Älteste Nachweise Wikinger waren "Superspreader" von Pocken

Als Krieger verbreiteten Wikinger Angst und Schrecken, als Händler kostbare Waren in Europa. Doch die furchtlosen Nordmänner waren wahrscheinlich auch "Superspreader" - also "Superverbreiter" - von Pockenviren. An ihren Skeletten wurden die mit 1.400 Jahren bislang ältesten bekannten Pockenstämme der Menschheit entdeckt.

Massengrab mit  Skeletten von massakrierten Wikingern
Massengrab mit Skeletten von massakrierten Wikingern am St John's College, in Oxford, Großbritannien. Bildrechte: Thames Valley Archaeological Services

Ihre ausgedehnten Kriegs- und Handelszüge führten die Wikinger nach Frankreich, ins Rheinland, nach England, Irland, Spanien, Italien und nach Byzanz, in die Levante, an die Wolga und in das Kaspische Meer. Sie besiedelten Island und Grönland, landeten als erste Europäer in Nordamerika und begründeten den ersten russischen Staat. Als Seeräuber und Krieger brachten sie Feuer und Schwert, als Händler Pelze, Stoffe, Metalle und Sklaven. Und sie brachten wohl auch die Pocken in alle Ecken Europas.

Ausgestorbene Pockenstämme in Zähnen

Vendels Kriegerhelm. Die Wangenschützer sind aus Eisen, während die Mütze mit Bronzeplatten bedeckt ist, die eine Kriegerprozession darstellen.
Helm eines Wikinger-Anführers: Als Seeräuber und Krieger verbreiteten die Nordmänner vom 8. bis zum 11. Jahrhundert in ganz Europa Angst und Schrecken. Bildrechte: imago/UIG

Das zumindest legen die Forschungsergebnisse eines internationalen Teams nahe, die in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Dänemark, Großbritannien und Deutschland entdeckten in den Zähnen von Wikinger-Skeletten aus Gräbern der Wikingerzeit in Dänemark, Norwegen, Russland, Großbritannien sowie der schwedischen Insel Öland längst ausgestorbene Pockenstämme. Damit lieferten sie zugleich den allerersten Nachweis dafür, dass die tödliche Infektionskrankheit, der alleine im 20. Jahrhundert bis zu einer halben Milliarde Menschen zum Opfer fielen, bereits  vor 1.400 Jahren die Menschheit plagte.

Vollständig erhaltene Genome

1200 Jahre altes Skelett eines mit Pocken infizierten Wikingers aus Öland Schweden
1.200 Jahre altes Skelett eines mit Pocken infizierten Wikingers aus Öland in Schweden. Bildrechte: The Swedish National Heritage Board

Bei vier der Proben aus insgesamt elf Grabstätten konnten die Geogenetiker und Computerbiologen sogar die nahezu vollständig erhaltenen Genome des für die Pockenkrankheit verantwortlichen Variola-Virus (VARV) rekonstruieren. Dabei stellten sie fest, "dass sich dessen genetische Struktur von der des modernen Pockenvirus unterscheidet, das im 20. Jahrhundert ausgerottet wurde", wie der Leiter der Studie, Professor Eske Willerslev vom St. John's College der Universität Cambridge und Direktor des Geo-Genetik-Zentrums der Lundbeck-Stiftung der Universität Kopenhagen, erklärt. Dennoch sei die 1.400 Jahre alte genetische Information, die aus diesen Skeletten extrahiert wurde, "von enormer Bedeutung, denn sie liefert uns Einblicke in die Evolutionsgeschichte des Variola-Virus, das die Pocken verursachte", so Willerslev weiter.

Erst seit 17. Jahrhundert nachgewiesen

Oseberg-Schiff der Wikinger
Das Oseberg-Schiff in Oslo: Mit Langschiffen wie diesem fuhren Wikinger-Flotten bis in das östliche Mittelmeer. Bildrechte: imago/robertharding

Tatsächlich gehen Historiker davon aus, dass Pocken bereits seit etwa 10.000 v. Chr. als Tierkrankheit existierten. Vermutet wird, dass sie dann vor mehreren tausend Jahren in Afrika von Nagetieren auf den Menschen übergingen und sich erst danach zu dem hochvirulenten modernen Variola-Virus entwickelten. Abgesehen von schriftlichen Hinweisen auf ungeklärte Indizien an der Mumie des altägyptischen Pharao Ramses V. gab es bislang jedoch keine Beweise für Pockeninfektionen bei Menschen des Mittelalters oder der Antike. Der bislang früheste genetische Nachweis eines Variola-Virus stammt aus dem 17. Jahrhundert. Vermutet wurde lange Zeit, dass zurückkehrende Kreuzfahrer die Pocken im Hochmittelalter aus der Levante nach Europa brachten.

Parallelen zur Covid-19-Pandemie

Massakrierte Wikinger aus dem 10. Jahrhundert in Oxford
Diese massakrierten Wikinger aus dem 10. Jahrhundert in Oxford waren ebenfalls Teil der Studie. Bildrechte: Thames Valley Archaeological Services

Mit dem nunmehr ältesten genetischen Variola-Nachweis bei den Wikinger-Skeletten ist diese Theorie hinfällig. Gut möglich, dass es sogar die Wikinger selbst waren, welche die Pocken nach Europa brachten. Endgültig bewiesen ist das zwar nicht, aber mit ihren weitverzweigten Kriegs- und Handelsaktivitäten dürften sie so etwas wie die "Superspreader" des frühen Mittelalters gewesen sein. Für Studienleiter Willerslev liegt der Vergleich zur aktuellsten Virus-Pandemie nahe: "Wir wussten bereits, dass Wikinger in Europa und darüber hinaus unterwegs waren, und wir wissen jetzt, dass sie Pocken hatten. Menschen, die um die Welt reisten, verbreiteten schnell Covid-19. Es ist daher wahrscheinlich, dass Wikinger die Pocken verbreiteten. Damals reisten sie eben noch per Schiff und nicht per Flugzeug wie heute."

Frühe Epidemien sehr wahrscheinlich

Ob die Pockenstämme der Wikinger genauso tödlich waren, wie jene hochvirulente Variola-Variante die im 20. Jahrhundert hunderte Millionen Menschen hinweg raffte, mit schlimmen Narben entstellte oder erblinden ließ, ist bislang nicht bekannt. Einer der leitenden Autoren der Studie, Professor Martin Sikora vom Zentrum für Geo-Genetik der Universität Kopenhagen, sagt dazu: "Wir wissen zwar nicht sicher, ob diese Pockenstämme tödlich waren und den Tod der Wikinger verursachten, die wir untersucht haben, aber sie starben mit Sicherheit mit Pocken in ihrem Blutkreislauf, so dass wir sie bis zu 1.400 Jahre später nachweisen können." Sikora hält es allerdings für sehr wahrscheinlich, dass es bereits viel eher als bislang bekannt entsprechende Epidemien gegeben hat.

Die Studienautoren sind sich in jedem Fall sicher, dass die rekonstruierte DNA der Wikinger-Pocken den Virologen künftig helfen wird, die Evolution von Variola- und anderer Viren besser zu verstehen und somit auch bei der Bekämpfung neu auftretender Viruserkrankungen wie Covid-19 zu helfen.

Pockenkrankeit Pocken, auch als Blattern oder Variola bekannt, sind eine lebensgefährliche durch Pockenviren (Orthopoxvirus variolae) ausgelöste Infektionskrankheit, die sich in der Vergangenheit über hochinfektiöse Tröpfchen von Mensch zu Mensch verbreitete. Etwa ein Drittel der Infizierten starben, ein weiteres Drittel behielt bleibende Narben oder erblindete. Allein im 20. Jahrhundert fielen mindestens 300 bis 500 Millionen Menschen weltweit Pocken-Epidemien zum Opfer. Als erste menschliche Krankheit überhaupt wurden die Pocken in den 1980er-Jahren des 20. Jahrhunderts durch eine weltweite Impfkampagne ausgerottet.

(dn)

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