Studie Macht Musik Kinder klüger?

Mit Geige und Flöte zu besseren Noten - so haben Eltern lange Zeit gewettet. Vor 20 Jahren war ein Phänomen namens "Mozart-Effekt" bekannt geworden, demzufolge Musik die allgemeine Intelligenz steigern soll. Jetzt zeigt eine Studie, dass diese Rechnung offenbar doch nicht aufgeht, zumindest nicht direkt. Trotzdem kann das Musizieren und die Beschäftigung mit Musik ein Entwicklungsmotor sein.

Mädchen sitzt auf dem Boden und spielt Geige. 3 min
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Mit Geige und Flöte zu besseren Noten - so haben Eltern lange Zeit gewettet. Jetzt zeigt eine Studie, dass diese Rechnung offenbar doch nicht aufgeht, zumindest nicht direkt.

MDR AKTUELL Mi 29.07.2020 14:41Uhr 02:47 min

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1993 berichtete die US-Psychologin Frances H. Rauscher von der University of California in Irvine, einige ihrer Studenten lösten räumliche Aufgaben besser, wenn sie vorher zehn Minuten einer Mozart-Klaviersonate gelauscht hätten. Seitdem ist das Phänomen als "Mozart-Effekt" bekannt. Musik fördere das Gedächtnis, verbessere die Sprachfähigkeit, steigere die allgemeine Intelligenz. So lautete vor mehr als zwanzig Jahren das einhellige Urteil. Heute stellen Fehler in der Methodik der damaligen Untersuchung den IQ-steigernden-Effekt jedoch in Frage. Und es besteht ein erheblicher Unterschied darin, ob Musik nur gehört oder selbst musiziert wird.

Forscher aus Japan und Großbritannien haben 54 internationale Studien überprüft, die zum Zusammenhang von Musizieren und Intelligenz zwischen 1986 und 2019 an insgesamt 7.000 Kindern durchgeführt wurden. Sie kommen zu dem Schluss: 

Die verbreitete Vorstellung, dass Musik Kinder intelligenter macht, ist falsch.

Metastudie

Die Autoren führen das auf eine mögliche Fehlinterpretation früherer empirischer Daten zurück und gehen sogar noch einen Schritt weiter: Sie stellen den Nutzen der musikalischen Ausbildung von Kindern im Hinblick auf ihre kognitiven Leistungen und ihr Lern- und Reaktionsvermögen zunächst generell in Frage. Lesen, Schreiben und Rechnen sei für Kinder mit Musikunterricht genauso schwer, wie für Kinder, die nicht musizieren. Dieses Fazit ist Dr. Stephan Koelsch vom Max-Planck-Institut für Kognistions- und Neurowissenschaften in Leipzig zu einseitig.

Musikerziehung kann doch deutliche Effekte zeigen.

Dr. Stefan Koelsch, MPI CBS

Das hatten die Studien belegt, bei denen Kinder, die musizierten, verglichen wurden mit Kinder, die gar keinem Hobby wie Tanzen oder Sport nachgingen. Koelsch bestätigt jedoch auch, dass Musikunterricht die Noten in Mathe und Deutsch nicht nach oben schnellen lässt. Die beste Förderung fürs Rechnen und Lesen sei eben Mathematik- und Deutschunterricht.

Musizieren zeigt vielseitige Effekte

Das tolle an der Musik sei aber, dass sie viele Fähigkeiten aus den Kindern heraus kitzelt, sieht Stefan Kölsch bei seinen Untersuchungen. Zum Beispiel wirkt sie sich positiv auf das Sprachvermögen von Kindern aus.

Warum das so ist, hat Koelsch gemeinsam mit seinem Kollegen Sebastian Jentschke herausgefunden: Instrumentenklänge und menschliche Sprache sind sich sehr ähnlich. So reagiert unser Gehirn auf Sprache und auf Tonfolgen mit fast identischen Aktivitätsmustern. Das menschliche Gehirn, so vermuten die Wissenschaftler, scheint keinen wesentlichen Unterschied zwischen musikalischer und sprachlicher Information zu machen. So kann aktives Musizieren einen Entwicklungsimpuls bieten. Allerdings sind die Effekte gering und lassen sich beispielsweise auch durch ein Lesetraining erreichen. Doch in Musik steckt noch mehr, ist Koelsch überzeugt:

Mann mit Anzug und weißen Haaren steht im Gewandhaus Leipzig, im Hintergrund die Orgel, spielt Geige
Prof. Dr. Stefan Koelsch Bildrechte: Gert Mothes

Musik fördert Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Intelligentes Denken, sensomotorische Funktionen, Emotion und auch soziale  Funktionen.

Dr. Stefan Koelsch

Dem widerspricht auch die neue Meta-Studie nicht eindeutig. Sie räumt am Ende doch ein, Musikunterricht könne für Kinder von Vorteil sein, um ihre sozialen Fähigkeiten und ihr Selbstwertgefühl zu verbessern. Und bestimmte Elemente des Musikunterrichts, wie z.B. die arithmetische Musiknotation, könnten genutzt werden, um das Lernen in anderen Disziplinen zu erleichtern. Macht Musik also doch schlau? Zumindest regt die These zu einer fachlichen Debatte an, die wohl noch andauern dürfte. Die Autoren der Metastudie kommen auch nach der Auswertung von 54 Studien mit 7.000 beteiligten Kinder zu keiner endgültigen Schlussfolgerung und begründen es damit, dass es noch zu wenige Studien dazu gäbe.

af/krm

Link zur Studie

Die Untersuchung ist unter dem Titel "Cognitive and academic benefits of music training with children: A multilevel meta-analysis" im Fachmagazin "Memory & Cognition" erschienen. Hier können Sie sie nachlesen.

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