Psychologie Videokonferenzen: Vier Gründe, warum sie so anstrengend sind

Eigentlich sollte man meinen, Videokonferenzen sind praktisch und stressfrei. Denkste! Eine Forschungsarbeit hat vier Faktoren herausgearbeitet, warum sie uns erschöpfen – und was man dagegen machen kann.

Eine Videokonferenz
Bildrechte: IMAGO / Westend61

Vor einem Bildschirm sitzen, mit dem Team Tagespläne besprechen, Projekt-Zwischenstände abgleichen, neue Ideen diskutieren: Das klingt auf den ersten Blick eigentlich nicht sonderlich anstrengend. Ist es aber doch und das Kind hat auch schonen einen Namen: Zoom-Fatigue – wobei sich das Ermüdungssyndrom nicht auf diese Konferenz-Plattform im Speziellen bezieht, sondern auf die allgemeinen Nebenwirkungen von Videokonferenzen. Was macht sie so erschöpfend? Jeremy Bailenson, Professor am Virtual Human Interaction Lab der Stanford University (USA), hat das untersucht.

Stressfaktor eins: Augenkontakt

Ein Stressfaktor ist der Studie zufolge der übermäßige Augenkontakt. In der Videokonferenz werden Sprechende ununterbrochen von vielen Gesichtern angestarrt – und zwar aus einer Nähe, die wir sonst nur im privaten Bereich kennen. Im regulären Sitzungsraum variieren Gesichtergröße und Augenkontakt, die eine kritzelt was in ihr Notebook, der andere begutachtet seine Fingernägel, wieder andere sprechen mit dem Nachbarn, blättern in Unterlagen. Forscher Jeremy Bailenson sagt: Für das Gehirn ist das eine extrem intensive Situation, wer stundenlang Konferenz-Tools nutzt, gerät in einen hyper-erregten Zustand. Aber was tun? Man kann den Stress rausnehmen, meint Bailenson, indem man zum Beispiel das Meeting-Fenster auf dem Monitor minimiert. Auch eine externe Tastatur schafft ein Stück Abstand zwischen sich und den Kollegen und "vergrößert" indirekt den Raum zwischen sich und den Gesichter-Kacheln auf dem Bildschirm.

Stressfaktor zwei: Der eigene Anblick

Ein zweiter Stress-Faktor sind wir selbst: Im Alltag schauen wir uns niemals so oft und lange ins Gesicht wie in Videokonferenzen. Jeremy Bailensons Rat: Einfach die Selbstansicht ausblenden, nachdem man die Kameraansicht korrekt eingestellt hat.

Stressfaktor drei: Bewegungsmangel

Dritter Stress-Moment in Videokonferenzen: Der Bewegungsmangel. In Online-Schalten sitzen wir wie angenagelt auf unseren Plätzen, oft stundenlang. Das Fenster im Konferenztool verlangt quasi nach körperlicher Anwesenheit und zwar immer im Rahmen der Videokamera, am gleichen Ort. Der Forscher rät – entweder die Videokamera weiter entfernt von sich selbst positionieren, sodass man, selbst wenn man sich bewegt, weiter sichtbar bleibt. Oder man schaltet während des Online-Meetings regelmäßig die Kamera aus und hört einfach nur zu.

Stressfaktor vier: Nonverbale Rätsel

Punkt vier auf der Liste der Ermüdungsfaktoren bei Videokonferenzen: Bildschirme zeigen uns das Team nur in viereckigen Ausschnitten. All das, was wir sonst an nonverbalen Informationen in Gesprächen mitlesen, lässt sich aus dem kleinen Rahmen, wo man bisweilen nur ein Gesicht sieht, möglicherweise noch ein Stück Oberkörper, schwerer entziffern.

Homeoffice
Was bedeutet der Blick der Kollegin nach rechts? Das Team sieht nicht, dass dort ein Kind spielt. Bildrechte: Colourbox.de

Gesten, wie Daumen hoch oder runter als Zeichen für Zustimmung oder Ablehnung, übertriebenes Kopfnicken müssen zusätzlich gelesen werden und sind zusätzliche kognitive Leistungen neben der eigentlichen Arbeit, dem inhaltlichen Erfassen des Diskussionsthemas. Und warum starrt der Mitarbeiter nach rechts aus seinem Fenster – ist er gelangweilt? Oder beobachtet er den dreijährigen Sohn, der eine volle Tasse Kakao durch den Raum balanciert? Auch solche mehrdeutigen, unvollständigen Informationen zu verarbeiten, strengt an und macht Videokonferenzen so erschöpfend. Welche Lösung gibt es dafür? Einfach eine Audio-Phase einlegen, Kamera aus, sich vom Bildschirm abwenden, sagt der Forscher.

Der Fragenkatalog, der am Stanford-Institut für die Forschungsarbeit entworfen wurde, steht offen zur Verfügung für alle, die auch testen wollen, wie sich Videokonferenzen in ihrem Team auswirken.

Links zur Studie und zum Fragebogen

Die Studie "Nonverbal Overload: A Theoretical Argument for the Causes of Zoom Fatigue", veröffentlicht im Journal "Technology, Mind and Behavior", können Sie hier auf der Plattform APA Opnen nachlesen. Den Fragebogen finden Sie hier in englischer Sprache.

(lfw)

1 Kommentar

Uta vor 7 Wochen

Aus der Mücke einen Elefanten gemacht! Einfach man selbst sein.