die Debatte um den Klimaschutz neu entbrannt. Und es fallen unterschiedliche Begriffe wie Klimawandel, -krise oder -katastrophe. Dabei wird teilweise Kritik laut, einige Begriffe würden verharmlosen, andere dramatisieren. Deshalb kommen nun auch Forderungen nach einer klimagerechten Sprache in der Gesellschaft. In einem Interview erklärt Sprachwissenschaftler Kersten Sven Roth von der Uni Magdeburg, welche Begriffe zutreffend sind.

MDR: Herr Roth, brauchen wir eine klimagerechte Sprache in der Gesellschaft?

Prof. Kersten Sven Roth: Bei der Idee "klimagerechter Sprache" geht es ja im Kern darum, im Klimadiskurs verstärkt Ausdrücke zu verwenden, die Handlungsdruck erzeugen und die Dringlichkeit des Problems sichtbar machen.

Dazu, ob wir das brauchen, kann ich als Linguist zunächst nur bedingt etwas sagen. Denn hier geht es ja eben nicht nur um Sprache, sondern auch um die Wirklichkeit, die mit ihr erfasst werden soll. Wenn wir allerdings keinen Anlass dazu haben, an der klaren Mehrheitsmeinung der wissenschaftlichen Klimaforschung zu zweifeln, dass es diese Bedrohung gibt und dass sie nur durch ein konsequentes und schnelles politisches Umsteuern bewältigt werden kann, dann erscheint das Anliegen, dafür auch geeignete sprachliche Mittel zu wählen, sinnvoll.

Warum ist es wichtig klimagerechte Sprache zu verwenden? Worauf muss man achten?

Das Label "klimagerechte Sprache" ist für sich genommen ja nicht ganz treffend, sondern offenbar von der älteren Prägung "geschlechtergerechte Sprache" abgeleitet, die aber anders funktioniert. Gemeint ist im Klima-Kontext ja eigentlich "problemgerechte" Sprache.

Es geht um die sprachliche Markierung von Dringlichkeit. Das wiederum bedeutet, man wird Wörter wählen, die stärker appellativ sind, die bedrohliche Konnotate, also Nebenbedeutungen haben. Dafür benötigt man im Grunde kein eigenes Programm. Wenn Sie ihr Kleinkind vor der Herdplatte warnen wollen, werden sie kaum sagen, sie sei noch warm, sondern eben: "Achtung, die ist heiß!".

Prof. Kersten Sven Roth ist Professor für Germanistik mit dem Schwerpunkt Sprachwissenschaften an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Er forscht unter anderem zur Politik- und Diskurssprache.

Mehrere Begriffe haben sich im Zusammenhang mit dem Klima in der Berichterstattung und im Volksmund verankert. Aber werden Sie auch richtig verwendet? Könnten Sie für uns die Begriffe Klimawandel, Klimakrise, Klimakatastrophe und Klimanotstand einordnen? Welchen Begriff würden Sie empfehlen?

Ein Mann mit Brille schaut lächelnd in die Kamera.
Prof. Kersten Sven Roth, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Bildrechte: Jana Dünnhaupt/OvGU

Zunächst einmal: Es geht hier nicht um ein "richtig" oder "falsch", das sich aus der Sprache und ihren Regeln selbst ergibt. Die "klimagerechte" Sprache verfolgt ein bestimmtes politisches Ziel. Es gibt inzwischen sehr viele Menschen, die dieses Ziel legitim und wichtig finden, dazu gehöre auch ich – als Privatmensch und Bürger.

Als Linguist aber kann ich nur feststellen, dass etwa "Klimawandel" natürlich keinerlei Bedrohungssemantik enthält. Wandel ist mindestens semantisch neutral, eher positiv – denken Sie an Formeln wie "Wandel durch Annäherung". Insofern würde ich, wenn ich politische und gesellschaftliche Maßnahmen zur Erlangung der politisch längst vereinbarten Grad-Ziele forcieren wollte, das Wort nicht nutzen.

"Krise" ist dringlicher, allerdings gehört zur Semantik des Wortes auch, dass es sich um ein Durchgangsstadium, also etwas Vorübergehendes handelt. "Notstand" dagegen ist ein eher politisch-institutioneller Begriff, der auf das Klima nicht so recht passen will. Tatsächlich handelt es sich ja am ehesten um eine "Naturkatastrophe". Katastrophen mobilisieren beim Menschen Kräfte und den Willen, sie trotz aller Schäden zu bewältigen. 

Wie steht es um die Begriffe Erderwärmung und Erderhitzung?

"Wärme" ist etwas rundum Positives. Wärme versprechen wir uns von guter Kleidung im Winter und auch der Wetterbericht verspricht uns genau so lange, dass es "wärmer" wird, bis unerträgliche Spitzentemperaturen erreicht sind, unter denen dann alle ächzen. Die werden dann aber eben "Hitze" genannt.

Deshalb gilt auch hier: Im Sinne des Versuchs, das Klimathema mehr in den Fokus des Interesses zu rücken, ist natürlich "Erderhitzung" der passendere Ausdruck. Allerdings ist Erderwärmung wohl der etablierte fachliche Begriff. Das Beispiel zeigt deutlich, dass wir uns hier auf dem Feld politischer Semantik bewegen.

Und um Klimaskeptiker vs. Klimaleugner?

"Klimaleugner" ist ja zunächst einmal in sich nicht ganz stimmig. Man bezeichnet damit ja gar nicht Menschen, die leugnen, dass es ein Klima gibt. Hier wird ein Wortbildungsmuster aufgegriffen, das vom "Corona-Leugner" bekannt ist oder auch vom älteren "Holocaust-Leugner", wo es aber jeweils semantisch stimmig ist. Das ist natürlich kein Zufall. Die damit angedeutete politische Lagerzuordnung ist durchaus beabsichtigt.

Der "Klimaskeptiker" ist im Grunde genauso unstimmig gebildet, aber natürlich weniger ausgrenzend. Grundsätzlich profitiert eine Gesellschaft immer davon, wenn Sie versucht, über Positionen hinweg im Gespräch zu bleiben. Insofern würde ich – ganz unabhängig von meiner persönlichen Meinung in der Sache –, wenn es um die Bezeichnung von Personen und Gruppen geht, mit denen man nicht einer Meinung ist, immer zur weniger pauschal ausgrenzenden Bezeichnung raten.

Das Interview führte Olga Patlan.

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