Projekt Green Zero Zum ersten Mal berechnet: Die Ökobilanz eines einzelnen Menschen

CO2, Ozon, Nitrate: Wissenschaftler sind sich einig, dass diese umweltschädlichen Stoffe reduziert werden müssen - in der Industrie und im alltäglichen Leben. Doch meistens wird bei diesen Themen von großen Maßstäben geredet, von Durchschnittswerten oder besonders heftigen CO2-Schleudern. Aber wer von uns weiß denn genau, wieviel CO2 sie oder er als Individuum produziert? Ein Unternehmer aus Aachen wollte genau das für sich wissen und hat seine Ökobilanz mithilfe der TU Berlin durchgerechnet.

Klimawandel
Die Welt in unseren Händen: Dirk Gratzel will sie durch seine Existenz nicht belasten. Bildrechte: Colourbox

Es war 2016, als der Unternehmer Dirk Gratzel beschloss, er möchte, wenn er stirbt, keine ökologischen Schulden hinterlassen. Die Welt sollte also seinetwegen nicht durch ein Mehr an CO2 und Co. belastet sein. Doch schnell kam die Ernüchterung: Denn weder Google noch diverse Umweltvereine konnten ihm sagen, wie ihm das gelingen könnte.

Porträt-Aufnahme eines Mannes mittleren Alters. Er hat eine Glatze, einen Dreitagebart und trägt eine rahmenlose Brille sowie ein weißes Hemd.
Der Unternehmer Dirk Gratzel will seine "Öko-Schulden" zurückzahlen. Bildrechte: Miriam Gratzel

Also schrieb Gratzel schließlich eine E-Mail an die Technische Universität Berlin. Genauer gesagt an Prof. Dr. Matthias Finkbeiner aus dem Fachgebiet Sustainable Engineering. "Ich fand das auch ein verrücktes, interessantes Anliegen", erinnert sich Finkbeiner. Er habe sich dann gedacht, das müsse er sich anhören. "Und so sind wir dann zusammengekommen."

Dokumentation eines Lebens

Der Unternehmer aus Nordrhein-Westfalen bekam zunächst die Aufgabe, sein Leben penibel zu dokumentieren. Was aß er und wo kam es her? Wie wohnt er und wie heizt er? Was besitzt er? Wo und wie wurden diese Dinge produziert? Wie lange nutzt er sie schon? Vom Auto bis zur letzten Unterhose hat er alles notiert.

Doch das war nur die halbe Arbeit. Denn schließlich hatte Gratzel zu dem Zeitpunkt schon über 50 Jahre gelebt und viele Dinge gekauft und verbraucht. Also auch "ökologische Schulden" angehäuft, sagt Professor Matthias Finkbeiner:

Porträt-Aufnahme eines Mannes mittleren Alters. Er hat kurze, dunkle Haare, trägt eine schware Brille und ein blaues Hemd sowie ein schwarzes Sakko darüber.
Bildrechte: Peter Himsel

Und das wird natürlich schon schwierig. Bei manchen Dingen wie den Autos konnte er sich ganz gut erinnern. Aber natürlich nicht an jedes Detail. Wir haben eben versucht so gut wie möglich seine Vergangenheit zu rekonstruieren.

Prof. Dr. Matthias Finkbeiner, TU Berlin

Diese Erhebung stellte die Wissenschaftler nicht nur wegen der Masse an Daten vor besondere Herausforderungen. Denn so eine Berechnung war noch nie zuvor gemacht worden. Welche Faktoren sollten also berücksichtigt werden, welche nicht? Und so merkt Finkbeiner an: "Wenn Sie ganz in die Kindheit zurückgehen, nehmen Sie mal ihre ersten ein bis zwei Lebensjahre: Da treffen Sie ja nicht die Konsumentscheidung, sondern die treffen ja Ihre Eltern." Und da sei die Frage gewesen: "Rechnen wir ihm seine Kindheit an? Und die Umweltbelastung seiner Kinder auch ihm? Oder wird das jeweils den Eltern angelastet?"

27 Tonnen CO2 pro Jahr

Die Wissenschaftler untersuchten das Lebensinventar von Dirk Gratzel auf verschiedene Umweltparameter wie Klimawandel, Versauerung von Gewässern oder Smog. Eines der Ergebnisse: Gratzel war für jährlich 27 Tonnen CO2 verantwortlich. Ein enormer Wert. Der Weltklimarat empfiehlt eine CO2-Emission von gerade mal zwei Tonnen pro Kopf und Jahr. Gleichzeitig war Gratzels Wert dreimal so hoch wie der des Durchschnittsdeutschen.

Wissen

Familie Döring aus Magdeburg: Jenny, Jakob, Charlotte und Thomas. Schrift: "Heute schon die Welt gerettet? Familie Döring macht das Klima besser." 45 min
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

In seinen 50 Lebensjahren waren es insgesamt 1.147 Tonnen CO2. Jetzt wusste er, wie hoch seine ökologischen Schulden sind. Der nächste Schritt war für ihn, seinen Jahreswert zu reduzieren, erklärt Finkbeiner.

Und da hat er über 60 Maßnahmen umgesetzt, also sein Leben ziemlich drastisch umgestellt. Und die meisten Umweltwirkungen konnte er um 60 Prozent reduzieren. Und das ist schon eine Menge.

Prof. Dr. Matthias Finkbeiner, TU Berlin

Doch für sein Hauptziel - die Schulden wieder abzubauen - gibt es überraschend wenige Lösungsansätze. Unter anderem an diesem Punkt setzen die nächsten Forschungen an: Wie können verursachte ökologische Schäden wiedergutgemacht werden? Wie kann Kompensation gelingen? Denn obwohl wir so viel über die Schäden wissen, die wir anrichten, ist das Thema Wiedergutmachung noch wissenschaftliches Neuland.

Aus dem Projekt ist auch ein Buch entstanden: Dirk Gratzel, mit einem Vorwort von Eckart von Hirschhausen,
Projekt Green Zero. Können wir klimaneutral leben? Mein konsequenter Weg zu einer ausgeglichenen Ökobilanz,
Verlag Ludwig, 256 Seiten, 18 Euro

5 Kommentare

part vor 15 Wochen

Möchte die Menschheit so weiter machen wie bisher, dann bräuchte sie bald statistisch gesehen 1, 7 Erden. Mit einem Gesellschaftssystem nach immer schneller, erforgreicher, spekulationsreicher und selbst Kriege für Rohstoffe und Absatzmärkte in Kauf nehmend ist ist eine Wende in der Selbstvernichtung nicht umzusetzen. Einige Menschen schreien nach weniger Menschenzuwachs, ich schreie nach weniger SUV, Panzern und Kampfflugzeugen und mehr Menschen die Bäume pflanzen und pflegen lernen.

W.Merseburger vor 15 Wochen

Ich hatte gehofft, dass hier in diesem eigentlich sehr aufschlussreichen Artikel die durchschnittliche Menge an CO2, die ein Mensch allein durch Atmung erzeugt, zu erfahren. Schließlich ist die Bevölkerung der Erde seit ca. 50 Jahren um etwa 5 Milliarden Bürger gestiegen und das bedeutet erheblich mehr CO2 und gleichzeitig werden erheblich mehr Nutztiere für die Ernährung gebraucht, also auch hier deutlich mehr CO2.

Altmeister 50 vor 15 Wochen

Konsequent zu Ende gedacht gäbe es nur eine Lösung, sich freiwillig aus der Umwelt zu verabschieden. Vielleicht würde es schon genügen, sich dafür einzusetzen, dass es keinen Zuwachs an Menschen mehr auf diesem Planeten gibt aber so weit reicht offenbar das Denkvermögen denn doch nicht, bzw. ideologische Schranken grenzen dies ein.