Wanderung Werden Wölfe das Erzgebirge erobern?

Bislang sind Wölfe vor allem in der Lausitz bekannt. Doch sie wandern weiter. Nachdem ein Rudel auf dem Kamm des Erzgebirges nachgewiesen wurde, suchen Wolfsforscher fieberhaft nach Indizien, um das Vorkommen der scheuen Räuber zu bestätigen.

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Heulende Wölfe 5 min
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Sven Erlacher und Paul Lippitsch sind auf Spurensuche bei Marienberg im Erzgebirge. Die aufgewühlte Erde: Ganz klar Wildschwein. Doch die beiden Forscher sind auf der Suche nach etwas ganz anderem: Wolfslosung, also Kot. Er enthält Haare, Knochen und Zähne von anderen Tieren, die dann Rückschlüsse darauf ermöglichen, was der Wolf gefressen hat.

Was für Außenstehende klingt wie ein banales Detail, eine Randnotiz, bedeutet für Erlacher und Lippitsch einen großen Teil ihrer Forschung. Sven Erlacher ist Biologe am Chemnitzer Museum für Naturkunde. Zusammen mit Paul Lippitsch vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz hat er sich der Suche nach dem Wolf verschrieben. In fast kriminalistischer Kleinarbeit klauben sich die Wissenschaftler Indizien zusammen und hoffen auf den Durchbruch. "Ich habe begonnen, mich mit dem Thema zu beschäftigen, als ich gesehen habe, wie sehr der Wolf polarisiert", sagt Erlacher. "Das ist schon beeindruckend, wie ein normales Wildtier - in meinen Augen - die Gemüter so erregen kann."

Wissenschaftliches Jagen

"Faszinierend an der Wolfsforschung für mich ist auch, dass sie etwas Kriminalistisches an sich hat. Also Spurensuche", erklärt Erlacher. "Man sieht ja das Tier fast nie, doch von Indizien lässt sich unglaublich viel ableiten. Es ist eine Art wissenschaftliches Jagen." Doch Erlacher und Lippitsch "jagen" gerade nicht in der Lausitz, in der Wölfe schon bekannt sind. Sie stehen mitten im Erzgebirge. Der Grund: Auch hier vermuten sie Wölfe. Ihre These: Die Wölfe wandern weiter gen Westen und werden sich auch hier niederlassen.

Ein Wolf in einem herbstlichen Wald
Viele Indizien: "Wissenschaftliches Jagen" auf den Wolf in Westsachsen. Bildrechte: colourbox

Erstes Wolfsrudel auf dem Kamm des Erzgebirges gesichtet

Das erste Wolfsrudel ist den Forschern zufolge vor zwei Jahren direkt auf dem Kamm des Erzgebirges gesichtet worden. "Es gelang uns, auf tschechischer Seite hier oben auf dem Erzgebirgskamm ein Wolfsrudel nachzuweisen, das sogenannte Výsluní-Rudel oder Výsluní-Territorium, welches diese besetzen“, erklärt Lippitsch vom Görlitzer Senckenberg Museum, der im deutsch-tschechischen Forschungsprojekt OWAD mitwirkt. Weil es seine Welpen auf tschechischer Seite bekommen habe, werde das Rudel offiziell zu Tschechien gezählt, auch wenn es oft, wie Bilder zeigen, auf deutscher Seite unterwegs ist. Ein Wolf kennt eben keine Ländergrenzen.

Wölfe bislang nur im Flachland

Für Lippitsch ist das Wolfsrudel aus dem Erzgebirge etwas Besonderes: "Wir kannten Wölfe in Sachsen bislang nicht aus Gebirgslagen." Käme nun ein Wolfsrudel direkt auf den Kamm des Erzgebirges, wäre das für einen Forscher wie ihn spektakulär. Letztlich bedeutet es: Der Wolf bereitet sich weiter aus. Der Wolf passt sich an Lebensräume an. Der Wolf zieht gen Westsachsen. Offiziell gibt es in Sachsen 22 Wolfsrudel. Davon ist jedoch kein einziges in Westsachsen wissenschaftlich nachgewiesen. Genau das wollen die Forscher aus Chemnitz und Görlitz ändern.

Wolf in Fotofalle bei Marienberg

Ein Wolf von einer Wildkamera aufgenommen
Bei Crimmitschau ist der Wolf in die Fotofalle eines Jägers getappt. Bildrechte: private Wildkamera

Doch so einfach ist das alles nicht. Zwar gibt es vereinzelte Bilder von Wildtierkameras. Erst vor wenigen Wochen ist den Forschern bei Marienberg ein Wolf in die Fotofalle gelaufen. Zum wissenschaftlichen Nachweis gehört jedoch mehr als nur ein Foto. "Um einen Wolf als sesshaft nachzuweisen, muss er sich eben für ein halbes Jahr in einem Gebiet aufgehalten haben", erklärt Erlacher. "Dieser Nachweis lässt sich nur genetisch zu erbringen, deshalb braucht man Proben. Daran scheitert es aber im Augenblick."

Forscher bitten Bevölkerung um Mithilfe

Dabei setzen die Wissenschaftler auch auf die Hilfe der Bevölkerung. Auf der Facebook-Seite "Wolf Westsachsen" informiert das Naturkundemuseum Chemnitz nicht nur, dort können auch Hinweise abgegeben werden. "Sehr viele Leute melden sich mit Beobachtungen, schicken Fotos, oder rufen an und teilen Risse mit", erklärt Erlacher. "Das hilft uns. Oft konnten wir aufgrund dieser Anrufe rechtzeitig an den Rissorten sein und Genetik-Proben nehmen."

In den Fotofallen finden sich jedenfalls oft Hinweise auf Füchse, Feldhasen, Rotwild und auch vielen Wildschweinen – ein Wolf ist allerdings nur selten dabei. Hinweise können deswegen der Schlüssel sein, das Geheimnis der Wölfe im Erzgebirge bald zu lüften.

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