Sportunterricht Trainieren Mannschafts-Ballspiele für Mobbing?

Starker Tobak: Lernen Kinder durch Zwei-Felder-Ball andere zu mobben? Eine Studie sagt genau das. Eine Sportwissenschaftlerin erklärt, wozu Ballspiele im Schulsport gut sind, wenn sie kompetent angeleitet werden.

Kinder schauen beim Voelkerballspiel in einer Turnhalle zu
Bildrechte: imago/Frank Sorge

In Büros, in Cafés und im Internet kochen derzeit die Emotionen hoch. Der Grund dafür ist eine neue Studie über Ballspiele im Sportunterricht - etwas, an das vermutlich jeder eine andere Erinnerung hat. Demütigend, sagen die einen, allein schon, weil man immer der/die letzte war, die für Mannschaftsspiele ausgewählt wurde. Herrlich, sagen die einstigen Sportskanonen. So leicht wie im Sport gab es sonst nirgends gute Noten und Anerkennung in der Klasse.

Im allgemeinen geht es in der Studie um die Vorherrschaft von Ballsportarten in der Schule, konkret festgemacht am Beispiel von Zwei-Felder-Ball. Forscherin Joy Butler von der Universität British Columbia sagt: Durch dieses Spiel werden Verhaltensweisen tradiert und eingeübt, die sich in anderen Feldern fortsetzen. Generell sei zu hinterfragen, ob statt Mannschaftsballspielen der Sportunterricht auch andere gesundheitliche Aspekte fordern müsse.

Zwei-Felder-Ball - Nutzen oder Schaden?

Wie ist das denn nun bei Zwei-Felder-Ball - hat das Spiel Mobbingpotential oder nicht? Die Reaktionen in Internetforen reichen von "Ich habe dieses Spiel gehasst" bis zu: "Ich habe es gern gespielt". Dabei geht es dem kanadischen Forscherteam gar nicht um das Spiel Zwei-Felder-Ball wie wir es kennen, sondern um das bei uns noch nicht so stark verbreitete Dodgeball. Sportpädagogin Almut Kratz von der Uni Leipzig vergleicht die beiden Ballspiele:

Die Studie bezieht sich auf Dodge-Ball. Das ist grundsätzlich anders als Zwei-Felder-Ball. Bei Dodge-Ball wird mit harten Bällen gespielt, mit klassischen Regeln, wie ein Wettkampfsport. Beim Felderballspiel gibt es verschiedene Varianten und es kommt darauf an, wie es gespielt wird.

Almut Kratz, Sportpädagogin

Zum Beispiel werden statt Spielern Gegenstände mit dem Ball "abgeschossen", ein harter Ball wird gegen einen weichen Ball, durch einen Fahrradreifen oder eine Frisbee-Scheibe ersetzt. Dadurch sei das Spiel kaum "gleichzusetzen mit legalisiertem Mobbing", wie es die Autorinnen der Studie über Dodge-Ball schreiben. Befragte gaben an, aus Angst vor dem Ball in eine Ecke der Turnhalle geflüchtet zu sein. Solche Schilderungen wecken auch hier bei vielen Erinnerungen, weiß Sportpädagogin Almut Kratz.

Ballsportarten - braucht es die im Sportunterricht?

Sie sagt aber auch, dass angehende Lehrkräfte zumindest in der Ausbildung lernten, Kinder behutsam an Ballsportarten heranzuführen. Sie abzuschaffen wäre ein herber Verlust für den Unterricht. Lehrer nutzen sie um einfache Regeln einzuführen, die notwendig sind für den Sportunterricht und andere Sportspiele. Und noch etwas anderes bringen die Spiele mit sich: Sie fördern wichtige Entwicklungsabschnitte für Kinder und Jugendliche.

Koordinative Fähigkeiten, die für die motorische Entwicklung wichtig sind, das schnelle Umschalten, die Augen-Hand-Koordination, die Reaktionsfähigkeit. Ganz allgemein die motorischen Fertigkeiten wie Laufen, Springen laufen.

Almut Kratz

Also die Grundlagen des Sportunterrichts plus viele kognitive Komponenten, führt die Sportwissenschaftlerin aus, denn die fördern einiges.

Strategisches Denken, Taktiken ausprobieren und natürlich immer wieder zu reflektieren, was hat jetzt gut funktioniert bei dem Spiel und was nicht. Genau dieses Potential bietet enorme Transfermöglichkeit, wenn es um Regeln, Fair-Play, demokratische Entscheidungsprozesse in anderen Kontexten geht.

Almut Kratz, Sportpädagogin

Darum sei das Spiel notwendig für den Sportunterricht, wenn es richtig angeleitet und richtig gespielt werde.      

Dodge-Ball-Message: Drangsalieren ist ok?

Die Studie sieht das etwas anders. Beim Dodge-Ball, heißt es in der Studie, werde Kindern beigebracht, dass es in Ordnung sei, andere Menschen zu drangsalieren. Auch das sieht Almut Kratz für Zwei-Felder-Ball nicht gegeben: Im Sportunterricht solle gelernt werden, Aggressionen unter Kontrolle zu halten. Außerdem lernen auch die Lehrer viel über ihre Schützlinge: Wer besitzt Führungskompetenz, wer stärkt eher die Mannschaft?

Wer glaubt, sein Kind werde im Sportunterricht schlecht behandelt, kann übrigens selbst eingreifen, denn der Schulsport sei nicht nicht der verlängerte Arm des Leistungssports. Seine Funktion beschreibt die Wissenschaftlerin eher so:

Er hat die Aufgabe, im Anfangsunterricht die Kinder auf die Regeln und Inhalte in verschiedenen Sportspielen vorzubereiten. Das ist nicht Aufgabe der Eltern.

Almut Kratz, Sportpädagogin

Das heißt jetzt aber nicht, dass Eltern nicht auch mit den Kindern Werfen und Fangen üben könnten. Wichtig ist die Motivation der Eltern, sie sollen nicht konkret für bestimmte Sportarten üben, das sei nicht Elternsache, sagt Kratz, sondern etwas ganz anderes.

Motivation zur Bewegung und Freude daran zu geben, das können auf jeden Fall alle Elternteile machen.      

Almut Kratz, Sportpädagogin

Begleitet von pädagogischem Fachpersonal kann jede Mannschaftssportart Spaß machen – sei es Dodge-Ball, Zwei-Felder-Ball oder welches Spiel auch immer: Am Ende lernen die Gewinner Fairplay und Außenseiter dürfen die Erfahrung machen, dazu zugehören. Verbote dagegen bringen wenig. Mobbing lässt sich auch mit Verboten von Spielen kaum verhindern, es verlagert sich einfach auf andere (Spiel-)Felder.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL - Radio | 27. Juni 2019 | 07:50 Uhr

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