Citizen Science Stunde der Gartenvögel: Menschen, die auf Spatzen starren

Der Zeiger steht mal wieder auf Citizen Science: Leute, zählt die Vögel in den Gärten und Parks, sagt der Naturschutzbund Deutschland, kurz NABU. Die regelmäßigen Zählungen, bei denen alle mitmachen können, zeigen Trends auf, wie es um die Vogelwelt steht. Spannend angesichts eines akuten Blaumeisensterbens, anhaltender Trockenheit und vieler Menschen, die in den vergangenen Wochen unverhofft der Natur nahekommen sind.

Haussperlinge
Spatzen sitzen nicht still, um sich zählen zu lassen. Bildrechte: imago/blickwinkel

Haben Sie schon mal versucht, Spatzen zu zählen, die um eine Futterstelle herumwuseln? Und dann noch zu unterscheiden, was ist hier Hausspatz, was Sperling und was Heckenbraunelle? Man kann darüber verzweifeln - muss man aber nicht. Denn es nicht schlimm, wenn man die quirligen Gesellen nicht hundertprozentig auseinander klamüsern kann. Im Gegenteil, sagt Lars Lachmann vom Naturschutzbund Deutschland: Würden alle Vogel-Zählenden bei der "Stunde der Gartenvögel" plötzlich hundertprozentig korrekt unterscheiden, würde das die Ergebnisse verzerren. Wenn die Ungenauigkeit der Zählung konstant bleibt, werden trotzdem Trends sichtbar.

Heckenbraunelle

Könnte man in der Eile mit einem Spatz verwechseln. Die Heckenbraunelle. In Ruhe betrachtet sieht man, dass sie ganz anders aussieht.

Eine Heckenbraunelle
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Eine Heckenbraunelle
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Eine Heckenbraunelle
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Genau darauf setzt diese Citizen-Science-Aktion, "Die Stunde der Gartenvögel", zu der der NABU seit 15 Jahren regelmäßig aufruft. Einmal im Winter und einmal am zweiten Mai-Wochenende sollen Menschen eine Stunde lang zählen, welche Vogelarten und wie viele davon sie in einer Stunde sehen: im Garten, Park, auf dem Balkon, durch das Fenster. "Wir legen bewusst keine Uhrzeit fest. Jeder kann zählen, wann er will. Es geht um eine möglichst große Stichprobe", sagt Lachmann.

Die Verteilungsmuster über den Tag sind seit Jahren konstant, die Leute zählen immer zur gleichen Zeit.

Vogelexperte Lars Lachmann, NABU

Das weiß man aus den eingereichten Fragebögen, auf denen die Vogelzähler angeben, wann sie gezählt haben: morgens zwischen neun und zehn, dann gibt es ein Mittagshoch und eines zum Kaffeezeit am Nachmittag. Würden alle plötzlich von acht bis neun oder 17 bis 18 Uhr zählen, würde das komplett andere Ergebnisse bringen. Trends brauchen Konstanten in der Erfassungsmethode, auch wenn sie Ungenauigkeiten enthalten - solange die eben konstant bleiben.

Man kann auch gehörte Vögel melden

Singdrossel
Bildrechte: imago images/STAR-MEDIA

Wer sich sich mit den Vögeln vor der Haustür beschäftigt, lernt dazu, schärft seinen Blick oder auch das Gehör. "Man kann auch gehörte Vögel melden, wenn man sich ganz sicher ist", sagt Nabu-Vogelschutzexperte Lachmann. Manche lassen sich nämlich ungern blicken, dafür aber hören. Als Beispiel dafür nennt Lachmann die Singdrossel. Die hat einen markanten Gesang - nur ist sie scheu und spaziert nicht so selbstbewusst über den Rasen im Garten wie zum Beispiel die Amseln. Dadurch wird die Singdrossel auch seltener gezählt. Das erklärt auch, warum man bei den Ergebnissen der Zählung nicht Arten miteinander vergleichen sollte.

Zu schnell lernen ist auch nicht gut

Ein Mann im Porträt
Lars Lachmann Bildrechte: NABU/E. Neuling

Verwässern oder verzerren solche Lerneffekte die Ergebnisse? Wenn also außer Spatz und Amsel jetzt auch Stieglitze oder Kleiber erkannt werden? "Tatsächlich gibt es einen Lerneffekt bei den Leuten, die Vögel zählen", bestätigt Lachmann auf Nachfrage von MDR Wissen. Das sehe man auch anhand der Rückmeldungen der Teilnehmenden: "Erstzähler melden erfahrungsgemäß weniger Vögel, Mehrfachteilnehmer dagegen mehr." Und er setzt nach: "Wenn die Leute zu schnell lernen, verzerrt das die Ergebnisse." Heißt im Umkehrschluss für diejenigen, die Bedenken haben, weil sie meinen, nicht genug Arten zu kennen: Es ist ok, nicht alle Vögel zu kennen und trotzdem Ergebnisse zu melden.

Mehr Zählende, mehr Vögel, mehr Füchse, mehr Natur?

Werden diesmal mehr Menschen Vögel zählen als sonst? Lachmann vermutet einen neuen Teilnahme-Rekord, Corona und die Einschränkungen lassen grüßen. Denn viele Menschen sind der Natur vor der Haustür unverhofft näher gekommen als sonst oder nehmen bewusster wahr, was um sie kreucht und fleucht: Nicht umsonst kursieren in sozialen Medien Diskussionen darüber, ob es mehr Füchse gibt als früher:

"Die Füchse sind immer da", sagt Lachmann, "die Leute sehen sie jetzt nur, weil sie Zuhause im Homeoffice sind." Die anhaltende Trockenheit sei auch ein Faktor, der bei einigen Arten die Populationsgrößen beeinflusst, erklärt Lachmann: "Die einen vermehren sich mehr, die anderen weniger. Das hängt von deren Nahrungsgewohnheiten ab. Amseljunge zum Beispiel werden im Mai, Juni flügge. Die suchen im Juni, Juli selbstständig Nahrung. Wenn es dann sehr trocken ist, stochern sie ergebnislos nach Regenwürmern im staubtrockenen Boden und verhungern. Der Haussperling dagegen steckt das locker weg."

Welche Trends bei Blaumeisen, Mehlschwalbe, Mauersegler?

Blaumeise
Wie geht es den Blaumeisen? Bildrechte: dpa

Das Blaumeisensterben aus dem Frühjahr macht die Mai-Zählung aus Sicht der Experten besonders spannend: Wo in Deutschland haben sich die Blaumeisenbestände reduziert? Und passt das zusammen mit den regionalen Meldungen toter Blaumeisen? Was ist mit den Insektenfressern, der Mehlschwalbe und dem Mauersegler? Die ernähren sich in den hohen Luftschichten vom so genannten Luftplankton. Das sind Insekten, die der Wind von Wiesen und Wäldern in hohe Luftschichten verwirbelt. Ihr Bestand ist extrem zurückgegangen - sie sind indirekte Indikatoren für den Insektenschwund.

Wichtig fürs Zählen

Die Hauptregeln fürs Zählen: zum Zählen nicht extra auf eine Wiese fahren oder einen Wald. Es geht um die Erfassung in den Siedlungsgebieten, in Gärten also oder städtischen Parks. Immer die höchste Zahl von gleichzeitig gesichteten Vögeln einer Art angeben. Eine Stunde als Zählzeit festlegen. Bis zum 19. Mai kann man seine Ergebnisse melden, per Post, per Mail, per App oder online. Alle Informationen hat der NABU hier zusammengefasst, inklusive Hilfsmaterial, Bildbeispielen und Zusatzwissen zu einzelnen Arten.

Mann mit Fernglas 1 min
Bildrechte: MDR

Jedes Jahr ruft der Naturschutzbund Deutschland dazu auf, die Vögel im Winter eine Stunde lang zu zählen. Hier erfahren Sie, wie das am besten geht.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 08.01.2020 16:00Uhr 00:50 min

https://www.mdr.de/mdr-garten/pflegen/video-zaehlung-wintervoegel-nabu-100.html

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