Psychologie Was uns nicht umbringt, macht uns (nicht) stärker?

"Was uns nicht umbringt, macht uns stärker" - dieses Nietzsche-Zitat ist so etwas wie die Durchhalte-Parole in Krisensituationen. Das kann man ja auch angesichts der Corona-Krise gut gebrauchen. Denn die Vorstellung ist verlockend, nach Leid stärker zu sein. Auch in der Psychologie geht man von so einem Wachstum aus. Allerdings ist dieses posttraumatische Wachstum nur schwer zu belegen.

Frau mit ausgestreckten Armen an einem See
Wie Phönix aus der Asche: Macht Leid tatsächlich stärker? Bildrechte: imago images / Panthermedia

Kennen Sie Gloria Gaynors Disco-Hit "I will survive"? Darin besingt sie eine schmerzhafte Trennung, die sie am Ende aber doch stärker gemacht hat. Der Song ist so etwas wie die Hymne für alle, die eine schwere Krise überwunden haben - und sich dadurch gestärkt fühlen.

Doch die Idee, nach einem Schicksalsschlag stärker zu werden, gibt es nicht nur in der Popkultur. Auch in der Psychologie ist sie relevant und wird als posttraumatisches Wachstum bezeichnet, erklärt Dr. Judith Mangelsdorf, Leiterin der deutschen Gesellschaft für positive Psychologie.

Generell kann man durchaus sagen, dass die Mehrheit der Menschen erlebt, an Krisen zu wachsen - und zwar in ganz spezifischen Gebieten wie beispielsweise ein stärkeres Gefühl für den eigenen Lebenssinn zu haben oder aber tiefere soziale Beziehungen als vorher.

Dr. Judith Mangelsdorf, DGPP

Aber es gebe auch durchaus ganz unspezifische persönliche Erfahrungen, so Mangelsdorf. "Das heißt, dass das Wachstum vielleicht eher darin liegt, dass ich mich heute mit digitalen Medien auskenne, die ich vor der Krise gar nicht kannte."

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Ein Mann und Dr. Elisabeth Binder 9 min
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Für die Forschung schwer zu greifen

Gloria Gaynor
Gloria Gynors Disco-Hit "I will survive" dreht sich um posttraumatisches Wachstum. Bildrechte: imago/teutopress

Posttraumatisches Wachstum ist also relativ und vor allem subjektiv. Und es ist mehr als eine populäre Redewendung. Vielmehr ist es sogar ein riesiges Forschungsgebiet, erzählt Dr. Alexander Jatzko, Vorstandsmitglied der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie. Es gebe insgesamt 2.778 wissenschaftliche Veröffentlichungen zum posttraumatischem Wachstum.

Hierbei wurden häufig nicht nur Menschen gemeint, die eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt haben, sondern vor allem Menschen, die durch schwierige Erlebnisse belastet sind. Das heißt, schaffen es Menschen nach einem einschneidenden Erlebnis glücklicher zu werden als zuvor?

Dr. Alexander Jatzko, DeGPT

2.778 Veröffentlichungen - trotz dieser beeindruckenden Zahl hat die Forschung einen Haken: Wachstum nach einer Krise lässt sich nicht endgültig belegen. Denn Probanden der Studien wurden meist nur NACH der persönlichen Krise befragt, aber nie vor Eintritt der Krise.

Methode in der Wissenschaft umstritten

Ein Mann stützt sein Kopf in seine Hände und eine Frau hält ihre Hände auf die Schultern des Mannes.
Krisen kündigen sich nicht an. Das macht es für die Forschung schwieriger. Bildrechte: Colourbox.de

Und so eine Methode ist eigentlich in der Wissenschaft umstritten, sagt Judith Mangelsdorf. Eigentlich sei es der Goldstandard, schon vor dem einschneidenden Erlebnis Daten darüber zu haben, wie es zum Beispiel um die persönlichen Beziehungen stand oder um das Erleben der eigenen Wirksamkeit nach Außen. "Und dann quasi, nachdem das krisenhafte Ereignis beendet ist, nochmal die Personen befragen und hoffen, dann Veränderungsprozesse zu sehen", erläutert Mangelsdorf das ideale Vorgehen.

Das Problem scheint unlösbar. Denn niemand weiß ja, wann eine persönliche Krise eintritt. Für die wissenschaftliche Korrektheit müsste auf gut Glück eine große Zahl von Probanden befragt werden, in der Erwartung, dass sie demnächst einen Schicksalsschlag durchleben. Das ist das eine Problem. Das andere: In den Fragebögen wurden Probanden meist nur nach den positiven Effekten einer Krise befragt, aber kaum nach den negativen - also zum Beispiel: "Haben sie durch die Krise eine innere Reifung erlebt?" Und wer würde nicht sagen, dass sein jetziges Ich viel weiter entwickelt ist, als sein früheres? Das verzerrt die Ergebnisse natürlich.

Stärke durch Krisen nicht die Regel

Dass posttraumatisches Wachstum nicht die Regel ist, erlebt Silke Mayerhofer. Sie ist ehrenamtliche Trauerbegleiterin und Lebensberaterin. Wie Menschen etwa nach dem plötzlichen Tod eines Angehörigen weiter leben, sei sehr unterschiedlich:

Also ich würde sagen, wer gelernt hat mit seiner Trauer zu leben, ist tatsächlich stärker. Aber das schaffen ja nicht alle. Manche schaffen es, das zu verdrängen. Manche schaffen, es zu ignorieren. Es gibt viele Varianten damit umzugehen.

Silke Mayerhofer, Trauerbegleiterin
Eine Trauerkerze steht auf einem Tisch
Ein positives Umfeld hilft beim Umgang mit Leid wie etwa Trauer. Bildrechte: Colourbox.de

Wovon kann es also abhängen, ob subjektiv das Gefühl entsteht, an einer Krise gewachsen zu sein? Von ganz verschiedenen Faktoren, erklärt Dr. Alexander Jatzko: "In Studien hat sich immer wieder gezeigt, dass eine positive, optimistische Lebenshaltung helfen kann und zum anderen eine Offenheit für neue Erfahrungen." Ein anderer, sehr wichtiger Punkt sei, Aufgaben und Ziele im Leben zu haben. Und es habe sich in ganz vielen Studien gezeigt, dass ein unterstützendes, sehr positives Umfeld und positive soziale Beziehungen ein großer Faktor seien, um mit Erlebtem besser zurecht zu kommen und danach wieder eine bessere Lebensqualität zu erreichen, erläutert Jatzko.

Aber auch Pflichtbewusstsein als Prädisposition hat gezeigt, dass es den Menschen besser gelingt, sich wieder auf alltägliche Dinge zu konzentrieren.

Dr. Alexander Jatzko, DeGPT

Wachstum = Herausforderung × Unterstützung

Die amerikanische Wissenschaftlerin Angela Duckworth fasst das in einem prägnanten Satz zusammen: Wachstum ist Herausforderung mal Unterstützung - ob von außen oder von innen. Die innere Unterstützung kann sich tatsächlich auch trainieren lassen. Etwa indem man sich jeden Abend drei Dinge überlegt, für die man dankbar ist.

Man vermutet immer, dass es in dieser Übung um Dankbarkeit geht, aber das, worum es eigentlich geht, ist ein Perspektivwechsel. Das heißt, egal was im Außen passiert, ich kann in meinem Denken und meiner Haltung dazu immer verschiedene Perspektiven einnehmen.

Dr. Judith Mangelsdorf, DGPP
Eine Mutter tröstet ihr Kind
Besonders für Trauernde ist Unterstützung wichtig. Bildrechte: imago/Panthermedia

Welche Rolle die Perspektive bei innerem Wachstum spielt, hat auch Trauerbegleiterin Silke Mayerhofer beobachtet. Selbst bei Menschen, die den Ehepartner oder das eigene Kind verloren haben. Aber das könne man nur, wenn man durch die Trauer durchgehe und auch positiv zurückblicken könne. "Und eben sagen kann: Okay, weil ich diesen Verlust erlitten habe, habe ich aber das und das und das erlebt."

Und das ist schon irgendwas, was man sich nicht ganz leicht eingesteht, weil dann kommt ja das große 'aber' - mein Mann ist immer noch tot oder mein Sohn ist immer noch tot. Und dennoch kann man rückblickend sehen: Ich wäre diesen Weg nicht gegangen, ohne das Ereignis. Und wenn der Weg gut ist, da kann man da auch was Positives sehen.

Silke Mayerhofer, Trauerbegleiterin

Natürlich bleibt ein Verlust oder der Schrecken des Erlebten. Und an Krisen zu Wachsen, ist nicht die Regel. Niemand sollte sich den Druck machen, durch Schicksalsschläge wachsen zu müssen. Das könnte im schlimmsten Fall sogar eher schaden. Und oft hilft nach der Krise vielleicht auch der einfache Blick zurück und die Erkenntnis: Ich habe es überlebt.

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