Insekt des Jahres 2020 Ölkäfer: Vom Ei zum Käfer - das Bienentaxi muss stimmen

Angesichts von tausenden Eiern, die jedes Maiwum-Weibchen legt, sollte man meinen, dass es die Insekten massenhaft geben müsste. Tut es aber nicht. Denn so ein Ölkäfer-Leben ist kein Zuckerschlecken. Nur wenige Exemplare einer Brut überleben die vielen Zwischenstadien. Wer einem ausgewachsenen Exemplar begegnet, der verneige sich in Ehrfurcht vor so viel Überlebenswillen.

Ölkäfer 2 min
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So ein Maiwurm-Leben ist kein Zuckerschlecken. Nur wenige Exemplare überleben die vielen tückischen Zwischenstadien vom Ei zum ausgewachsenen Ölkäfer.

Fr 15.05.2020 09:33Uhr 01:56 min

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Klein, orangefarben und durchscheinend: So sitzt die Brut der Maiwürmer derzeit in ihren Wartehallen, den Blumenblüten, und wartet auf den richtigen Flieger, eine bodenbrütende Wildbiene. Die Larven, die sich tatsächlich beim richtigen Brummer in den Pelz klammern, haben schon mal fünf von sechs Richtigen im Ölkäferlotto gezogen. Larven, die sich auf die falsche Biene setzen, haben verloren und gehen ein. Genau wie die, die zwar mit in ein Bienennest fliegen, aber neben einem Bienen-Ei landen - auch die gehen ein.

Erwischt eine Larve die richtige Biene und landet tatsächlich auf einem ihrer Eier, frisst sie dieses auf und häutet sich: Die nächste Entwicklungsstufe ist erreicht, als blinde, kurzbeinige, madenartige Larve, die fortan den Pollen der Wirtsbiene verputzt. Nach dreimaliger Häutung verlässt diese Made dann das Bienennest, vergräbt sich, häutet sich wieder und verharrt dann als Scheinpuppe. Ist sie daraus geschlüpft, verpuppt sie sich ein weiteres Mal, bis sie im Frühjahr des Folgejahres als Ölkäfer ins wahre Insekten-Leben startet.

Ölkäfer/Maiwurm: Wer einer werden will, muss den richtigen Flieger nehmen

Schwarzblauer Ölkäfer
Ende Mai können wir sie treffen: Ölkäfer-Weibchen mit prall gefülltem Hinterleib. Bildrechte: Senckenberg.de
Schwarzblauer Ölkäfer
Ende Mai können wir sie treffen: Ölkäfer-Weibchen mit prall gefülltem Hinterleib. Bildrechte: Senckenberg.de
Gelege des Schwarzblauen Ölkäfers
Tausende Eier in einem Gelege - Schwärme von Ölkäfern werden trotzdem nicht draus. Bildrechte: Senckenberg.de
Schwarzer Maiwurm Meloe proscarabaeus, Larven
Hier sind die Larven des schwarzen Maiwurms geschlüpft. Bis zu 10.000 Eier legen die Weibchen. Bildrechte: imago images/blickwinkel
Mehrere kleine Larven
Sind die Larven geschlüpft, klettern sie an Blumen hinauf in deren Blüte. Bildrechte: Dörte von Stünzner-Karbe
Schwarzer Maiwurm (Meloe proscarabaeus), Larven besetzen Wildbiene
Kommt ein Insekt, fliegen sie mit. Aber nur Larven, die die richtige Sorte Biene erwischen, haben eine Chance, ins nächste Entwicklungsstadium zu kommen. Bildrechte: imago/blickwinkel
Erwachsenes Ölkäfer-Exemplar neben einem Jungtier.
Diese beiden Männchen haben alle Entwicklungs-Stadien unbeschadet überstanden: Die Männchen erkennt man an einem scharfen Knick in ihren Fühlern. Sie sind außerdem viel kleiner als die Weibchen. Bildrechte: Senckenberg.de
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Da der Lebensweg vom Ei zum Ölkäfer mit so vielen Zwischenstationen und Risiken gepflastert ist, hat die Natur vorgesorgt: Ölkäferweibchen vergraben im Frühjahr fünf- bis sechsmal im Abstand von ein bis zwei Wochen ihre Ei-Gelege: 2.000 bis10.000 Eier. Und aus denen schlüpfen dann wieder die (Triungulinus-)Larven, die auf Blüten klettern und auf den richtigen Flieger warten. Die sind übrigens genauso giftig wie die ausgewachsenen Ölkäfer, erklärt Professor Dr. Konrad Dettner von der Uni Bayreuth, Spezialist für die chemische Ökologie der Insekten. Bei Ölkäfer-Imagines, also bei den Käfern synthetisiert das Männchen Cantharidin in den Anhangsdrüsen. Bei der Kopulation wird das Gift vom Männchen auf das Weibchen übertragen. Das ist also nach der Kopulation giftiger als vorher. Das Weibchen selbst baut Dettner zufolge wenig Cantharidin als Fraßschutz in die einzelnen Eier ein.

Warum wir sie so selten treffen

Dass wir den Ölkäfern so selten begegnen, liegt zum einen an diesem sehr komplexen Lebenszyklus, der sehr störanfällig ist, erklärt Thomas Schmitt, Direktor des Senckenberg Instituts in Müncheberg: "Trotz der riesigen Anzahl an Eiern, die jedes Weibchen legt, geht so viel 'auf dem Weg' verloren, dass kein großer Puffer da ist." Der Hauptgrund für die relative Seltenheit dieser Käfer sei aber der Verlust geeigneter Lebensräume. Das wiederum erklärt Professor Dr. Schmitt zufolge, warum die Tiere an für sie geeigneten Stellen dagegen zahlreich vorkommen, zum Beispiel an den Oderhängen Brandenburgs. Sein Fazit: "Wenn man den Tieren ihren Lebensraum lässt, ist der komplexe Lebenszyklus kein Problem. Wenn dieser schwindet, dann dagegen schon."

Und weil der Ölkäfer eben so besonders ist, haben ihn Insektenforscher und Naturschützer zum "Insekt des Jahres 2020" bestimmt.

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