Hirnforschung Das Gehirn wird vom Lernen glücklich

Viele Schüler machen in der Schule oft eine andere Erfahrung, aber eigentlich sind Lernen, Glück und Freude im Gehirn direkt verknüpft. Und zwar aus gutem Grund: Je voller das Hirn, desto besser lernt es.

von Karsten Möbius

Einen gewöhnlichen Schultag in Deutschland kriegt man gerade so überstanden: Langeweile, Schulstoff, der einen nicht vom Hocker reißt, und dann noch die Angst vor der Leistungskontrolle, weil man zu Hause nichts gemacht hat. Kennt jeder. Von Lust auf Lernen also keine Spur. Das ist echt verwunderlich. Denn die Lust am Lernen hat uns die Natur eingebaut.

Seit Anbeginn ist diese Lust, Dinge besser zu verstehen, unsere Überlebensgarantie, sagt Professor Manfred Spitzer, Chef der psychiatrischen Universitätsklinik Ulm. "Wir Menschen können nicht tauchen und nicht fliegen, wir haben eigentlich nix Besonderes drauf. Außer, dass wir ein großes Gehirn mit uns rumschleppen und richtig viel lernen können."

Durch Neugierde wird Dopamin im Gehirn ausgeschüttet

Dr. Volker Busch
Dr. Volker Busch, Neurologe Bildrechte: Volker Busch

Unser Gehirn hat neben der Steuerung von grundlegenden Körperfunktionen nur eine einzige weitere Aufgabe: Lernen. "Lernen ist das Grundprinzip unseres Gehirns. Wenn wir unser zentrales Nervensystem definieren wollten, könnten wir sagen, es ist ein Lernorgan", sagt der Neurologe Volker Busch. "Unser Gehirn macht fortwährend nichts anderes als Reize aus der Umwelt aufnehmen, sie zu Inhalten verarbeiten. Diese Inhalte gleicht es mit Erfahrungen ab und produziert daraus Erwartungen an die Umwelt beziehungsweise Prognosen an eine Zukunft."

Jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde passiert genau das, sagt Busch. Damit wir unser Gehirn mit den entscheidenden Informationen versorgen, damit es das bekommt, was es braucht, um uns handlungsfähig zu machen, hat uns die Natur die Eigenschaft zur Neugier mitgegeben. "Neugierde hat ihren Sinn. Wenn wir neugierig auf etwas sind und etwas in freudiger Erwartung vor uns hertragen, dann schütten unsere Gehirne einen Botenstoff aus, der sich Dopamin nennt", sagt der Neurologe.

Dopamin ist Flüssigdünger für das Gehirn

Dopamin, Dopamin? Hm, da war doch was. Das ist doch eins der Glückshormone? Richtig, sagt Professor Spitzer. Denn Lernen, Glück und Freunde sind evolutionär eng miteinander verbunden. "Was man Neugierde nennt, ist eine Art Vorglühen des Glückszentrums. Wenn die Information kommt, wird sie gelernt, ganz schnell. Das genau macht das Zentrum, was uns auch Glücksgefühle bereitet. Es sorgt für ganz rasches Lernen, wenn wir neugierig sind."

Neurologe Volker Busch formuliert das etwas anders: "Dieses Dopamin scheint in Bezug auf die Lernvorgänge im Gehirn den Nervenzellen zu helfen, das Gelernte besser zu verarbeiten. Die Zellen können sich besser miteinander vernetzen und möglicherweise ist es sogar auch ein Wachstumsfaktor. Manche Autoren sagen: Dopamin ist eine Art Flüssigdünger für das Gewächshaus Gehirn."

Glückszentrum reagiert auf schöne und neue Reize

Das Glückshormon Dopamin hat offenbar gleich mehrere Funktionen und Effekte beim Lernen. Das hat sich die Natur also gut ausgedacht. Die Kombination von Glückshormon und Lernkatalysator kann kein Zufall sein, ist sich Neurologe Busch sicher: "Alles, was Ihnen Freude macht, machen Sie gern. Sie wollen es wiederholen. So kommen Sie in einen Kreislauf, der letztlich lebenslanges Lernen bedingt", sagt der Wissenschaftler. "Essen oder Sexualität, wenn die uns nicht Spaß gemacht hätten in der Vergangenheit, hätten wir sie nicht getan. Deswegen war es sinnvoll, dass da Dopamin ausgestoßen wird. So wiederholen wir es und überleben"

Dieser komplexe Prozess von Glückshormonen, Neugier und Lernen hat noch ein kleines aber entscheidendes Sahnehäubchen. Manfred Spitzer sagt, das Glückszentrum schlägt regelrecht Purzelbäume und der Lernturbo kommt so richtig in Fahrt, wenn das, was passiert, eine ganz spezielle Eigenschaft hat: "Das Glückszentrum geht nicht einfach an, wenn was Schönes passiert. Es geht an, wenn was neues Schönes passiert, das wir noch nicht wissen!"

Umso voller das Gehirn schon ist, umso besser lernt es Neues

Neue, unbekannte Dinge sind also für unser Hirn und unser Glückszentrum genau das, worauf sie lauern. Immer mit dem Ziel, neue Erkenntnisse für unser Überleben zu sammeln. Und das Verrückte an unserem Gehirn ist, dass es gar nicht genug Informationen bekommen kann. Es gibt offenbar keine Obergrenze der Summe an Informationen. Im Gegenteil, sagt Spitzer, je mehr Informationen drin sind, desto perfekter funktioniert es

Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm
Prof. Manfred Spitzer, Chef der psychiatrischen Universitätsklinik Ulm Bildrechte: imago/Jürgen Heinrich

Unser Gehirn ist kein Schuhkarton. Wenn der halb voll ist, passt noch die andere Hälfte hinein. Unser Gehirn ist ein paradoxer Schuhkarton. Je mehr da schon drin ist, desto mehr passt noch rein. Also wenn Sie fünf Instrumente können, lernen Sie das sechste schneller als einer, der noch kein Instrument kann. Wenn Sie schon 25 Werkzeuge bedienen können, lernen sie das 26. schneller als einer, der noch gar keine Werkzeuge bedienen kann. Dumm gelaufen ist es, wenn sie 17 oder 20 sind - also schon etwas älter - und es ist noch nix im Hirn drin. Dann passt auch nichts mehr rein.

Manfred Spitzer

Lerninhalte sollten interessant sein

Da soll es ja auf diesem Planeten tatsächlich einige geben, bei denen der Schuhkarton offenbar bis zum zwanzigsten Lebensjahr leer geblieben ist. Da hat das mit der Neugier, dem Glückshormon und dem Lernen offenbar nur begrenzt funktioniert. Nicht ganz unschuldig daran könnte unser Schulsystem sein, in dem Spaß am Lernen und echte Neugier eher eine untergeordnete Rolle spielen.

Wenn man so hört: Wie reden wir über Lernen? Die Schule ist der Ernst des Lebens und die Penne und Pauken macht keinen Spaß. Daran sieht man, wie weit wir von einer guten Lernumgebung entfernt sind. Es sollte Spaß machen, die Inhalte selber müssen interessant sein. Und wenn sie das sind, dann wird ganz schnell gelernt und wir fühlen uns dabei richtig wohl.

Manfred Spitzer

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2019, 16:55 Uhr

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