Medizin und Forschung Dresdner Ärztin zur Studie zum plötzlichen Kindstod: Große Chance, aber es dauert noch

Der plötzliche Kindstod ist für viele (werdende) Eltern eine Horrorvorstellung. Jetzt hat eine Studie aus Australien erstmals eine mögliche Ursache gefunden. Ein geringer dosiertes Enzym könnte schuld sein, dass die Kinder bei Atemaussetzern nicht aufwachen und schreien. Wie viel Hoffnung dürfen Mütter und Väter in die neue Entdeckung legen? Wir sprachen mit Dr. Anna Treptow, Leiterin der Neonatologie am Diakonissenkrankenhaus.

Dr. Anna Treptow, Diakonissenkrankenhaus Dresden
Dr. Anna Treptow ist Oberärztin und leitet die Neonatologie auf der Geburtsstation am Diakonissenkrankenhaus Dresden: "Bei Atemnot - rufen Sie den Notarzt, nehmen das Kind hoch und pusten Sie ins Gesicht." Bildrechte: Dr. Anna Treptow

Frau Dr. Treptow, was macht den plötzlichen Kindstod so erschreckend?

Die Unwissenheit. Bis jetzt hat man noch nicht herausgefunden, was genau zum Tod der Kinder führt. Man weiß nicht, warum das eine Kind nun stirbt und das andere nicht.

Doch jetzt gibt es die neue Studie, die eine mögliche Ursache gefunden hat.

Ja. Sie greift eine der Theorien auf, die es schon über Jahre gibt. Demnach liegt eine mögliche Ursache im Weckmechanismus des Gehirns. Grundsätzlich geht man davon aus, dass viele Punkte zusammenkommen müssen, damit ein Säugling plötzlich stirbt. Dazu gehören erstens die äußeren Einflussfaktoren. Also das, was wir den Eltern immer wieder erzählen: Legt Eure Kinder auf den Rücken, lasst sie im Schlafsack schlafen. Allein mit diesen Maßnahmen konnten die Zahlen schon gravierend gesenkt werden.

Was sind die anderen Risikofaktoren?

Zweiter Risikofaktor sind die mitgebrachten Anlagen, über die man so wenig weiß. Was ist beim Kind vielleicht nicht richtig angelegt? Gibt es angeborene Faktoren, wie beispielsweise fehlende Enzyme, wie sie in der Studie genannt werden. Dritter Risikofaktor bezieht sich auf eine mögliche sensible Phase des Kindes, in der das Kind anfällig ist. Kommen alle drei Faktoren zusammen, kann es zu dem plötzlichen Säuglingstod kommen.

Dr. Anna Treptow, Diakonissenkrankenhaus Dresden
Dr. Anna Treptow ist Oberärztin und leitet die Neonatologie auf der Geburtsstation am Diakonissenkrankenhaus in Dresden. Dieses kooperiert mit dem Städtischen Klinikum der Landeshauptstadt. Bildrechte: Dr. Anna Treptow

Was sagt die Studie jetzt dazu?

Die australische Biochemikerin Carmel Therese Harrington hat sich eine Säule dieser Risiken herausgepickt und mit ihrem Team in Sydney an die Theorie mit dem Weckmechanismus angeknüpft. Dabei fand sie heraus, dass bei Babys, die einem plötzlichen Tod erlagen, weniger Enzyme vorhanden waren. In diesem Fall das Enzym Butyrylcholinesterase (BChE). Dieses Enzym ist wichtig für die Kommunikation im Gehirn und beeinflusst möglicherweise den Erregungsweg zwischen Atmung und Schlaf. Ein Kind, das auf dem Bauch liegt und normalerweise aufwachen und schreien würde, weil es Atemnot hat, könnte mit weniger dieser Enzyme also schwieriger wach werden und wieder zu atmen beginnen.

Es fehlt also das Enzym, das Babys aufwachen und schreien lässt. Wieso hören Babys überhaupt zwischendurch auf zu atmen?

Die Neugeborenen haben eine sogenannte periodische Atmung. Ganz automatisch atmen sie phasenweise ganz flach und dann auf einmal wieder ganz schnell. Damit kompensieren sie die Phasen, in denen das Atemzentrum herunterreguliert war und nur flache Atemzüge produziert hat. Das liegt daran, dass das Atemzentrum manchmal noch ein wenig unreif ist. Diese Wechsel zwischen langsamem und schnellem Atmen sind ganz normal. Sie können bei Neugeborenen und auch Erwachsenen auftreten und bei Letzteren sogar krankhaft werden.

Dr. Anna Treptow, Diakonissenkrankenhaus Dresden
Dr. Anna Treptow ist Spezialistin für Neugeborene: "Babys atmen flach und dann wieder ganz schnell". Bildrechte: Dr. Anna Treptow

Die Atempausen sind bei Neugeborenen noch nicht richtig erforscht. Man weiß jedoch, dass das Atemzentrum in verschiedenen Phasen mehr und weniger arbeitet. Wenn dann verschiedene Faktoren dazukommen, kann es zu längeren Atemaussetzern kommen, die dann zu Problemen führen – und eben im schlimmsten Fall, wenn das Kind nicht wieder atmet zum plötzlichen Säuglingstod führen.

Welche Rolle spielt der plötzliche Kindstod heute?

Glücklicherweise ist der plötzliche Tod von Babys mittlerweile zum Einzelfall geworden. Es gibt zwar immer mal wieder Kinder, die beinah dem plötzlichen Säuglingstod erliegen – das nennt man Fast-Säuglingstod. Diese Kinder werden jedoch überwacht und bekommen ein Überwachungsgerät mit nach Hause. Dass es wirklich zum Tod kommt, ist zum Glück wirklich so viel seltener geworden und kaum Thema im klinischen Alltag. Natürlich landen nicht alle Kinder in der Klinik, manchmal ist es tatsächlich auch schon zu spät. Doch es handelt sich nur noch um eine verschwindend geringe Anzahl von Fällen.

Betrifft dieser Fast-Säuglingstod Kinder, die bei Ihnen auf der Station liegen und Sie es deswegen rechtzeitig merken?

Genau. Ich betreue ja hier im Diakonissenkrankenhaus nur Neugeborene. Tatsächlich kommt es immer wieder mal vor, dass man im Kreißsaal – das Kind ist gerade geboren, die Mamas sind alle ganz glücklich und erschöpft und die Hebamme verlässt kurz den Raum – nach 15 Minuten dazukommt und das Kind nicht mehr atmet. Es gibt also auch im Kreißsaal eine Art plötzlichen Säuglingstod. Doch natürlich sind wir hier so nah dran, dass man zum Glück die Kinder meistens rechtzeitig auffindet, sie beatmet und sie sich wieder erholen. Häufiger ist man jedoch mit seinem Kind schon zu Hause. Wenn Eltern ihr Kind entdecken, das gerade ganz blau ist und komisch atmet, rufen sie den Notarzt und das Kind kann gerettet werden – das kommt schon immer mal wieder vor.

Was können Eltern tun, wenn ihr Baby plötzlich nicht mehr atmet?

Als erstes sollten die Eltern das Kind hochnehmen und stimulieren. Manche Kinder haben sich manchmal einfach nur an Spucke verhaspelt oder leicht erbrochen. Zum Stimulieren kann man ganz doll ins Gesicht pusten, das setzt so einen starken Reiz bei den Kindern, dass sie oft automatisch wieder Luft holen. Wenn das nichts bringt, die Kinder vielleicht schon schlaff und blau, sollte der Notarzt gerufen werden.  Dann beginnt man das Kind zu beatmen. Man umschließt dabei mit dem eigenen Mund den Mund und die Nase des Kindes lässt beim Ausatmen die Luft in das Kind fließen. Wenn das Kind nach fünf Atemspenden noch immer nicht atmet, muss man mit der Herzdruckmassage beginnen, bis der Notarzt kommt.

Ist mit der Entdeckung jetzt das Rätsel um den plötzlichen Kindstod gelöst?

Die Enzyme können eine Rolle spielen. Die Forscher selbst sind jedoch auch zurückhaltend. Sie meinen, sie hätten zwar herausgefunden, dass das Enzym weniger da ist. Doch was es genau macht und warum es zum Tod des Kindes führt, wissen sie noch nicht. Das wollen sie weiter herausfinden. Fakt ist: Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass das Enzym ein Biomarker ist – das heißt einfach gemessen werden kann – wäre das eine riesige Chance.

Wie lange könnte eine solche Entwicklung von Biomarkern dauern?

Ich denke viele Jahre. In Deutschland gibt es ja eine ganz klare Regel, was in das Stoffwechsel-Screening mit eingeführt werden darf. Hier dürfen nur Probleme aufgenommen werden, gegen die man wirklich etwas tun kann, wie es zum Beispiel bei Zuckererkrankungen der Fall ist. Wenn wir zwar den Biomarker haben, aber keine Idee, wie wir das verhindern können, wird der Marker nicht in das Screening aufgenommen werden.

Vorher muss definitiv bewiesen und mit vielen Zahlen hinterlegt sein, dass das fehlende Enzym wirklich direkt zum Kindstod führt. Dazu braucht es noch viele weitere Studien. Außerdem muss überlegt werden, wie die Analyse praktisch umsetzbar wäre, also zum Beispiel von den Stoffwechsellaboren einfach nachgewiesen werden könnte. Vermutlich wird noch einige Zeit vergehen, bis wir den plötzlichen Säuglingstod bis ins letzte Detail aufgeklärt haben.

Links/Studien

MDR/kt

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