Alltag mit Alzheimer Wissenschaftler aus Halle begleiten Demenzpflege zuhause

Menschen mit Demenz geht es oft Zuhause noch am besten. Dort aber brauchen Angehörige Unterstützung bei der Pflege. In Sachsen-Anhalt besuchen Forscher Familien, um zu untersuchen, welche Hilfen gebraucht werden.

von Annegret Faber

Eine Ergotherapeutin spricht mit einer alten Frau. 6 min
Bildrechte: dpa

Joachim Klingenberg hat ein Leben lang gearbeitet. Seit einem halben Jahr ist er Rentner und pflegt zu Hause seine kranke Frau. Sein Haus liegt in der Nähe von Halle, geschützt hinter einem großen Holztor. Die Klingel kennen nur Eingeweihte. Sie ist im Briefkasten versteckt.

Thomas Klatt von der Universität Halle weiß, wo er drücken muss. "Die Frau hat schon länger Demenz und Herr Klingenberg betreut sie alleine. Es gibt zwei Söhne, die sind aber in Berlin, kommen immer mal, aber er ist schon alleine mit der Betreuung der Frau", sagt er, denn er war schon öfter hier, bei Klingenberg.

Dement und körperlich fit

Thomas Klatt hat blonde Haare und trägt ein blaues T-Shirt
Pflegewissenschaftler Thomas Klatt Bildrechte: Anne Hornemann/Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg

Der ältere Herr plaudert gleich los und auch seine Frau kommt aus einem Raum, bleibt aber in ein paar Metern Entfernung stehen, ohne Gruß. Später erzählt ihr Mann, sie spreche kaum noch. "Sie können sie was fragen, aber werden keine Antwort bekommen, außer 'nein' oder 'ja'. Das kommt noch, und dann aber falschrum", erzählt er.

Die beiden setzen sich auf die Couch im Wohnzimmer. Klingenberg erzählt, seine Frau sei körperlich fit. Während des Besuches läuft die 63-Jährige tatsächlich die ganze Zeit im Haus hin und her. Manchmal geht sie raus. Aber das große hölzerne Hoftor schützt sie. "Beim Spazierengehen ist sie auch schneller als ich, aber sie kann eben nichts von alleine machen. Es ist komisch. Viele Leute oder Freunde von uns, können das nicht verstehen, denn sie war sehr agil, war Kindergärtnerin", erzählt ihr Mann.

Sie dreht nachts alle Wasserhähne auf

Ihre Freunde hätten sich zurückgezogen. Klingenberg fühlt sich alleine gelassen und ist froh über jeden Menschen, der seine Situation wenigstens etwas versteht. "Das ist die Krankheit, das ist die Demenz und sie wird noch schlimmer werden", sagt er. "Windeln muss ich sie jetzt auch schon, und in der Nacht schläft sie mal wieder, aber sonst bin ich sehr oft unterwegs mit ihr."

Carola Klingenberg steht nachts auf, macht das Licht an, dreht die Wasserhähne auf. Sie räumt Schubladen aus, isst alle Süßigkeiten, die sie finden kann. Sie weiß nicht mehr, wann sie Stuhlgang hat und wann nicht, wann sie isst oder trinkt. Ihr Mann muss sich um alles kümmern. Um das Haus und um seine Frau. Eine Zerreißprobe. Thomas Klatt erklärt ihm, dass all diese Dinge bei dementen Menschen normal seien und keine Provokation. "Eins unserer Ziele ist, so lange wie möglich zu verhindern, dass die Menschen ins Pflegeheim kommen", sagt er.

Krankenhausaufenthalte eher schädlich

Klatt studiert Pflegewissenschaften und schreibt gerade seine Masterarbeit. Außerdem arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt "Dementia Care Nurse". Menschen, die an Demenz erkranken, werden überdurchschnittlich häufig in Akutkliniken eingewiesen, hat Klatt erfahren, als er noch als Pfleger arbeitete. Meist sei das zum Nachteil der Kranken.

Sie sind nach dem Krankenhausaufenthalt meistens in einem schlechteren Zustand als vorher. Deshalb wollen wir wissen, sind unser Projekt und unsere Handlungen geeignet, um die Situation Zuhause zu stabilisiere? Kann so die Zahl von Akut- und Notfallbehandlungen minimiert werden?

Thomas Klatt, Pflegewissenschaftler, Universität Halle

Wo die Probleme entstehen

Stephanie Heinrich hat blonde Haare und trägt ein dunkelblaues Oberteil
Projektleiterin Stephanie Heinrich Bildrechte: Anne Hornemann/Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg

Thomas Klatt hat sich auf die Familienbesuche gründlich vorbereitet, über Monate qualifiziert und in Pflegeeinrichtungen hospitiert. Bei der Projektleiterin Stephanie Heinrich an der Universität in Halle laufen alle Fäden zusammen. "Es ging um das Krankheitsbild, die medizinische Versorgung, Umgang mit Menschen mit Demenz, aber auch Leistungen aus der Pflegeversicherung, Sozialleistungen, Gestaltung des Umfeldes, bis hin zu Koordination und Vernetzungsarbeit", erklärt sie.

2016 startete das Projekt. Seit Oktober 2018 besuchen Klatt und zwei weitere wissenschaftliche Mitarbeiterinnen die Familien zu Hause. "ufsuchende Pflege" nennen es die Forscher. Sie wollen herausfinden, ob die Lücke in der familiären Pflege tatsächlich zu Hause ist, da wo Ärzte meist nicht hinkommen. Da, wo aber die meisten Probleme entstehen und gelöst werden müssen.

Was bedeutet Geburtstag?

Stephanie Heinrich ist aufgefallen, dass es zwar Pflegeberatungsstellen gibt, aber da müssen die Kranken selbst hingehen. Die Angehörigen bekommen nur Informationen über Sachmittel und Pflegeleistungen. "Wir dagegen schauen die Familien vor Ort an. Dadurch bekommen wir einen ganz anderen Blick, wie die Familie lebt, wie die Wohnung strukturiert ist, was für Problemlagen im Haushalt sind und dann mit einer dichten Abfolge von Hausbesuchen sehr individuell beraten können", sagt Heinrich.

Jeder kann diese Hilfe kostenlos nutzen, auch wenn nur der Verdacht auf Demenz besteht und noch keine Diagnose auf dem Tisch liegt. Doch ab wann ist Hilfe wichtig und vor allem, was sind die ersten Anzeichen für Demenz? "Ein klassisches Beispiel: Angehörige sagen, meine Mutter hat in den Kalender geguckt und da steht mein Geburtstag drin und die konnte das auch durchaus lesen, aber hat nicht mehr zugeordnet, dass es mein Geburtstag ist."

Teilnahme an Forschungsprojekt kostenlos

Und dann kommen all die Probleme, die die Forscher sehr gut kennen. Missverständnisse, Kränkungen, Ängste, Streit. Da wollen die Forscher ansetzen und helfen. 3,4 Millionen Deutsche sind pflegebedürftig. Drei Viertel werden zu Hause gepflegt, also zweieinhalb Millionen Menschen, so das Statistische Bundesamt. Die größte Last liege dabei nicht auf den Schultern der Kranken, sondern bei den Angehörigen. "Man nennt es 'herausfordernde Verhaltensweisen', weil derjenige ja selber nicht das Problem damit hat, sondern die Herausforderung besteht für die Umgebung", sagt Heinrich.

Das Forschungsprojekt läuft noch bis 2021 und ist auf Sachsen-Anhalt beschränkt. Es soll Argumente liefern. Es soll zeigen, ob es tatsächlich wichtig ist, dass erfahrene Pfleger nach Hause kommen, sich die Wohnungseinrichtung anschauen, den täglichen Umgang, Eigenheiten der Kranken erklären, bevor es zu Streit kommt. Sollten die Argumente reichen, übernehmen im Idealfall die Kassen oder Kommunen dann die Finanzierung für diesen anscheinend wichtigen Dienst. Das wäre dann ab 2021. Im Rahmen des Forschungsprojektes ist er noch kostenlos.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR Wissen | 04. August 2019 | 07:11 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. August 2019, 05:00 Uhr