Von wegen, Glückshormon Oxytocin: Kann glücklich machen - aber auch aggressiv

Es ist der Stoff, der uns verträglich und anhänglich macht: Oxytocin – auch bekannt als "Kuschelhormon". Studien stärken einen unschönen Verdacht: Das Hormon macht uns nicht nur friedlich, sondern unter Umständen aggressiv.

Eine Mutter kuschelt mit ihrer kleinen Tochter.
So kennen wir das Oxytocin: als Kuschelhormon. Bildrechte: Colourbox.de

Vor, während und nach der Geburt durchströmt das Hormon Oxytocin Mutter und Kind. Es erleichtert die Geburt. Es beeinflusst den Milchfluss. Es stärkt die Mutter-Kind-Bindung. Doch auch für Erwachsene spielt es eine wichtige Rolle, erklärt Professor Inga Neumann, Neurobiologin an der Universität Regensburg. Sie sagt, Oxytocin im Gehirn wirkt pro-sozial, fördert Sozialverhalten und es ist wichtig für die Paarbindung.

Untersuchung im natürlicheren Umfeld

Das ist bei Mäusen nicht anders. Die putzen sich und kuscheln mit erhöhtem Oxytocin-Wert häufiger. Doch das wurde bislang nur an Labormäusen in Boxen mit vielleicht einem weiteren Artgenossen getestet. Wie aber beeinflusst Oxytocin die Tiere in einem natürlicheren Umfeld? Das wurde erstmals in einer Studie des Weizmann-Instituts in Zusammenarbeit mit anderen großen Forschungseinrichtungen untersucht. Auch Inga Neumann war an der Untersuchung beteiligt. Sie beschreibt das neue Gehege der Mäuse:

Die haben die Möglichkeit zum Klettern, zum Verstecken. Es gibt erhöhte Plattformen, verschiedene Futterstellen. Das ist eine angereicherte Umgebung.

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Oxytocin ist doch nicht nur das Kuschelhormon. Es hat auch eine dunkle Seite - zumindest bie Mäusen. Bildrechte: Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Und das bedeutet auch: Mehr Mäuse in einem Gehege für ein natürlicheres Zusammenleben. In diesem Fall waren es ausschließlich männliche Mäuse, in freier Wildbahn die klassischen Konkurrenten um Weibchen und Nahrung. Doch wie konnte sichergestellt werden, dass alle wuselnden Mäuse regelmäßig Oxytocin erhalten ohne sie ständig aus dem Gehege zu reißen oder zu verkabeln? Mit einer "Fernbedienung", mit der Optogenetik:

Hier macht man es sich zunutze, dass bestimmte Eiweißstoffe in der Nervenzellenmembran eingebaut werden und diese Eiweißmoleküle lichtempfindlich sind. Dann kann man diese Nervenzellen gezielt und hochspezifisch mit Licht stimulieren.

Oxytocin verstärkt Verhalten in verschiedene Richtungen

Dieses Verfahren wurde ausschließlich an den Nervenzellen der Mäuse angewandt, die Oxytocin produzieren. Ob diese Zellen nun Oxytocin abgeben oder nicht, konnten die Wissenschaftler mit Licht "fernsteuern". So "gesteuert", lebten die Mäuse in ihrem Gehege einige Zeit zusammen. Zum Teil zeigten die eigentlich konkurrierenden Männchen auch das oxytocin-typische Verhalten: freundliches Annähern, Beschnüffeln, Fellpflege. Doch immer häufiger kam es auch zu aggressiven Verhalten – trotz Oxytocin. Oder wegen? Inga Neumann hat eine Theorie:

Ich denke, das hat zutiefst damit zu tun, dass Oxytocin immer wichtig ist, für den Schutz und das Weiterbringen der eigenen Gene. Also auch hier ein ganz kontextabhängiger Aspekt.

Oxytocin scheint also unser Sozialverhalten gegenüber einzelnen Individuen zu verstärken. Im Positiven, wie im Negativen. Es stärkt die Bindung an die eigene Gruppe, die Familie oder ein anderes enges soziales Umfeld. Aber es verstärkt auch die Ablehnung gegenüber den Anderen, den Fremden. Bis hin zur Aggression. Und mit diesem Potential für Streitereien dürfte Oxytocin, den Ruf als "Kuschelhormon" verloren haben.

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