Produkte verschiedener Muttermilchersatzhersteller in einem Regal. Vignette, entsättigte Farben und radial fokussierende Bewegungsunschärfe vermitteln einen ernsten Eindruck.
Große Auswahl, hohe Preise, fatale Werbung: Milchersatzprodukte für Säuglinge. Bildrechte: imago/Norbert Schmidt (M)

Ernährung Babys stillen oder nicht? Wie die globale Muttermilch-Industrie lügt und manipuliert

09. Februar 2023, 12:32 Uhr

Muttermilchersatz zum Anrühren ist ein einträgliches Geschäft. So einträglich, das internationale Konzerne Müttern und Eltern einreden, ihr Produkt sei besser als Stillen, feministisch, gesund und mache das Kind überaus schlau. Im Hintergrund betreiben sie schweren Lobbyismus. Eine Gruppe internationaler Forschender legt die Missstände jetzt dar.

Kurze Stichprobe im Drogeriemarkt nebenan: Das Ersatzprodukt für Muttermilch ist keine billige Angelegenheit, auch dann nicht, wenn Mütter und Väter sich für die verhältnismäßig unspektakuläre Eigenmarke entscheiden. Wenn's sogar das Markenprodukt eines weltumspannenden Lebensmittelkonzerns sein soll, ist das Kindergeld schnell ausgegeben. Statt mit sechs Euro das Kilo schlägt das am Etikett durch "Jahrhundertforschung" besiegelte Produkt mit dem Doppelten zu Buche. Die absolute Premiumvariante das Dreifache: Ein Kilo Folgemilchpulver zu 36 Euro. Dafür schimmert die Verpackung gülden.

Der Goldlack auf der Gütesiegel-gesäumten Pulverdose scheint auch in anderen Nationen die Farbe der Wahl bei Milchersatzverpackungen zu sein. Auch mal ergänzt durch ein Knuddelbärchen mit Doktorhut. Ersatzmilch macht schlau, möchte die Industrie den stolzen Eltern suggerieren. Was Forschende aus Australien, Europa, Südafrika und den Vereinigten Staaten dazu zu sagen haben? Emotional-manipulativ, ausbeuterisch, mangelhaft wissenschaftlich, lobbyistisch. Ihr Papier, das jetzt im Fachblatt "The Lancet" erschienen ist, klagt nicht nur an, sondern schlägt Alarm.

Multi-Milliarden-Industrie um die Sorge der Eltern

Der Reihe nach: Weltweit werden weniger als die Hälfte der Säuglinge so gestillt, wie es die WHO empfiehlt. Der Verkauf von Ersatz-Muttermilch steigt indes. Die Gründe, warum Mütter nicht stillen können oder stillen möchten, sind verschieden, der Industrie spielen sie aber in die Karten: "Der Verkauf von kommerzieller Milchnahrung ist eine Multi-Milliarden-Dollar-Industrie, die neben politischer Lobbyarbeit ein ausgeklügeltes und hocheffektives Marketing-Drehbuch einsetzt, um die Sorge von Eltern in eine Geschäftsmöglichkeit zu verwandeln", so Nigel Rollins von der WHO, Mitautor der Studie. "Es ist an der Zeit, dass dies ein Ende hat. Frauen sollten in die Lage versetzt werden, Entscheidungen über die Säuglingsernährung zu treffen, die auf genauen Informationen beruhen und nicht von der Industrie beeinflusst sind."

Der Ratschlag, dass Stillen das Beste für die Gesundheit des Babys ist, nützt nichts, wenn Frauen nicht dabei unterstützt werden, das unruhige Verhalten ihres Babys zu verstehen und zu bewältigen.

Julie Smith Australian National University

Stillen ist nicht nur eine persönliche Frage

Die Schuld gibt er der Wirtschaft, der Politik und der Gesellschaft insgesamt. Stillen müsse als gesamtgesellschaftliche Verantwortung begriffen werden. Nicht als Sache der Frauen. Die haben dazu aber zu oft nicht den nötigen Raum. Die Forschenden betonen, dass eine halbe Milliarde berufstätiger Frauen weltweit keinen Anspruch auf einen angemessenen Mutterschutz habe. Eine systematische Überprüfung von Studien hätte ergeben, dass Frauen, die mindestens drei Monate bezahlten oder unbezahlten Mutterschaftsurlaub hatten, mit mindestens fünfzig Prozent höherer Wahrscheinlichkeit weiter stillten als Frauen, die innerhalb von drei Monaten nach der Entbindung an ihren Arbeitsplatz zurückkehrten. Außerdem mangele es den Frauen an Stillförderung, Schutz und Unterstützung in den Gesundheitssystemen. Grund seien begrenzte öffentliche Budgets, qualifizierte Unterstützung durch das Gesundheitspersonal, der Einfluss der Milchnahrungsindustrie und das Fehlen einer Betreuung, die kulturell angemessen ist und sich an den Bedürfnissen der Frauen orientiert.

Fiktive Verpackungen mit tatsächlichen Werbebotschaften, die behaupten, Ersatzmilch sei intelligenzfördernd (z.B. lesendes Kind mit Brille auf Bücherstapel, Baby mit Brille und Gleichung E ist gleich M mal C Quadrat.
Fiktive Verpackungen, echte Werbebotschaften – so illustrieren die Forschenden die Verpackungen, die in der Realität Aussagen über Intelligenz und Intelligenzquotienten machen oder andeuten. Bildrechte: The Lancet/Lewis et al.

"Der Ratschlag, dass Stillen das Beste für die Gesundheit des Babys ist, nützt nichts, wenn Frauen nicht dabei unterstützt werden, das unruhige Verhalten ihres Babys zu verstehen und zu bewältigen. Oder wenn Mütter ohne Mutterschaftsurlaub oder Bezahlung gezwungen sind, aus finanzieller Not wieder arbeiten zu gehen", sagt Julie Smith von der Australian National University.

Das Thema "unruhiges Verhalten" illustriert ganz gut, wie die Hersteller der Ersatzmilchprodukte in ihrem Marketing die Sorgen der Eltern ausnutzen. Das unruhige Verhalten ihres Babys, insbesondere Schlafstörungen und anhaltendes Weinen, würden Frauen häufig als Zeichen dafür interpretieren, dass die Muttermilch nicht ausreiche. Allerdings seien die Schlafgewohnheiten von Säuglingen nicht dieselben wie die von Erwachsenen und unruhiges Verhalten von Säuglingen normal. Wenn die Mütter angemessen unterstützt werden, können die Probleme auch ohne die Verwendung von Folgemilch erfolgreich angegangen werden.

Produktbestandteile: Kein Nutzen für schulische Leistungen

Das würde den Herstellern natürlich gehörig das Geschäft vermasseln. Sie betonen, dass ihr Produkt nicht nur bestehende Probleme löse, sondern aus dem Säugling geradezu ein Wunderkind mache, wenn man nur die Ersatzmilch verfüttere. "Auf den Etiketten werden Wörter wie Gehirn, Neuro und IQ mit Bildern verwendet, die die frühe Entwicklung hervorheben, aber Studien zeigen keinen Nutzen dieser Produktbestandteile für die schulischen Leistungen oder die langfristige Kognition", betont Linda Richter, Professorin an der der Witi-Universität im südafrikanischen Johannesburg.

Willkommen im Still-Club

Bei einem großen Lebensmittelkonzern wird Milchersatz zum Club. Auf der deutschen (und auch österreichischen) Website sorgt ein Pop-Up-Hinweis für Transparenz, dass natürliches Stillen die beste Säuglingsnahrung ist.

Website von Aptaclub aus Deutschland mit dem Pop-Up-Hinweis, dass natürliches Stillen am besten für das Kind ist.
Bildrechte: Screenshot
Website von Aptaclub aus Deutschland mit dem Pop-Up-Hinweis, dass natürliches Stillen am besten für das Kind ist.
Bildrechte: Screenshot
Website von Aptaclub aus Großbritannien ohne Hinweis, dass Stillen am besten für das Kind ist.
Bildrechte: Screenshot
Alle (2) Bilder anzeigen

Um den Marketingeinsatz unzureichender wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verhindern, trat vor über vierzig Jahren ein freiwilliger Kodex in Kraft, der die Werbung für Muttermilchersatz eigentlich reglementieren sollte. Eine für das Lancet-Papier durchgeführte Untersuchung von 153 Studien zeigt aber, dass Marketingpraktiken, die gegen den Kodex verstoßen, in fast hundert Ländern und in jeder Region der Welt seit seiner Verabschiedung fortgesetzt wurden.

Lobbyismus mit Handelsverbänden und Tarnorganisationen

Ein freiwilliger Kodex eben, weit entfernt von einem gültigen Rechtsrahmen. Ohnehin ist unklar, wer bei dem Thema eigentlich den politischen Ton angibt. Um die Muttermilchersatzprodukte scheint es ein regelrechtes Lobbyuniversum zu geben. Die Forschenden verweisen auf ein Netzwerk von Handelsverbänden und Tarnorganisationen, die Lobbyarbeit gegen den Kodex und andere Maßnahmen zum Schutz des Stillens betreiben. Beispiel Südafrika: Das Land verabschiedete 2012 ein neues nationales Gesetz, um den Kodex in Kraft zu setzen, was jedoch neun Jahre dauerte und viele Rückschläge aufgrund der Lobbyarbeit der Industrie mit sich brachte.

Die Hersteller würden zudem die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft ausnutzen. Das passiere, indem sie Berufsverbände sponsern, gesponserte Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichen und führende Persönlichkeiten des öffentlichen Gesundheitswesens in Beiräte und Ausschüsse einladen. Den Expertinnen und Experten zufolge würde das zu inakzeptablen Interessenkonflikten im öffentlichen Gesundheitswesen führen.

Mutter stillt ihr Kind mit leicht hochgezogenem Oberteil, Blick aufs Kind, Aufnahme leicht untersicht von schräg unten, im Hintergrund leicht unscharf Monstera-Pflanze und Zimmerfenster.
Frauen müssen unabhängig und auf fundierten Informationen basierend entscheiden können, ob sie ihr Kind stillen, sagen die Forschenden. Bildrechte: imago/Westend61

Allerdings hört die Einflussnahme dort nicht auf, Stichwort Genderpolitik: Dem Papier zufolge stelle die Muttermilchindustrie die Befürwortung des natürlichen Stillens als ein moralisches Urteil dar, das antifeministisch und schädlich für Frauen sei, während die industrielle Muttermilch eine bequeme und befähigende Lösung für berufstätige Mütter sei. Eine tatsächlich befähigende Lösung wären indes gesetzliche Stillpausen während der Arbeitszeit, wie es sie zum Beispiel in Deutschland gibt.

Die Still-Quote sei aber auch in Mitteleuropa besorgniserregend, das haben Expertinnen aus dem deutschsprachigen Raum gegenüber dem Science Media Center erklärt. Sie teilen die Einschätzungen des Lancet-Papers. Daniela Karall, stellvertretende Direktorin der Kinder- und Jugendheilkunde von den Universitätskliniken Innsbruck: "Im deutschsprachigen Raum verlassen etwa 85 bis 90 Prozent der Mütter die Geburtsklinik stillend, mit drei Monaten sind es noch etwa fünfzig Prozent, die stillen, mit sechs Monaten nur noch rund zehn Prozent. Dieser Trend hat sich in den letzten zwanzig Jahren kaum geändert." Demgegenüber stehe die Empfehlung der WHO und anderer Fachgesellschaften, die ausschließliches Stillen während der etwa ersten sechs Lebensmonate empfehlen.

Ein Problem ist auch die digitale Kommunikation, die Grenzen zwischen Werbung sowie Ernährungs- und Pflegeberatung verwischt. Beispiele sind von der Industrie bezahlte Influencer, die über die Schwierigkeit des Stillens berichten, gesponserte Eltern-Apps oder Tag-und-Nacht-Chatdienste, die kostenlose Produktproben unter die Leute bringen.

Umfassende politische Maßnahmen gefordert

Der freiwillige Kodex funktioniert nicht, sagt David McCoy, Professor an der United Nations University: "Wir brauchen einen strengeren internationalen Rechtsvertrag über die Vermarktung von Milchnahrung, der weltweit in das Gesetz aufgenommen wird." Der Vertrag müsse die Politik vor dem Einfluss der Industrie schützen, "indem er hochrangige Beamte dazu verpflichtet, Treffen mit Lobbyisten offenzulegen und wissenschaftliche Organisationen dazu verpflichtet, die Finanzierungsquellen und die Mitglieder von beratenden Expertengruppen offenzulegen."

Wir brauchen einen strengeren internationalen Rechtsvertrag über die Vermarktung von Milchnahrung.

David McCoy United Nations University

Fortschritte seien in den USA zu verzeichnen. Ein gesetzlicher Mutterschutzurlaub fehle zwar, jedoch sei eine zunehmende Zahl an Stillberatungen zu verzeichnen. Ein entschiedener Punkt ist es zudem, Mütter in ihrer Entscheidung zu unterstützen, statt sie zu beeinflussen: Der empfundene Druck oder die Unfähigkeit zu stillen, vor allem, wenn sie im Widerspruch zu den Wünschen der Mutter stünde, könne sich nachteilig auf die psychische Gesundheit auswirken.

Die Beendigung der Marketingmaschinerie ist allerdings nur der erste Schritt. Folglich braucht es ein ausgleichendes Gegengewicht wie umfassendere Maßnahmen am Arbeitsplatz, im Gesundheitswesen und in den Regierungen, um Frauen, die stillen möchten, genau das zu ermöglichen. Denn das natürliche Stillen hat, so ganz ohne Marketingbudget, auch ein paar Etiketten-Argumente parat. Mitautor Rafael Pérez-Escamilla von der Yale School of Public Health: "Stillen fördert die Entwicklung des Gehirns, schützt Säuglinge vor Unterernährung, Infektionskrankheiten und Tod und verringert das Risiko von Fettleibigkeit und chronischen Krankheiten im späteren Leben."

Für null Euro das Kilo.

flo

Links/Studien

Das Paper erschien am 8. Februar 2023 in The Lancet.

Lebensretter Inside (4) 25 min
Lebensretter Inside (4) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Das (Über) Lebenselixier Muttermilch | 08. September 2022 | 21:30 Uhr

9 Kommentare

steka am 08.02.2023

Das ist eben Marktwirtschaft, und solange das nicht verboten ist, muß jede*r selbst entscheden wie sie/er mit der Werbung umgeht. Andere kaufen für sich teures Mineralwasser obwohl Leitungswasser den gleichen Inhalt hat.

goffman am 08.02.2023

Es wird nicht am Muttermilchersatz herum gemosert, sondern am manipulativem Marketing.

Es geht nicht um Mütter, die nicht Stillen können, sondern um Mütter, die nicht Stillen wollen.

Natürlich wollen Eltern das Beste für ihr Kind und wenn Muttermilch besser ist als der Ersatz, dann sollte das Marketing den Eltern auch nichts anderes einreden dürfen.

Und ich gebe Ihnen absolut Recht, bei den gesellschaftlichen Hürden, die Sie beschreiben. Aber sollten wir die nicht abbauen?

Anita L. am 08.02.2023

Sie haben bestimmt noch irgendein Klischee vergessen. Strengen Sie sich an!

Muttermilch kann Frau auch heute noch spenden. Ersatzmilch gab es schon im "'kommunistisch' verbrämten" Gesundheitswesen, Kinder wachsen und gedeihen tatsächlich auch ohne Großfamilie und ob die moderne Mutter ihr Kind lieber stillt oder der Mann das Fläschchen gibt, ist ganz allein - ganz genau - Angelegenheit dieser Frau und dieses Mannes.