Fragwürdig und übertrieben Heftige Kritik an Schweizer Aufforstungsstudie

Aufforstungen in der Tundra, Wald im Siedlungsraum von 2,5 Milliarden Menschen, Regenwald in der Kongo-Hauptstadt Kinshasa: Eine Züricher Studie zu Wiederaufforstung und Klimawandel sorgt für heftige Kritik. Fragwürdig und übertrieben, so das Fazit Bonner Wissenschaftler.

Das Foto zeigt die Dalad Photovoltaic Power Base in der Kubuqi-Wüste in der nordchinesischen autonomen Region Innere Mongolei.
Aufforstung in der Kubuqi-Wüste im Norwesten Chinas. Bildrechte: imago/Xinhua

Kann der Klimawandel durch eine rigorose Aufforstung gestoppt werden? Eine viel beachtete Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH Zürich hatte Anfang Juli die Hoffnung genährt, dass die Erde 900 Millionen Hektar Wald mehr tragen könnte als derzeit. Dadurch, so die Schweizer Forscher, könnten 205 Gigatonnen klimaschädliches Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernt und der Klimawandel gebremst werden.

Wissenschaftler der Universität Bonn halten diese Zahlen jedoch für weit übertrieben. Ihnen zufolge basieren sie auf stark vereinfachten oder fragwürdigen Annahmen. Die Kritik betrifft vor allem die der ETH-Studie zugrundeliegende Simulation. "Das Modell ist viel zu undifferenziert", kritisiert Prof. Dr. Eike Lüdeling vom Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz der Universität Bonn.

4,4 Milliarden Hektar Wald

Waldweg im Heilwald Usedom
Laut der ETH-Studie könnten weltweit 900 Millionen Hektar Wald mehr stehen. Bildrechte: IMAGO

Die ETH-Forscher hatten in ihrem Modell untersucht, wie viel Wald es theoretisch auf der Erde geben könnte. Alle vom Menschen bewohnten oder bewirtschafteten Gebiete sollten nicht in die Berechnungen einfließen. Dazu ermittelten sie zunächst die Bewaldung von Naturschutzgebieten. Auch Standortfaktoren wie Jahresdurchschnittstemperatur, Bodenbeschaffenheit oder Niederschlagsmenge bezogen die Züricher Wissenschaftler mit ein. Mit diesen Werten fütterten sie eine lernfähige Computersoftware.

Nach einer Lernphase konnte das Programm dann auch für andere Gebiete vorhersagen, welche Waldbedeckung dort theoretisch möglich sei. Das Ergebnis: 4,4 Milliarden Hektar Wald könnte die Erde tragen. Das wären 900 Millionen Hektar oder gut 25 Prozent mehr Wald als heute auf unserem Planeten wächst.

Nur drei Bodenparameter

Die Wissenschaftler der Universität Bonn bezweifeln das. Sie kritisieren unter anderem, dass die ETH-Analyse lediglich drei Bodenparameter berücksichtigte. Dies sei zu wenig, um den bodenkundlichen Ertragspotentialen gerecht zu werden. Zudem seien die Böden in vielen waldfreien Gebieten erodiert oder andersartig degradiert, was den Erfolg von Wiederaufforstungen deutlich einschränke.

Aufforstungspotential in der Tundra

Tundra in Alaska
Im Permafrost-Boden der Tundra sind großangelegte Aufforstungen schwierig. Bildrechte: imago images/ingimage

Auch die klimatischen Faktoren wurden nach Ansicht der Bonner Wissenschaftler in der ETH-Simulation nicht ausreichend gewürdigt. So berücksichtige die Software der Züricher Wissenschaftler zwar die Jahresdurchschnitts-, nicht aber die niedrigste sowie höchste Temperatur eines Ortes. So sehe die Studie etwa ein "erhebliches Wiederaufforstungs-Potenzial" in der Tundra. Dort sei aber aufgrund des vorherrschenden Permafrost-Bodens keine "bedeutende Steigerung der Baumbedeckung möglich".

Lebensraum von 2,5 Milliarden Menschen

Blick auf Kinshasa
Auch die Kongo-Hauptstadt Kinshasa sah die ETH-Studie als potentielle Aufforstungsregion. Bildrechte: imago/Panthermedia

Auch an anderen Punkten stießen die Bonner Wissenschaftler auf Ungereimtheiten. So werteten die ETH-Forscher auch genutztes Weideland als potentielle Aufforstungsflächen. Auch kleinere Ansiedlungen und selbst Millionenstädte wie die Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, Kinshasa, wurden zur Aufforstung empfohlen. Insgesamt seien Flächen zur Wiederbewaldung vorgeschlagen worden, auf denen derzeit rund 2,5 Milliarden Menschen leben würden.

Nur zehn Prozent realistisch

Kritisch sehen die Bonner Wissenschaftler auch die ETH-Angaben zum CO2-Speicher-Potential der neu zu pflanzenden Bäume. Die Rechnungsmethode unterschlage, dass auch Weide- und Ackerflächen große Mengen CO2 enthielten. Die gut 200 Gigatonen Kohlendioxid, die nach Angaben der Züricher ETH-Forscher durch Wiederaufforstung aus der Atmosphäre entfernt werden könnten, hält der Bonner Professor Lüdeling daher für zu hoch: "20 bis 30 Gigatonnen halte ich für realistischer."

Grundsätzlich begrüße aber auch er den Ansatz, Flächen zu renaturieren, wo immer es möglich ist, so Lüdeling. Auch sei für ihn unumstritten, dass Wiederaufforstung der Atmosphäre Kohlendioxid entziehe. Zugleich betonte er aber: "Die Wiederaufforstung kauft uns Zeit, die wir bitter benötigen. Sie kann aber nur ein Baustein in einer umfassenden Handlungsstrategie zur Vermeidung des Klimawandels sein."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Doku: Stirbt unser Wald? | 22. September 2019 | 22:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2019, 13:07 Uhr

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