Stunde der Wintervögel Vogelzählung-Zwischenergebnis: Viele Menschen und Spatzen – wenig Meisen

Vögel zählen - da bekam der Lockdownspaziergang am vergangenen Wochenende gleich einen wissenschaftlichen Anstrich. Der NABU hat die erste Zwischenbilanz der Winterzählung 2021 veröffentlicht. Das Citizen Science Jahr ist eröffnet – mit einem Rekord.

Eine Heckenbraunelle
I bims, die Heckenbraunelle! Bildrechte: imago/blickwinkel

Update 13.01.2021: Inzwischen meldet der NABU 185.000 Teilnehmer und mehr als 130.00 Gärten, in denen Vögel beobachtet gezählt wurden. "Vielleicht werden es noch 200.000, das wäre ein Meilenstein für uns", sagt Lars Lachmann vom NABU im Gespräch mit MDR WISSEN. Ob man daraus schon schließen kann, dass mehr Menschen die Natur im Blick haben? Der Biologe vermutet, dass die höheren Zählzahlen auch damit zusammenhängen, dass derzeit keine weiten Ausflüge und Reisen gemacht werden können und viele Menschen mehr Zeit als sonst für Dinge wie eine Vogelzählung haben. Bestenfalls steige damit auch das langfristige Interesse an der Natur und das Engagement für mehr Vogelschutz im eigenen Garten, hofft der Ornithologe.

Als Vogel hätte man letzten Sonntag vielleicht gesagt, die Menschen haben echt eine Meise. Wieso lungern derart viele draußen herum, in Gärten, in Parks, im Wald? Leute, es ist Winter, ihr gehört ins Haus, ins Warme, hört auf, durch unsere Wälder zu stapfen. Glotzt uns nicht so dreist auf Futter und Federkleid, fordert uns nicht ständig auf, stillzuhalten, damit ihr besser zählen könnt. Und erst dieses ständige "Ah! Oh! Was war das denn für einer?" Oder "Oh, guck mal ein Spatz!" Dabei bin ich immer noch eine Heckenbraunelle. Und ein Zilpzalp ist immer noch kein Fitis. Wann merkt ihr euch das endlich mal?

Zilpzalp und Fitis - zum Verwechseln ähnlich

Zilpzalp
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Zilpzalp
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Fitis
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So hätte es jedenfalls sein können am Sonntag – aus Sicht der Vögel. Der NABU hatte zur winterlichen Vogelzählung aufgerufen und so viele Leute wie im Januar 2021 sind der Aufforderung in Deutschland noch nie gefolgt: 144.000 Einsendungen von 100.000 Beobachtungsorten – so ein erster Zwischenstand. 2020 hatten 143.000 Menschen Vögel gezählt. Bis 18. Januar können die Beobachtungen der diesjährigen einstündigen privaten Vogelzählung hier noch gemeldet worden, Bedingung, es wurde gezählt zwischen 8. und 10. Januar.

Welche Vögel sich blicken ließen

Vogelbeobachtung im Winter
Der Blick für Vögel wird von Zählung zu Zählung schärfer und geübter. Bildrechte: imago images / blickwinkel

Ein erstes Fazit der Naturschutzorganisation kurz nach der Zählung: Es wurden pro Beobachtungsort im Schnitt 34,5 Vögel gezählt, so wenige wie 2017. Ein Blick auf 2020: Da waren es 37,3 pro Meldeplatz. Was bedeutet dieser Rückgang? Aus Sicht des NABU erklärt sich diese Schwankung zum einen damit, dass Vogelzählungs-Anfänger generell weniger Vögel melden und auch weniger Arten erkennen. Und da die Zahl der Vogelzähler dieses Jahr erneut gestiegen ist, spiegelt sich das auch in den Zähl-Ergebnissen wider, mutmaßt man beim NABU derzeit noch.

Kleiber
Seltener in Parks und Gärten gesichtet: minus 28 Prozent Kleiber-Zählungen. Nur noch an knapp ein Viertel der Zählorte gesichtet. Bildrechte: Colourbox.de

Das erklärt möglicherweise auch die Beobachtungsrückgänge bei Meisen, Schwanzmeisen, Kleibern, Kernbeißern, Eichelhähern und Gimpeln, aber eben nicht zwingend. Ein anderer Faktor für starke Schwankungen bei den Vogelsichtungen ist erfahrungsgemäß die Temperatur. Ein vergleichsweise milder Winter sorgt dafür, dass die Vögel nicht in die Gärten kommen, so lange sie in Wäldern, auf Wiesen und Feldern noch Nahrung finden – jedenfalls da, wo noch keine geschlossene Schneedecke liegt.

Sperling vor Kohlmeise und Amsel

Noch sind die Ergebnisse für die Stunde der Wintervögel 2021 nicht fix. Die vorläufige Rangliste sieht in den Top 5 so aus (Stand 12.1.2021, 17 Uhr): Haussperling auf Platz eins, in gut 60 Prozent aller Gärten mit knapp sieben Exemplaren vertreten; Kohlmeise auf Platz zwei, aber mit einem Minus, in knapp 90 Prozent der Gärten noch 4,09 Exemplaren. Feldsperling Platz 3 und Amseln mit einem Plus von neun Prozent auf 4. Auf Platz 5 Blaumeisen mit Abwärtstrend von 16 Prozent. Auffällig in den Top 20 sind mehr Ringel- und Straßentauben als in den Vorjahren, ein Plus von 14 bzw. 28 Prozent, ähnlich wie das Rotkehlchen mit 15 Prozent mehr Sichtungen und besonders oft wurde in diesem Winter der Erlenzeisig gesehen – plus 70 Prozent.

Was uns das insgesamt über unseren Vogelbestand sagt, welche Vogelarten stärker gefährdet sind als 2020, welche Bestände sich erholt haben, oder welche vielleicht ihr Verhalten geändert haben, standorttreu werden, oder mobil: Das lässt sich anhand der Zwischenergebnisse noch nicht sagen. Hier ist die Ergebnis-Übersicht.

Erlenzeisig Paar
Der Erlenzeisig - nach ersten Auswertungen ein Plus von 70 Prozent. Spannend, wie die Experten solche Sprünge in ihrer Auswertung deuten werden. Bildrechte: imago images / Nature Picture Library

(lfw)

9 Kommentare

THOMAS H vor 1 Wochen

Wenzel: "... die neuen Büsche mit Bodendeckern unterbepflanzt." Das könnte ich hier nicht machen, da mir dann die Kosten für die Beseitigung und zusätzlich Anwaltskosten aufgebürdet würden.
Selbst das Stecken von Krokus-, Narzissen- oder Tulpenzwiebeln bringt nichts, da die Triebe mit der ersten "Flächenrodung" (4-5 mal jährlich) verschwinden würden.
Ob sich nun im Frühjahr etwas ändern (Neupflanzung) wird, ist ja nicht bekannt, aber es fehlt jetzt schon der tägliche Vogelanflug am Futterhaus (bin schon froh, daß dies nicht verboten wird) und es wird sich nichts ändern, wenn die Flächen so bleiben, wie sie jetzt sind.

Wenzel vor 1 Wochen

Bei uns vor 5 Jahren passiert: Bäume gefällt, Sträucher gerodet, Wiese vergiftet. Ich war schockiert. Das konnte ich nicht hinnehmen. Ich habe mich schriftlich beim Vermieter (eine Genossenschaft) beschwert. Das hat etwas geholfen, unsere Immobilienfachleute für das Stückchen Natur vor unserer Haustür zu sensibilisieren. Jetzt wird die Wiese nicht mehr bei größter Hitze bis auf die Grasnarbe heruntergeschoren, werden Wege nicht mit Gift sondern mechanisch vom Kraut befreit und frühblühende Sträucher nicht im Februar raspelkurz geschnitten. Guerillamäßig habe ich die neuen Büsche mit Bodendeckern unterbepflanzt. Es ist ein ewiger Kampf! Wenn's die Gartenbaufirma nicht kaputthackt, bei der Fassadenreinigung alles verätzt wird oder die Hunde alles zusch ... wachsen z.B. auf der Wiese im Hof jetzt über 20 verschiedene blühende Wildpflanzen, dementsprechend summt und brummt es auch. Im letzten verbliebenen Baum habe ich einen Nistkasten aufgehängt. Im Sommer brüteten dort Meisen.

MDR-Team vor 1 Wochen

Hallo Thomas H,
danke für den Hinweis. Dabei handelt es sich um den wohl beliebtesten Fehler zu Beginn eines neuen Jahres: Die Jahreszahl des Vorjahres wurde benutzt. Natürlich muss es richtig "Stand 12.1.2021" heißen. Wie haben den Fehler bereits korrigiert.
Freundliche Grüße aus der MDR-Wissen-Redaktion