Max-Planck-Institut in Leipzig Wie praktische Forschung in Corona-Zeiten klappt

Wie so vieles in diesem Jahr hat die Corona-Pandemie auch die Wissenschaft verändert. Experimente am Menschen sind schwierig, Doktoranden im Homeoffice. Wie läuft die praktische Forschung in diesen Zeiten? MDR Wissen hat dies hautnah am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften erlebt.

Praktische Forschung am Kinder-Sprachlabor des MPI CBS.
Bildrechte: MPI CBS

Zum Glück gibt es mittlerweile Software für Videokonferenzen, wie etwa "Zoom". Sonst wäre mein Termin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) vorbei gewesen, bevor er überhaupt angefangen hatte. Dort wollte ich als ein Proband der Studie "Die neuralen Korrelate der Einsicht" teilnehmen, bei dem Tests im Magnetresonanztomografen (MRT) und am Computer anstehen.

Doch kurz zuvor hatte Moritz Dörfler, einer der Studienautoren, Kontakt zu einem Corona-Infizierten. Der Doktorand musste in häusliche Quarantäne und die Durchführung vor Ort stand auf der Kippe. Letztlich kann aber die junge Kollegin Petra Borovska aushelfen, die per "Zoom" von Dörfler und der Studienleiterin Dr. Johanna Bergmann instruiert wird.

Erst beim dritten Test passt die Körpertemperatur

Die Corona-Pandemie hat besonders die praktische Wissenschaft am Menschen in diesem Jahr vor einige knifflige Herausforderungen gestellt. Während des ersten Lockdowns kam sie fast vollständig zum Erliegen und auch danach musste sie sich erst vorsichtig an die neuen Gegebenheiten herantasten. Im Falle des MPI CBS führt das etwa dazu, dass ich erst gar nicht in den Forschungstrakt gelassen werde, bevor ich nicht meine Hände desinfiziert, eine eigens gestellte Maske aufgesetzt und eine ausführliche Erklärung unterschrieben habe. Ach, und meine Körpertemperatur ist nach der Radfahrt zum Institut etwas erhöht und erreicht erst bei der dritten Messung den erwünschten Wert für den Einlass.

"Wir sind sicherlich zwei Stufen vorsichtiger als ein Edeka", erklärt mir am folgenden Tag im Interview der geschäftsführende Direktor des MPI CBS, Prof. Christian Doeller. Seit Monaten operiere man mit einem hybriden Modell, bei dem die eine Hälfte der Forschenden im Homeoffice arbeitet und die andere vor Ort. Diese Vorsicht habe auch dazu geführt, dass es nach der Wiederaufnahme der Forschung am Menschen im Juli keinen Einbruch bei den Probandenzahlen gegeben habe. Um diese muss das MPI CBS nämlich mühsam mit Aushängen und Telefonaten werben, für die Teilnahme an den Experimenten bekommen sie nur eine moderate Aufwandsentschädigung.

Der geschäftsführende Direktor des MPI-CBS Christian Doeller.
Der geschäftsführende Direktor des MPI-CBS Christian Doeller. Bildrechte: MPI CBS

Auch das Mittagessen wird zur komplexen Aufgabe

Petra Borovska nimmt mich nun mit in die dritte Etage, wo ich zuerst eine Aufgabe vom Computer bekomme. Es geht darum, sich nacheinander aufploppende Wörter wie "Sommer" oder "Arzt" einzuprägen. Die Auflösung folgt im Anschluss im Keller: Im MRT ploppen wieder Wörter vor mir auf, nur soll ich diesmal einen Knopf drücken, wenn ein Wort erscheint, das am Computer nicht zu sehen war - ganz schön verzwickt!

Gebäudeansicht des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig
Das Max-Planck-Institut in der Leipziger Stephanstraße. Bildrechte: MPI CBS

Die Messungen im MRT unter Corona-Bedingungen stellen die MPI-Leute ebenfalls vor neue Herausforderungen. Die obligatorische Maske darf ich etwa erst im Moment vor dem Einfahren in die Röhre abnehmen, dazu darf sich nur eine stark eingeschränkte Personenzahl in den Räumen aufhalten.

Selbst so etwas Triviales wie das Mittagessen wird aktuell zu einer komplexen Aufgabe. Die Kantine hat eigentlich geschlossen, produziert aber Essensrationen, die sich die Mitarbeiter mit zum Platz nehmen müssen. So huscht ein Kollege zurück auf dem Weg zu den Computern mit vollem Teller vorbei.

Oben zurück steht eine wirklich schwierige Übung an: Es erscheinen jeweils drei Wörter, zu denen ich ein viertes finden soll, das mit den drei anderen jeweils eine sinnvolle Kombination bildet. Etwa "Suppe", "Hand" und "Rand" - die richtige Lösung lautet "Teller". Bei einigen muss ich trotz Einsatzes von viel Hirnschmalz passen.

Experimente mit Menschen vorerst abgesagt

Den Sinn der Aufgabe erklärt mir nach dem zweiten MRT-Besuch am Ende des Untersuchungstags schließlich Dr. Johanna Bergmann. "Es geht letztlich darum, ob man Erleuchtung vorhersagen kann", sagt die Studienleiterin über das Ziel ihrer Untersuchung. Oder anders formuliert: wie kreative Einsicht die Art verändert, wie unser Gehirn Wissen speichert. Daher auch die Kombination aus den Erinnerungsübungen und den Aufnahmen im MRT.

Ich bin schon fast auf dem Heimweg, als ich noch eine wichtige Nachricht erhalte. Wegen des harten Lockdowns ab dem 14. Dezember hat sich das MPI CBS dazu entschieden, alle folgenden Experimente am Menschen auch erstmal zu verschieben - vorerst bis zum 11. Januar. Das gehöre eben auch zum strengen Sicherheitskonzept, erklärt Christian Doeller. "Nur so kann man die Leute mitnehmen und unseren wissenschaftlichen Auftrag erfüllen", sagt der geschäftsführende Direktor. Auch wenn dafür ein Großteil der praktischen Forschung nun erstmal wieder auf Eis liegt.

Ich denke wir haben es bisher ganz gut hinbekommen. Aber man lernt immer dazu - das ist schließlich meine erste Pandemie.

Prof. Dr. Christian Doeller, Geschäftsführender Direktor MPI CBS

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