Illustration: Eine Aufstelltafel zeigt eine Frau mit Brille. Rechts von ihr ist eine Liste zu sehen. Die erste Zeile wird von einem roten Kreuz angeführt. Die drei weiteren Zeilen sind mit grünen Haken versehen. 4 min
Bildrechte: Sophie Mildner/MDR Wissen
4 min

Anders als viele Wähler glauben setzen Parteien in der Regel um, was sie im Wahlkampf angekündigt haben. Das zeigen politikwissenschaftliche Studien

MDR KULTUR - Das Radio Mi 17.04.2024 14:57Uhr 03:37 min

https://www.mdr.de/wissen/audios/parteien-halten-ihre-wahlversprechen-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Politikwissenschaften Studien: Parteien halten ihre Wahlversprechen viel häufiger als angenommen

04. Mai 2024, 13:34 Uhr

Sehr viele Menschen in Deutschland glauben, dass Parteien ihre Wahlversprechen nicht einhalten. Studien allerdings belegen das Gegenteil. Eine aktuelle Arbeit der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass die aktuelle Ampel-Regierung bereits 64 Prozent ihrer Koalitionsversprechen umgesetzt oder deren Umsetzung angestoßen hat.

"Die Ampel hat mehr als 450 einzelne Regierungsvorhaben vereinbart. Sie hat bereits zur Halbzeit etwa ein Drittel vollständig und ein weiteres Drittel zumindest teilweise erfüllt, ist also substanziell dabei, das zu erfüllen", erklärte Professor Robert Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung MDR WISSEN. "Ich finde, das ist eine Halbzeitbilanz, die sich wirklich sehen lassen kann."

Ampel mit 450 Koalitionsversprechen – mehr als unter Merkel

Vehrkamp weist darauf hin, dass allein die Zahl von 450 Koalitionsversprechen ein ambitioniertes Ziel der Ampel ist. Die Vorgängerregierung unter Angela Merkel habe sich lediglich auf 300 Vorhaben beschränkt. "Ich kann die Politik der Ampel falsch finden oder Anhänger einer anderen Partei sein und sagen, da hätte ich mir gern etwas Anderes gewünscht", erläutert Vehrkamp. "Was man jedoch nicht sagen kann, dass die Ampel nicht das tut, was sie den Wählerinnen und Wählern versprochen hat."

Robert Vehrkamp
Professor Robert Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung: "Halbzeitbilanz, die sich sehen lassen kann." Bildrechte: Robert Vehrkamp

Beispielsweise sei nach jahrzehntelanger Diskussion ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschlossen, eine Wahlrechtsreform durchgeführt und die Staatsangehörigkeit reformiert worden. Zudem habe die Ampel gleich zu Beginn der Legislatur die Klimagesetzgebung erneuert, die "jetzt dazu führt, dass wir die Klimaziele, zu denen wir uns verpflichtet haben, auch tatsächlich einhalten."

Viele beschäftigen sich nicht professionell mit Politik

Warum aber nehmen die Menschen die Politik so viel unzuverlässiger wahr, als sie tatsächlich ist? Für Vehrkamp ist eine Erklärung sehr einfach: "Die meisten Menschen beschäftigen sich nicht professionell mit Politik. Sie laufen nicht ständig mit Koalitionsvertrag herum, was davon umgesetzt wird und was nicht", erklärt der Forscher von der Bertelsmann-Stiftung.

Hinzu kommt: "Wir haben nach der Corona-Krise, nach der Ukraine-Krise, nach der Inflations- und Wirtschaftskrise natürlich alle eine sehr schwere Zeit, die Gesellschaft findet sich unter Stress und viel davon bekommt in der allgemeinen Zuschreibung die verantwortliche Regierung."

Die meisten Menschen beschäftigen sich nicht professionell mit Politik. Sie laufen nicht ständig mit Koalitionsvertrag herum, was davon umgesetzt wird und was nicht.

Umfragen immer weniger Vorhersagen für tatsächliche Wahlergebnisse

Dass der breiten Mehrheit der Wähler politische Detailkenntnisse fehlen und dass sich gegenwärtig Krisen auftürmen, sind für den Forscher Vehrkamp jedoch nur ein Teil der Gründe für die Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität.

Er sieht zudem eine starke Wirkung von emotionalen Stimmungen auf Umfragen in der Politik. "Ein zweiter Punkt: Wir sehen natürlich auch, dass Umfragewerte immer stärker stimmungsgetrieben sind und die Stimmung ist im Moment in vielen Teilen der Gesellschaft schlecht und davon bekommt die Ampel-Regierung sehr viel ab", erklärte Vehrkamp. "Umfragen sind auch immer weniger Vorhersagen für die tatsächlichen Wahlergebnisse."

Umfragen sind auch immer weniger Vorhersagen für die tatsächlichen Wahlergebnisse.

Forschende aus Konstanz: Die Mehrheit glaubt nicht, dass Versprechen eingehalten werden

Auch Wissenschaftler an der Universität Konstanz beschäftigen sich in zwei Studien mit Versprechen in der Politik. Sie untersuchen allerdings nicht die Koalitionsversprechen, sondern die Versprechen, welche die Parteien vor ihrer Wahl gegeben haben – in Deutschland und in Frankreich.

Dr. Elisa Deiss-Helbig, Politikwissenschaftlerin Universität Konstanz
Dr. Elisa Deiss-Helbig, Politikwissenschaftlerin Universität Konstanz: Etwa 60 Prozent der Versprechungen von Regierungen wurden zumindest teilweise umgesetzt. Bildrechte: Dr. Elisa Deiss-Helbig

Die Politikwissenschaftlerin Elisa Deiss-Helbig wollten zunächst in zwei Umfragen wissen, was Menschen erwarten: Setzen gewählte Parteien ihre Versprechen auch um? "Ein Großteil unserer Befragten, 60 Prozent plus, sind der Meinung, dass die Regierung und die Parteien im Allgemeinen keine bis sehr wenigen Wahlversprechen umsetzen", erklärte die Forscherin. "Wir erleben hier eine relativ negative Sicht auf die Umsetzungsquote der Parteien."

Ein Großteil unserer Befragten, 60 Prozent plus, sind der Meinung, dass die Regierung und die Parteien im Allgemeinen keine bis sehr wenigen Wahlversprechen umsetzen.

Elisa Deiss-Helbig Politikwissenschaftlerin Universität Konstanz

Analyse: Etwa 60 Prozent der Versprechen aus Wahlprogrammen werden umgesetzt

Auch Deiss-Helbig kommt mit ihrem Team zu dem Ergebnis, dass die Parteien sehr viele Versprechen umsetzen. "Mein Kollege hat die Analyse für Deutschland umgesetzt. Darin ist er zu dem Schluss gekommen, dass etwa 60 Prozent der Versprechen der Regierung zumindest teilweise umgesetzt worden. In Ländern mit Einparteienregierungen sind die Anteile auch noch höher."

Es ist also genau umgekehrt, wie die Befragten der Studie annehmen. Statt Bruch der Versprechen ist ihre Erfüllung die Regel.

Etwa 60 Prozent der Wahlversprechen der Regierungen sind zumindest teilweise umgesetzt worden.

Verschiedenes Verständnis von Wahlversprechen

Ein Grund für die Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität könnte laut Deiss-Helbig darin liegen, dass Wissenschaftler und Allgemeinheit verschiedene Dinge als Wahlversprechen verstehen. Die Wissenschaft betrachte konkrete Forderungen wie etwa das Versprechen, eine Reform durchzuführen oder ein Gesetz zu ändern. Die Bevölkerung hingegen nehme eher schwammige Ankündigungen wie beispielsweise, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren oder den Fachkräftemangel einzudämmen, als Versprechen.

Motiviertes Denken blockiert Informationen, die nicht zum eigenen Bild passen

Zudem spielen laut Deiss-Helbig nüchterne Fakten manchmal nur eine Nebenrolle in der Wählergunst. Relevant sei auch das sogenannte "motivierte Denken": "Bei der Bewertung von Politik spielen auch allgemeine Einstellungen und Parteineigungen eine Rolle", erklärte sie. "In der Psychologie gibt es hier den interessanten Begriff des "motivierten Denkens". Neue, vielleicht positive Informationen, würden dabei gar nicht aufgenommen, wenn sich vorher ein ohnehin negatives Bild etabliert habe.

Wer sich also vorgenommen hat, die Arbeit einer Regierung schlecht zu finden, lässt sich mitunter nicht mehr vom Gegenteil überzeugen, selbst wenn es stimmt.

Mehr Fairness in den Debatten

Verhkampf von der Bertelsmann-Stiftung erklärt, die Ampel sei deutlich besser als ihr Ruf ist. Er plädiert für Fairness in der Diskussion. "Wer Dankbarkeit erwartet, sollte nicht in die Politik gehen. Doch ich finde, dass wir uns alle um eine faire, sachliche Diskussion bemühen sollten", sagte Vehrkamp. "Was die Regierung hinbekommt, was sie aber auch nicht hinbekommt, das sollte man deutlich kritisieren. Doch die Fairness darf nicht auf der Strecke bleiben."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 26. April 2024 | 07:32 Uhr

9 Kommentare

part vor 11 Wochen

Blickt man etwas genauer hinter die Kulissen des Politbetriebes, dann wird man merken, dass hier nur Lobbypolitik umgesetzt wird und der Bürger als letztes Glied in der Kette die Rechnung für den Abbau oder Zerfall seiner Infrastruktur zu bezahlen hat. Was ich erschreckend wahrnehme, in den vergangenen Jahrzehnten sind immer mehr Verbote per Gesetz in allen Bereichen des Lebens, ob aus Brüssel oder Berlin angeregt. Jene Gesetzesänderungen, die sogar durch das Bundesverfassungsgericht an gerügt werden, brauchen dagegen oftmals bis zum Sanktnimmerleinstag bis zur Abstimmungsaufnahme. Die Partei- oder Koalitionsdisziplin der einzelnen Abgeordneten lässt dann ebenfalls an deren Souveränität zweifeln. Ich konstatiere daher, für mich hat sich nichts verbessert durch die Politik der letzten Jahrzehnte, eher im Gegenteil, wobei ich auch nicht an irgendwelche Wahlversprechen geglaubt habe.

ellwood01 vor 12 Wochen

Ich lebe seit 1997 in Deutschland und seit dem hat sich sehr viel verändert. Aber nicht zum besseren 😉 seit kurzem ist es sehr schwierig hier zu leben.. 😄 Aber ich liebe es hier zu leben. 😊😅😆

Fakt vor 12 Wochen

@Thorbjoert:

Dass die Grünen sich für die Unterstützung der von Zar Putin völkerrechtswidrig angegriffenen Ukraine einsetzen und auch Waffenlieferungen befürworten zeigt, dass die Grünen in der Lage sind, sich neuen Situationen anzupassen und nicht in einer Ideologie gefangen sind. Was genau haben Sie nun gegen Parteien, die flexibel reagieren können?

Mehr zum Thema