Auch in Europa Neue Grippeviren mit Pandemiepotenzial bei Schweinen entdeckt

Kommt die nächste Pandemie aus dem Schweinestall? Forschende in China haben bereits Ende Juni 2020 davor gewarnt. Jetzt bestätigen deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Auch bei uns gibt es neue Schweinegrippe-Viren, die das Potential haben, Menschen zu infizieren.

Hübsche, saubere Ferkelgruppe im konventionellen Ferkelstall.
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Bereits Ende Juni hatten chinesische Forscher in der US-Fachzeitschrift PNAS eine Studie veröffentlicht, in der sie vor der Gefahr einer erneuten Influenzapandemie durch ein Virus, das vom Schwein auf den Menschen überspringen könnte, gewarnt haben. Wie die Forscher herausfanden, ist es in China auch schon zu Infektionen beim Menschen gekommen. Allerdings hat das Virus bisher noch nicht die Fähigkeit, direkt von Mensch zu Mensch weiterverbreitet zu werden.

Die Forschenden hatten im Rahmen ihrer Untersuchung ein Virus gefunden, das sowohl genetische Merkmale des Schweinegrippen-Erregers von 2009 als auch des Vogelgrippe-Erregers H5N1 aufweist. Sie tauften es G4. Und sie äußerten die dringende Empfehlung, die Sicherheitsbestimmungen bei der Schweinehaltung streng einzuhalten, damit G4 nicht auf den Menschen überspringen kann.

Schweine übertragen alles

Jetzt hat ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vom Friedrich-Löffler-Institut Greifswald, dem Institut für Virologie der Universität Freiburg und der Icahn School of Medicine at Mount Sinai (New York) eine ähnliche Untersuchung an europäischen und damit auch deutschen Schweinebeständen durchgeführt. Die Ergebnisse sind beunruhigend: Die Forschenden konnten neue Viren isolieren, die auf den Menschen übertragbar und überlebensfähig sind. "Somit stellen europäische Schweinepopulationen Reservoire für neu auftretende IAV-Stämme (Schweinegrippe-A-Viren, Anm.d.R.) mit zoonotischem und möglicherweise präpandemischem Potenzial dar", schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie, die im Fachmagazin "Cell Host  Microbe" erschienen ist. Professor Martin Schwemmle von der Universitätsklinik Freiburg war an der Untersuchung beteiligt.

Das Schwein hat eine ganz spezielle Funktion in der Übertragung von Influenzaviren, weil diese Spezies von aviären (von lat. avis, Vogel, Anm.d.R.) Influenzaviren, natürlich von Schweineinfluenzaviren, aber auch von humanen Influenzaviren infiziert werden kann.

Prof. Martin Schwemmle, Uni Freiburg

Das sei an sich noch nicht wirklich schlimm, so Schwemmle. "Aber was dann passiert im Schwein, wenn es Koinfektionen gibt, dass diese Stämme dann ihre genetische Information austauschen können", das ist das Problem. "Dann gäbe es zum Teil Varianten, die so neu sind, dass sie wieder auf die humane Population überspringen können bzw. die infizieren können wie die Schweinegrippe 2009."

Neue Mixtur kann Viren gefährlicher machen

Noch gefährlicher als das Schweineinfluenzavirus H1N1 ist der in Vögeln zirkulierende H5N1-Subtyp. Dieses Virus richtet bei Menschen verheerende Schäden an, die Sterberate ist fast so hoch wie bei Ebola, bei bestimmten Viren bis zu 90 Prozent. Glücklicherweise gelingt diesem Erreger aber die Mensch-zu-Mensch-Übertragung äußerst schlecht. Er kann immer nur direkt von Geflügel auf Menschen überspringen. Oder aufs Schwein. Die große Befürchtung vieler Forscher ist nun, dass es irgendwo auf der Welt in einem Schweinemast-Großbetrieb zu einer Mixtur kommen könnte, bei der der neu entstandene Erreger vom Schweinegrippevirus die leichte Übertragbarkeit und vom Vogelgrippevirus die Aggressivität geerbt hat.

Der Worst Case wäre wie 2009, dass sich im Schwein ein neues Virus bildet, was praktisch alle Qualitäten hat, die humane Population zu erobern. Und diese Situation kann sich im Prinzip immer wieder wiederholen.

Prof. Martin Schwemmle

Einmal mehr stellt sich die Frage nach der Gefährlichkeit von Schweinemast-Großbetrieben mit Zehntausenden Tieren. Hier läuft virale Evolution im Zeitraffer ab, denn die Viren können reihum schnell immer wieder neue Wirte finden. Das Friedrich-Löffler-Institut führt regelmäßig Monitorings in den Betrieben durch, was auch im Interesse der Betreiber ist, denn die wirtschaftlichen Verluste durch an Influenza erkrankte Tiere können erheblich sein.

Sorgfalt im Umgang

Wie ihre chinesischen Kollegen kommen auch die deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die Gefahr beträchtlich ist und dass das Personal beim Umgang mit den Tieren äußerste Sorgfalt walten lassen sollte, um sich nicht anzustecken, so Timm Harder vom Friedrich-Löffler-Institut (FLI).

Die Tendenz zu größeren Beständen in der Schweinehaltung besteht nach wie vor, und wir sehen auch die Tendenz, dass diese großen Bestände, die sind ja meistens auch sehr autark, das heißt in sich geschlossen, eine eigene kleine Welt auch für Influenzaviren etablieren können.

Prof. Timm Harder, FLI

Wie sich solche Viren entwickeln, "soll durch eine Folgestudie, die in einem europäischen Konsortium im Moment projektiert wird, genauer untersucht werden", so Harder, um den Einfluss solcher großen Bestände auf die Epidemiologie der Influenza herauszufinden.

Wo kann ich mich anstecken?

Im April 2009 brach die Schweinegrippe in Mexiko aus und verbreitete sich um die Welt. Nach SARS und der Vogelgrippe bereits die dritte Pandemie des 21. Jahrhunderts, mit rund 20.000 Toten weltweit. Wie sich später herausstellte, war die Pathogenität des H1N1-Erregers nicht so hoch wie anfänglich befürchtet. Die Fähigkeit des Virus, schnell von Mensch zu Mensch weiterverbreitet zu werden und sich über die ganze Welt auszubreiten, war allerdings beeindruckend. Bereits damals hatte man den Abbau von Großmastbetrieben gefordert, ebenso wie den Rückbau von Geflügelmastbetrieben. Anscheinend wurde nichts unternommen. Wie können wir uns schützen? Durch "Expositionsvermeidung" sagt Timm Harder, der als Professor auch am Institut für Infektionsmedizin der Christian-Albrechts-Universität Kiel tätig ist.

Expositionsvermeidung heißt: ach, die Stalltür steht offen, die Schweine sehen so niedlich aus. Wir gehen mal durch den Stall. Wenn man das tut, exponiert man sich.

Prof. Timm Harder

Und dafür sollte eine Pandemie wie die aktuelle unsere Sinne schärfen, so Harder, "dass man darüber nachdenkt: Hoppla, wo kann ich mich unter Umständen einem Erreger, einem Agens aussetzen?".

Deshalb fordern die Wissenschaftler als ein wichtiges Element der Prävention, dass sich alle in der Schweinemast Beschäftigten regelmäßig gegen die saisonale Influenza impfen lassen, damit weniger häufig menschliche Viren auf das Schwein übertragen werden. Ganz abgesehen vom Tragen von Mund- und Nasenschutz beim Umgang mit den Tieren. Doch all diese Vorsichtsmaßnahmen liegen nur im Ermessen der Betreiberfirmen. Dafür zu sorgen, dass die Anzahl der in den Betrieben gehaltenen Tiere - dem Tierwohl entsprechend - kleiner werden,  ist Aufgabe des Gesetzgebers.

1 Kommentar

part vor 6 Wochen

Tja, besonders Schweine fristen in der BRD, in der EU und anderen Staaten oftmals ein Schweineleben. Vollgefüttert mit Gentech- Soja und Futtermitteln aus aller Welt und hochgepäppelt mit Antibioti über der Kontrollgrenze ergaben sich in manchen Zuchtbetrieben eben zusätzlich Kontrollen durch die Veterinärämter. Wo Schweine bald mehr Aktivkohle fressen als >>normales<< Futter, da ist Übergangsrate von Krankheitserregern besonders geschwächt. Oder mann könnte auch sagen das unwillkürliche Experimentierfeld zur Generierung neuer Erreger ist eröffnet durch die Profitgier von Agrsargenossenschaften bis Großagrarier, die ihrerseits alle Möglichkeiten der EU- Bezuschussung ausschöpfen.