Matheaufgaben
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Hirnforschung Mies in Mathe? Am Geschlecht liegt´s nicht!

In der Pisa-Studie 2016 schnitten Mädchen in Deutschland deutlich schlechter in Mathematik ab als ihre männlichen Altersgenossen. Dass der Erfolg allein im Geschlecht begründet ist, nannten die Autoren schon damals einen Bildungsmythos. Sie sahen die Ursachen eher im sozialen Umfeld, in dem die Kinder aufwuchsen, und dem Rollenklischee, dem sie von klein auf ausgesetzt sind. Eine aktuelle Untersuchung zeigt nun, dass Jungen und Mädchen hirnphysiologisch gleiche Voraussetzungen für Mathe haben.

von Kathleen Raschke-Maas

Matheaufgaben
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Die Psychologin Jessica Cantlon untersuchte dazu gemeinsam mit ihrem Team von der Carnegie Mellon University 104 Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren - 55 Mädchen und 59 Jungen. Während sich die kleinen Probanden ein Lehrvideo über einfache mathematische Aufgaben wie das Zählen und Addieren ansahen, wurde ihre Hirnaktivität mit einem Magnetresonanztomographen (MRT) aufgezeichnet. Anschließend verglichen die Forscher die so entstandenen Bilder (Scans) und stellten keine Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen fest. Sie waren beim Betrachten der Videos in gleicher Weise aktiv gewesen.

Wir konnten sehen, dass das Gehirn der Kinder ungeachtet ihres Geschlechts ähnlich funktioniert. Wir hoffen, dass sich damit die Erwartungen, was jedes einzelne in Mathematik erreichen kann, durch diese Erkenntnis verändern.

Jessica Cantlon, Psychologin

Mädchen und Jungen nutzen Matheareal im Gehirn auf gleiche Weise

Die Wissenschaftler überprüften auch den Stand der Gehirnreife bei Jungen und Mädchen, indem sie die Scans der Kinder mit denen einer Gruppe Erwachsener verglichen, die dieselben Mathematikvideos angeschaut hatte. Auch hier zeigten sich keine Unterschiede.

Jungen und Mädchen nutzen nicht nur das Mathe-Areal auf die gleiche Weise, sondern es sind Ähnlichkeiten im gesamten Gehirn erkennbar. Das sollte uns daran erinnern, dass wir Menschen mehr Gemeinsamkeiten haben als Unterschiede.

Alyssa Kersey, Erstautorin

Mädchen wird im Matheunterricht zu wenig zugetraut

Über ihre eigenen Untersuchungen hinaus verglichen die Forscher auch die Ergebnisse des Tests of Early Mathematics Ability, eines standardisierten Tests für 3- bis 8-jährige Kinder. Bei einer Stichprobe von 50 Mädchen und 47 Jungen stellten sich auch hier gleichwertige mathematische Fähigkeiten und Reife des Gehirns aller Kinder heraus.

Forscherin Jessica Cantlon mit einem Mädchen bei einer Testaufgabe für mathematische Fähigkeiten.
Forscherin Jessica Cantlon mit einem Mädchen bei einer Testaufgabe für mathematische Fähigkeiten. Bildrechte: Carnegie Mellon University

Jessica Cantlon führt die unterschiedlichen Mathematikleistungen von Jungen und Mädchen im Schulalltag darauf zurück, dass Mädchen und Frauen in diesem Bereich und auch in den Naturwissenschaften zu wenig zugetraut wird. Frühere Studien hatten gezeigt, dass Familien mehr Zeit mit Jungen im Spiel verbringen, bei dem räumliche Wahrnehmung eine Rolle spielt. Viele Lehrer investieren während des Matheunterrichts auch mehr Zeit mit Jungen in dem Glauben, bei ihnen auf "fruchtbareren Boden" zu treffen. Auch die Erwartungen der Eltern an ihre Kinder hinsichtlich der Mathe-Leistungen spielen eine Rolle.

Unsere Vorurteile können winzige Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen verschärfen. Wir müssen sicherstellen, dass wir nicht selbst die Ursache für die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten sind.

Jessica Cantlon

Getestet wurde mit einer begrenzten Zahl an Matheaufgaben

Junge grübelt über einer Matheaufgabe
Ein Junge grübelt über einer Matheaufgabe (Symbolfoto). Bildrechte: imago images / PhotoAlto

Die Studie, deren Ergebnisse am 8. November 2019 online im Fachmagazin "Science of Learning" erschienen, konzentriert sich auf die frühkindliche Entwicklung mit einer begrenzten Anzahl an mathematischen Aufgaben. Das Forscherteam plant, die Untersuchungen im Rahmen einer Langzeitstudie mit einem breiteren Spektrum an mathematischen Fähigkeiten wie räumlicher Verarbeitung und Gedächtnis fortzusetzen.

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2019, 16:42 Uhr

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