Untersuchung TU Dresden Angst vorm Zahnarzt – wie Mütter ihre Kinder beeinflussen

Wenn schon Kleinkinder Karies haben, könnte dahinter auch die Angst der Mutter vor Zahnbehandlungen stecken. Zu diesem Schluss kommt eine Dresdner Studienarbeit – und gibt Hinweise, was man gegen die Angst tun kann.

Karies
Kariöse Zähne: Das Verhältnis der Mutter zur Mundhygiene spielt eine entscheidende Rolle. Bildrechte: Hochschulmedizin Dresden/Gabriele Bellmann

Können Sie sich noch an Ihren ersten Besuch beim Zahnarzt erinnern? Ich schon. Ein Loch im Milchzahn, der Zahnarzt bohrte drauf los, irgendwer hielt mich fest, in meinem Mund rumpelte und im Kopf sirrte es, kaltes Metall drückte auf die Unterlippe, ein harter Schlauch saugte und gurgelte vor sich hin. Hochbetrieb in meinem winzigen Kindermund, Panik flutete mich, so, wegen Überfüllung geschlossen, mach ich eben den Mund zu. Und erst nach viel gutem Zureden wieder auf. Weil mir jemand erklärte, dass der Arzt all das Zeug in meinem Mund noch brauche. Dass danach munter und gut festgehalten weitergebohrt wurde, war der Grundstein für ein lange Zeit sehr ambivalentes Verhältnis zur Zahnmedizin. Kennen viele, die in einer Zeit groß wurden, als eher gebohrt als geredet wurde.

Ausgestorben ist die Angst vorm Zahnarzt aber heute auch noch nicht. 19 Prozent der Bevölkerung hat vor jedem Zahnarztbesuch Angst, zeigt eine forsa-Befragung von 1.000 Personen. Acht Prozent der Bevölkerung geben laut der Krankenkasse tk an, aus Angst eine zahnärztliche Behandlung sogar ganz zu unterlassen. Und Mütter scheinen dabei eine große Rolle zu spielen, sagt die jetzt veröffentlichte Studienarbeit von Dr. Uta Knoblauch. Sie forscht in der Dresdner Uniklinik in der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik mit einem interdisziplinären Team im Bereich der Psychosomatischen Medizin und der Zahnmedizin.

Kinder lernen Angst vor Zahnbehandlungen von Müttern

Ihre Forschungsarbeit liefert nun Anhaltspunkte dafür, dass sich die Angst der Mütter auf die Mundgesundheit der Kinder auswirkt. Für ihre Arbeit befragte Dr. Uta Knoblauch Mütter von drei- und vierjährigen Kindern zu Symptomen verschiedenster psychischer Erkrankungen, sowie zu soziökonomischen Faktoren wie Bildung, Berufsstatus und Einkommen der Familien. Dabei wurde eine Gruppe von 60 Kindern mit frühkindlicher Karies mit 60 kariesfreien Kindern verglichen.

Frau mit Brille
Dr. Uta Knoblauch Bildrechte: privat

Die Auswertung der Daten zeigte: Mütter von Kindern mit frühkindlicher Karies hatten selbst eine deutlich erhöhte Zahnbehandlungsangst. Und es zeigte sich auch, dass diese Mütter in ihrer Kindheit häufiger Missbrauch oder Vernachlässigung erlebt hatten, rauchten und einem niedrigeren Sozialstatus angehören. Doch was heißt das für die Zahnmedizin bzw. für Kinder, deren Mütter Angst vor Zahnbehandlungen haben? Diese psychosozial belasteten Mütter müssen frühzeitig erkannt werden, sagt Dr. Knoblauch, dann könnten zum Beispiel Präventionsmaßnahmen für bessere Mundgesundheit bei Müttern und dadurch auch bei deren Kindern sorgen

Aber wie erreicht man diese Frauen, wie können sie lernen und ihren Kindern vorleben, dass der Besuch in der Zahnarztpraxis kein Anlass für Angst, sondern eine Routine-Angelegenheit ist, die dabei hilft, das Gebiss gesund zu erhalten und schmerzhaften Behandlungen vorzubeugen? Besuche in der Praxis, ohne dass akut behandelt werden muss, Erklärungen der Instrumente, zeigen, wie der Behandlungsstuhl auf- und abfährt, vorführen, welche Geräusche einzelne Arbeitswerkzeuge machen: Wissen nimmt Angst. Dr. Knoblauch rät: "Auch ein Kennenlerngespräch ohne Behandlung kann helfen, eine tragfähige Vertrauensbasis zu schaffen, über Befürchtungen zu sprechen und erste, wenig angstbesetzte Behandlungen (bspw. ein Röntgenbild) zu planen. Um in der Zahnbehandlung das Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit zu stärken, können bereits Stopp-Signale zum Unterbrechen und das Besprechen jedes Behandlungsschrittes hilfreich sein."

Ein Kind wird von einem Zahnarzt untersucht. 24 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch Menschen mit massiver Zahnbehandlungsangst ist zu helfen. Also denen, die Behandlungen vermeiden oder jahrelang nicht zum Zahnarzt gehen, so Knoblauch. "Zahnbehandlungsphobien lassen sich erfahrungsgemäß mit Verhaltenstherapie mit gutem Erfolg in nur wenigen Psychotherapiesitzungen behandeln." Wichtig ist eben, dass die Erkrankung diagnostiziert wird. Wer mit solchen Ängsten lebt, kriegt an der Stelle die nächste Schnappatmung: Therapie, wo fängt man denn an nach einem Verhaltenstherapeuten zu suchen? "Hier helfen Hausärzte und Hausärztinnen weiter und die Kassenärztlichen Vereinigungen bieten auf ihren Websites Therapeutensuchfunktionen", rät Dr. Uta Knoblauch.

Allerdings scheint auch der oft niedrigere Bildungsgrad der Mütter und das daraus resultierende Armutsrisiko die Zahngesundheit der Kinder negativ zu beeinflussen, sagt Dr. Knoblauch. Offenbar muss man auch da ansetzen, oder wie Studienmitautor Professor Christian Hannig sagt, "anhand der Forschungsergebnisse könnten und sollten Präventionsstrategien neu gedacht werden, um die Risiken für die Zahngesundheit von Kindern zu erkennen".

Welche Rolle spielen Väter, wenn es um die Kinderzähne geht?

Aber was ist mit den Vätern, welche Rolle spielen die, wenn es um die Zähne der Kinder geht? "Erfahrungsgemäß sind Ernährung, Zähneputzen und zahnärztliche Vorsorge beim Kleinkind in vielen Familien noch eine primär mütterliche Aufgabe", sagt Dr. Knoblauch. "Wir hätten gern beide Elternteile befragt. Aber es kann das Antwortverhalten beeinflussen, wenn sich Eltern über die Inhalte austauschen. Gerade bei sensiblen Themen wie Belastungen in der Familie und Traumatisierungen, ist die Anonymität ein wichtiger Faktor, damit Frauen keine Konsequenzen und kritische Rückfragen fürchten müssen. Die Untersuchung des Einflusses der Väter wäre ein wichtiges Ziel für weiterführende Forschung. Bisher gibt es hier zu wenig Daten."

Zahnbehandlung mit Vater in der Praxis
Vielleicht erst mal nur gucken, was es alles in der Praxis gibt. Fühlen sich die Eltern wohl, färbt das naturgemäß auch auf den Nachwuchs ab. Bildrechte: IMAGO / Westend61

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