Pro und Contra: Was passiert, wenn alle aufs Rad umsteigen?

Im Sommer ist es einfach. Da steigen viele für ihr Alltagswege aufs Fahrrad um. Aber was wäre, wenn es nicht viele, sondern alle tun würden? Welche Auswirkungen hätte das eigentlich für uns und unsere Umgebung, wenn tatsächlich alle auf Dauer ihre Autos stehen lassen würden?

Man kann es knapp zusammenfassen: Es wäre gut für Gesundheit, Psyche, Geräuschpegel, Luft und Portemonnaie. Und schlecht für etliche Bereiche der Wirtschaft.

Pro:

Regelmäßiges Radeln trainiert den Herzmuskel und senkt das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen um 50 Prozent. Für die seelische Gesundheit brächte der schwächere Geräuschpegel um uns herum Entspannung - Lärm ist nämlich ein gewaltiger Stressfaktor.

Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge ist schon ein mittlerer Schallpegel von mehr als 65 Dezibel ungesund, wenn man ihm länger ausgesetzt ist. Beispiel: Eine elektrische Motorsäge liegt bei 85, ein durchschnittlicher Pkw bei 75 DB. Das Fahrrad dagegen rollt bestenfalls mäuschenstill durch die Straßen, eine schlecht geölte Kette kann ein paar Dezibel Lautstärke verursachen. Nur die Klingel fällt mit 85 Dezibel auf, aber die soll man ja auch hören.

Eine fünfköpfige Familie macht einen Fahrradausflug
Geräusche - verursachen hier wohl nur die Radler selbst Bildrechte: Colourbox.de

Über die Bewegung beim Radfahren baut der Mensch das Stresshormon Cortinson ab - das hätte erholsameren Schlaf und ausgeglichene Blutdruckwerte zur Folge. Entfiele der komplette Schadstoff-Ausstoß durch Pkw, würde sich das auch auf die Luft auswirken, Zahl und Folgen von Atemwegserkrankungen würden sich verringern. Und erst die ganzen Staus auf den Autobahnen zu Ferienbeginn... Die Liste lässt sich wohl unendlich fortsetzen.

Welche Branche würde gewinnen?

Fahrradhersteller, Rad-Vermietung, Rad-Werkstätten. Erste Anfänge des Rad-Booms erleben wir schon seit längerem - mit der Spezialisierung und Individualisierung des Fahrrads für jedes Lebensalter, verschiedene Nutzung: BMX-Räder, Kinderfahrräder, Mountainbikes, Treckingräder, Klappräder, Rennräder, Citybikes, und dazu diverse Typen von Lastenrädern. In Haushalten mit Radfahrern tummeln sich in Garagen und Kellern und Abstellräumen oft mehr Räder als Fahrer - zum klappbaren Citybike gesellt sich das Rennrad für die Freizeit und eins für die Ferien-Radtour, der Nachwuchs braucht ein Rad für den Schulweg und eins für die BMX-Piste...

Die Spezialisierung auf Lebens- und Nutzungsbereiche beschert der Radbranche zusätzliche Möglichkeiten:

Da gibt es reine Sporträder für die Offradtour durchs Glände - will man doch mit ihnen regulär auf der Straße fahren, müssen Licht, Klingel oder Gepäckträger extra gekauft werden. Scheinbar praktische Gadgets wie Schnellspanner für den Sattel, der wird dadurch so leicht auswechselbar - aber genauso leicht auch zu klauen. Es gibt Sättel für jeden Fahrradtyp und Po, anschraub- oder anklippbares Equipment wie Luftpumpen mit Luftdruckanzeige, verschiedenste Ventil-Arten, Radmäntel für jeden Belag, Schläuche etc. Zu der wohl am schnellsten wachsenden Branche im Bereich Fahrrad gehören die motorisierten E-Bikes.

In Deutschland hat der Umsatz durch Fahrradverkäufe seit 2009 mit 1,8 Milliarden Euro stetig zugelegt, 2018 lag er bei 3,16 Milliarden Euro. Seit 2016 steigt auch die Anzahl der Beschäftigten in der Fahrradindustrie - von 4.000 Menschen im Jahr 2015 auf knapp 13.000 im Jahr 2018.

Anzahl der Beschäftigten in der Fahrradbranche in Deutschland von 2000 bis 2018
Bildrechte: MDR / Statista 2019

Auch beim Zubehör wachsen seit 2010 die Ausgaben stetig - von 183 Millionen Euro auf gut 300 Millionen Euro im Jahr 2018.

Welche Branchen würden verlieren?

Der Umstieg hätte etliche wirtschaftliche Verlierer: Auto- und Zubehörhersteller, und -werkstätten, Gesundheits- und Pharma-Industrie, Versicherungen, Fahrschulen, Prüfgesellschaften.

Contra:

Für viele Branchen in der Wirtschaft ist der Umstieg aufs Fahrrad nicht wirklich wünschenswert. In der deutschen Automobilindustrie arbeiten über 800.000 Beschäftigte. Der Umsatz beträgt 426 Milliarden Euro (Stand 2017). Selbst der günstigste Neuwagen kostet rund 7.000 Euro. Und wer ein Problem hat, findet Hilfe in einer der 36.750 Kfz-Werkstätten.

Fahrräder gibt es je nach Modell schon ab 100 Euro. Die Räder brauchen keinen TÜV, Fahrer absolvieren weder Fahrstunden noch -prüfungen, geschweige denn Nachschulungen. Rad-Reparaturen kosten selten mehrere hundert Euro, Ersatzteile auch nicht. Städte würden mit Fahrrädern weniger Parkgebühren erwirtschaften als mit Autos, genauso wenig wie mit Knöllchen fürs Falschparken. Radler zahlen keine Versicherungen für ihr Fahrrad und keine regelmäßig zu entrichtende spezielle Steuer, weder fürs Fahrzeug an sich, noch für den Treibstoff - höchstens gegen Diebstahl.

drei Radler radeln auf Zuschauer zu 4 min
Bildrechte: Jürgen Magister

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