Persönlichkeitsforschung Lässt sich Weisheit mit sieben Fragen messen?

Forschende aus den USA erstellen einen Index, mit dem sie die Weisheit der Menschen messen wollen. Mit nur sieben Fragen wollen sie erkennen, wie weise wir sind. Darin sehen sie ein Konzept für erfolgreiches Altern.

Pallas Athene beim Parlament in Wien
Athene ist die Göttin der Weisheit und Schutzgöttin der Stadt Athen. Bildrechte: imago/CHROMORANGE

Eine alte weise Frau, die mit ihren grauen Haaren gütig in die Runde lächelt und bei den großen Fragen des Lebens immer um Rat gefragt wird – wer verbindet dieses Bild nicht mit Weisheit. In einigen Kulturen Afrikas und Südamerikas werden alte Menschen sogar quasi auf Händen getragen. Sie gelten als Zentrum und Quelle der Weisheit. Doch auch hier in Europa haben Großeltern schon oft in kniffligen und brisanten Situationen ihren weisen Rat erteilt, der nicht selten seine Richtigkeit bewies. Doch was ist Weisheit eigentlich?

Weisheit ist mehr als Intelligenz

"Weisheit ist ein komplexes, aus mehreren Komponenten bestehendes Persönlichkeitsmerkmal", erklären Forscher der University of California San Diego School of Medicine. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Weisheit zu untersuchen. Doch das ist gar nicht so einfach. Denn Weisheit ist mehr als Klugheit und Intelligenz, Weisheit ist mehr als Ratio, Weisheit ist Erfahrung, Wissen und Verstand gleichzeitig. Für die US-Forscher besteht Weisheit vor allem aus sieben Eigenschaften: Selbstreflexion, pro-soziales Verhalten, Emotionsregulierung, Akzeptanz unterschiedlicher Perspektiven, Entscheidungsfreudigkeit, soziale Beratung wie das Erteilen hilfreicher Ratschläge an andere sowie Spiritualität.

Die Komponente Selbstreflexion

Die Komponente Selbstreflexion misst den Wunsch und die Fähigkeit, sich selbst und die eigenen Handlungen auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Sie bewertet die Präferenzen im Hinblick auf das Verständnis der eigenen Gedanken, Motivationen und Verhaltensweisen.

Die Komponente für pro-soziale Verhaltensweisen

Die Komponente für pro-soziale Verhaltensweisen umfasst Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, Altruismus und Sinn für Fairness. Sie bewertet die Fähigkeit, positive soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten, sowie Mitgefühl und gewissenhaftes Verhalten.

Die Komponente Emotionsregulation

Die Komponente Emotionsregulation misst die Fähigkeit, negative Emotionen zu regulieren, die die Entscheidungsfindung beeinträchtigen. Sie bewertet das Gefühl, mit negativen Emotionen und emotionalem Stress effektiv umgehen zu können und positive Gefühle zu bevorzugen.

Die Komponente Akzeptanz

Die Komponente Akzeptanz abweichender Perspektiven untersucht die Akzeptanz anderer Wertesysteme und das Interesse daran, die Sichtweisen anderer kennen zu lernen. Sie misst die Offenheit und das Wohlbefinden gegenüber Werten und Perspektiven, die sich von den eigenen Werten und Perspektiven unterscheiden können.

Die Komponente Entscheidungsfreudigkeit

Die Komponente Entscheidungsfreudigkeit bewertet die Fähigkeit, Entscheidungen in angemessener Zeit zu treffen. Sie bewertet auch den Komfort, den jemand bei der Entscheidungsfindung hat. Die Komponente "Soziale Beratung" bezieht sich auf die Fähigkeit, andere gut zu beraten.

Die Komponente Spiritualität

Die Komponente Spiritualität wird schon seit Jahrhunderten als Bestandteil von Weisheit angesehen. Sie war ein integraler Bestandteil der Weisheit in religiösen Schriften. Doch auch viele moderne empirische Veröffentlichungen schließen Spiritualität in die Definition von Weisheit ein.

Eine ältere Frau mit Brille
Vor allem ältere Menschen gelten als weise - auch aufgrund ihrer Erfahrungen. Oft werden sie um Rat gefragt, von Familienangehörigen, doch auch in Politik und Wirtschaft. Bildrechte: imago images/Addictive Stock

Warum muss man Weisheit messen?

Doch warum muss Weisheit eigentlich gemessen werden? Reicht es nicht einfach, sich an ihr zu erfreuen? "Weisheit steht als potenziell modifizierbare Eigenschaft in engem Zusammenhang mit dem Wohlbefinden", erklärt Dilip V. Jeste, Professor für Psychatrie und Neurowissenschaften an der San Diego School of Medicine. "Wir brauchen Weisheit, um im Leben zu überleben und zu gedeihen."

Weisheit als Schlüssel zum erfolgreichen Altern

Jeste hat es sich mit seinen Kollegen zum Ziel gemacht, einen Index zu erstellen, um die Weisheit der Menschen zu messen und zu fördern. "Weisheitsmaße werden zunehmend verwendet, um Faktoren zu untersuchen, die die geistige Gesundheit und ein optimales Altern fördern", erklärt er in der Studie. "Es hat sich gezeigt, dass sie mit einer Vielzahl positiver Ergebnisse wie Glück, geistiger und körperlicher Gesundheit und selbst eingeschätztem erfolgreichen Altern verbunden sind."

Eine ältere Frau
Die Forscher sind sich sicher: Weisheit erhöht die Wahrscheinlichkeit, glücklich zu altern. Bildrechte: imago/Hans Blossey

Doch wie lässt sich Weisheit messen?

Doch wie lässt sich Weisheit messen? "Trotz der langen Geschichte religiöser und philosophischer Literatur über Weisheit ist die empirische Forschung in diesem Bereich ein relativ junges Phänomen", das in den 1970er-Jahren begann", erklären die Forschenden. Die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Weisheit habe zwar in den vergangenen zehn Jahren rapide zugenommen. Allerdings hätten 'Weisheitsmaße' in großen Quer- und Längsschnittstudien noch keine breite Verwendung gefunden. Jeste und sein Team sehen einen möglichen Grund darin, dass bisher verwendete Forschungsdatensätze zu viele Unterpunkte enthielten. Das koste in groß angelegten Studien Zeit und Mühe.

Weisheit in sieben Fragen

Deswegen verkürzten die Forschenden ihre eigene entwickelte 28 Punkte umfassende San Diego Wisdom Scale (SD-WISE-28) auf den Jeste-Thomas Wisdom Index, der nur sieben Fragen enthielt. Ihre Kernfrage lautete: Kann ich Weisheit allein mit sieben Fragen messen? "Wir wollten testen, ob eine Liste mit nur sieben Items wertvolle Informationen zur Überprüfung der Weisheit liefern kann", erklärte Jeste.

Dilip Jeste
Dilip Jeste, Professor für Psychatrie und Neurowissenschaften an der San Diego School of Medicine ist Senior-Autor der Studie über Weisheit. Bildrechte: Erik Jepsen/UCPA

2.093 Teilnehmer befragt

Die Forschenden befragten für ihre aktuelle Studie 2.093 Teilnehmer im Alter von 20 bis 82 Jahren über die Online-Crowdsourcing-Plattform Amazon Mechanical Turk. Dabei wählten sie aus der ursprünglichen 28er-Skala sieben Komponenten der Weisheit aus und ließen diese von ihren Probanden auf einer Skala von 1 bis 5 bewerten – von stark ablehnend bis stark zustimmend. Beispiele für die Aussagen sind "Ich bleibe unter Druck ruhig" und "Ich vermeide Situationen, in denen ich weiß, dass meine Hilfe benötigt wird" oder auch "Mir fällt es schwer, Entscheidungen zu treffen".

In weniger als ein paar Minuten zum Weisheitsindex

Nach der Auswertung der Antworten aus den Bereichen kamen die Forschenden zu dem Ergebnis: Weisheit lässt sich allein mit einem Sieben-Fragen-Index messen. "Kürzere Fragen bedeuten nicht, dass sie weniger aussagekräftig sind", erklärt Jeste. "Wir haben die richtige Art von Fragen ausgewählt, um wichtige Informationen zu erhalten, die nicht nur zum Fortschritt der Wissenschaft beitragen, sondern auch unsere früheren Daten bestätigen, dass Weisheit mit Gesundheit und Langlebigkeit korreliert." 

Jetzt haben wir eine Liste von Fragen, deren Beantwortung weniger als ein paar Minuten dauert und die in der klinischen Praxis eingesetzt werden können, um Menschen zu helfen.

Prof. Dilip V. Jeste, San Diego School of Medicine

Die Forschenden stellten in ihrer Untersuchung zudem fest, dass die Weisheitsskala im positiven Bereich stark mit Widerstandsfähigkeit, Glück und geistigem Wohlbefinden sowie im negativen Bereich stark mit Einsamkeit, Depression und Angst korreliert.

Die Studie wurde in der Zeitschrift International Psychogeriatrics veröffentlicht.

(kt)

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