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Verwurzelung, Zeit und Schutz So kann in Sachsen demokratische Bildungsarbeit auf dem Land gelingen

04. Juni 2024, 12:51 Uhr

Es ist Wahljahr in Sachsen und die Umfragen zeigen, dass antidemokratische Strömungen an Zustimmung gewonnen haben. Deshalb ist die demokratische Bildung aktuell ein viel diskutiertes Thema. Forschende der TU Dresden haben untersucht, wie erfolgreiche Bildungsarbeit auf dem sächsischen Land gelingen kann. Die Analyse zeigt, welche Herausforderungen es gibt und wo Möglichkeiten für die Akteure vor Ort liegen.

MDR AKTUELL Autorin Kristin Kielon
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Die Situation im ländlichen Raum in Sachsen ist mancherorts sehr schwierig für Menschen, die politische Bildungsarbeit leisten, sagt David Jugel von der John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie (JoDDiD) an der TU Dresden. Auf dem Land herrschten andere Sozialformen. "Es gibt eine viel geringere Anonymität als in der Stadt", erklärt der Forscher.

Die Beziehungs- oder Konformitätsbarrieren, die dadurch entstünden, hätten natürlich auch Einfluss auf politische Bildungsarbeit. Gleichzeitig mache der ländliche Raum in Sachsen den größten Teil der Fläche aus. "Dieser wichtige Raum wird oft vernachlässigt, weil viele Perspektiven aus dem urbanen Raum stammen", so Jugel. Gemeinsam mit seiner Kollegin Celina M. Hertel hat er sich deshalb bewusst auf die spezifischen Bedingungen auf dem Land konzentriert.

Die John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie (JoDDiD) Die John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie versteht sich als Innovationszentrum im Feld politischer Bildung und hat die Aufgabe, neue Formate, Methoden und Vermittlungskonzepte zu erforschen, fortzuentwickeln und sichtbar zu machen. Sie unterstützt damit sächsische Akteur:innen der außerschulischen Bildung bei der Vorbereitung, Neuentwicklung und reflexiven Bewertung von Angeboten zur politischen Bildung vor dem Hintergrund einer herausfordernden gesellschaftlichen Lage. Der Fokus der Forschungsstelle ist in diesem Zusammenhang insbesondere auf den Bereich der außerschulischen politischen Jugend- und Erwachsenenbildung gerichtet.

Quelle: TU Dresden

Qualitative Forschung mit Akteuren vor Ort

Die Analyse bezieht sich ganz konkret auf Akteurinnen und Akteure vor Ort. Das Forschungsteam hat dafür mit insgesamt 20 Personen qualitative Befragungen durchgeführt. Zusätzlich gab es noch eine Gruppenwerkstatt, in der die Menschen aus dem ländlichen Raum vor allem miteinander kommuniziert hätten, so Jugel. Bei den Befragten handle es sich um Praktikerinnen und Praktiker aus Projekten vor Ort sowie Personen, die in koordinativen Rollen tätig seien.

Die Ergebnisse der qualitativen Untersuchung ließen zwar keine repräsentativen Ableitungen zu, aber es gehe dabei auch vielmehr um die Zusammenhänge, sagt der Dresdner Forscher. "Natürlich sind die beispielhaft. Wir konnten in der Studie auch Ergebnisse aufzeigen, die sich mit anderen Forschungsergebnissen decken oder sehr ähnlich sind."

Soziale Nähe bei wenig Zeit

Die Studie zeigt mehrere Spannungsfelder zwischen Potenzial und Herausforderung auf, in denen sich Praktikerinnen und Praktiker in der Bildungsarbeit bewegen. "So ein Spannungsfeld ist zum Beispiel, dass die sozialen Beziehungen gleichzeitig einen Zugang bieten. Man kann viel leichter ins Gespräch kommen, weil die Kontakte direkter sind", so Jugel. "Auf der anderen Seite kann das auch wie soziale Kontrolle wirken und wenn man in Konflikte gerät, dann sind die Zugänge schwieriger."

Demonstration
Politische Bildung sollte von den Menschen vor Ort gemacht werden, raten die Forschenden. Bildrechte: MDR/Konstantin Henß

Ein weiterer Befund, der "vielleicht nicht überraschend", sei, "dass es im ländlichen Raum tatsächlich immer stärkere, auch gefestigte rechte Strukturen gibt, die mit Angriffen oder mit Anfeindungen auf die Bildungsarbeit reagieren", erklärt der Dresdner Forscher. Ein großer Vorteil im ländlichen Raum sei allerdings, dass viel mehr Freiräume bestünden als in der Stadt. "Durch Leerstand sind zum Beispiel Gebäude oder Flächen frei, die genutzt werden können für Bildungsangebote", sagt Jugel. Die lägen teilweise mitten im Dorfkern oder am Marktplatz kleiner Städte. Diese Räume könnten von Bildungsprojekten erschlossen werden. "Es fällt den Projekten aber durchaus schwer, diese neuen Ideen dann auch konsequent umzusetzen", bilanziert Jugel.

Anders als in der Stadt kann man sich nicht aus dem Weg gehen.

Teilnehmer der Studie

Die Analyse offenbart auch Strategien, wie Bildungsangebote die Menschen in ländlichen Gebieten überhaupt erreichen können. Denn schon allein die Zeit ist hier ein knappes Gut, sagt der Forscher. Aufgrund der demografischen Struktur und landwirtschaftlicher Betätigung seien die Menschen sehr stark eingebunden." Deshalb seien Projekte erfolgreich, die Orte und Interessen der Menschen vor Ort aufgreifen und dort hingehen, wo sie ohnehin schon sind. "Ob das jetzt die Freiwillige Feuerwehr ist, der Gartenverein oder der Schützenverein, wenn man da in Kooperationen geht und zusammenkommt, dann kann da was gelingen", so Jugel. "Wir hatten ein Beispiel, da hat man mit der Freiwilligen Feuerwehr kooperiert und gesagt, wir machen eine Fahrt zu einer professionellen Feuerwehr und dann hängen wir ein Bildungsangebot an und thematisieren da zum Beispiel den Holocaust."

Eine weitere erfolgreiche Strategie seien sogenannte lebensweltliche Entlastungsangebote. Dabei gehe es um Projekte wie Reparaturwerkstätten oder Kleidertauschbörsen. "Dann schaut man, wo ist der politische Ansatzpunkt und unterstützt mit seinem Angebot entlastend die Zielgruppe. Dann findet man da auch zusammen", meint der Forscher. Wichtig für die Bildungsarbeit auf dem Land sei aber vor allem auch, dass die Menschen, die sie machen, tatsächlich auch aus der Region kommen, sagt Jugel. Die Verankerung und die Bindung zu den Personen vor Ort aufzubauen, dauere nämlich sehr lange. Entweder man investiere diese Zeit oder die Akteure hätten diese Bindung schon, weil sie aus der Region kämen.

Politische Rahmenbedingungen müssen Sicherheit schaffen

Doch die Forschenden haben nicht nur Erkenntnisse für die Praxis gewonnen, sie haben auch konkrete Handlungsempfehlungen an Kommunal- und Landespolitik. Das Land müsse vor allem für finanzielle Sicherheit sorgen. Bildungsprojekte im ländlichen Raum aufzubauen, brauche Zeit und sei ein Prozess, konstatiert Jugel. "Man macht da nicht eine Veranstaltung und dann rennen die Leute einem die Bude ein, sondern man muss sich etablieren in diesem Raum, man muss akzeptiert werden." Deshalb reiche es hier nicht, Projekte nur ein oder zwei Jahre zu fördern, sondern es brauche längere Förderzeiträume und eine anteilige Grundfinanzierung, die nicht ständig neu beantragt werden müsse.

Bei der Kommunalpolitik sei es dagegen wichtig, dass sie als Vernetzung- und Koordinationsstellen vor Ort auftreten und Bürgerbeteiligung, Gemeinwesenarbeit und politische Bildung auch als einen wichtigen Auftrag ansehen, kritisiert der Dresdner Forscher. Die Kommunalpolitiker und –politikerinnen müssen demnach eine Offenheit gegenüber demokratischen Bildungsprojekten entwickeln. "Teilweise werden Projekte diffamiert von der Kommunalpolitik, dass da Linksradikale arbeiten würden, wobei es letztlich um Demokratiearbeit geht. Da braucht es Kooperationsbereitschaft und Offenheit", erklärt der Forscher.

Jugel betont, dass es für eine funktionierende Demokratie sowohl in Städten als auch auf dem Land Angebote und Räume braucht, um diese Staatsform immer wieder erlernen zu können. "Ich glaube, neben vielen anderen Gründen ist ein Grund, warum wir eine schwierige politische Situation in Sachsen haben, dass darauf in der Vergangenheit zu wenig Wert gelegt wurde." Das habe sich erst seit kurzem verändert, so Jugel. "In Zukunft sollte politische Bildung und demokratische Bildung entsprechende Rahmenbedingungen erhalten, damit sie auch erfolgreich sein kann."

(kie)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Nachmittag | 01. Mai 2024 | 14:15 Uhr

11 Kommentare

MDR-Team vor 7 Wochen

Hallo Diskus, wir entschuldigen uns für die missverständliche Wortwahl. Wir meinten Schüler und Schülerinnen im Kontext der Bildungsarbeit, das können natürlich auch erwachsene Personen sein.

MDR-Team vor 7 Wochen

Da haben Sie dem Artikel aber eine ganz bestimmte Interpretation verpasst. Es geht lediglich darum, die Schüler und Schülerinnen selbst zu ermächtigen - in Punkto Meinungsbildung und politischer Bildung. Welches Wahlverhalten am Ende dabei heraus kommt, hängt dann natürlich von den individuellen Lebensumständen, der Person, den Einstellungen etc. ab.

Diskus vor 7 Wochen

Das ungebildete sächsische Landvolk braucht also Nachhilfe in politischer Bildung damit es „richtig“ wählt? Diese Arroganz verschlägt einem die Sprache.

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