Tipps aus der Wissenschaft Notfallplan Gas: Kohlekraftwerke reaktivieren, Atomkraft auf Volllast?

Es war ein weiteres Notsignal im Konflikt zwischen Russland und Deutschland im Zuge des Ukraine-Kriegs: die Ausrufung der Alarmstufe des Notfallplans Gas durch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Donnerstag (24.06.2022). Die Preise dürften dadurch weiter steigen. Forscher erklären, wie sich Energie sparen lässt und was mit Kohle und Kernkraft ist.

Erdgas-Anschluss
Energie sparen könnte im kommenden Winter noch wichtiger werden. Bildrechte: IMAGO/Christian Ohde

Der Grund für diesen Schritt seien die seit Mitte Juni reduzierten Gaslieferungen aus Russland bei anhaltend hohen Gaspreisen, so Habeck. Konkrete Konsequenzen für Verbraucher ergeben sich daraus bisher noch nicht, doch Experten und Industrie befürchten mögliche Preissteigerungen. "Gas ist von nun an ein knappes Gut", betonte der Wirtschaftsminister. Wissenschaftler geben Ratschläge, wie es sich kurzfristig einsparen lässt – und damit auch Geld.

Energiepreis als gutes Steuerungsmittel

"Kurzfristig lässt sich das größte Einsparpotenzial im privaten, kommunalen und gewerblichen Bereich der Gebäude holen wie zum Beispiel durch die Absenkung der Raumtemperaturen oder gezieltes Heizen einzelner statt aller Räume", betont Prof. Michael Sterner von der OTH Regensburg. Dabei wirke der Preis am stärksten, wie das 9-Euro-Ticket gerade im Verkehrsbereich zeige. Die Industrie habe ihre Einsparpotenziale dagegen weitgehend ausgereizt und könnte nur noch Teile der Produktion ins Ausland verlagern.

Mittelfristig sieht Sterner drei Punkte, mit denen wir verstärkt Energie sparen können. Zum einen durch die bessere Nutzung vorhandener Potenziale, etwa durch die stärkere Einspeisung von heimischem Biogas in die Netze über Power-to-Gas und die Einsatz von Wind- und Solarstrom, der in großen Mengen nicht verbraucht wird, weil er nicht in die Stromnetze passt. Zum anderen könnten Ressourcen besser ausgenutzt werden, indem beispielsweise nicht mehr Silizium aus Deutschland nach China exportiert wird, wo es zu Solarmodulen verbaut wird, die dann wieder nach Deutschland verkauft werden. Schließlich könnten auch menschliche Möglichkeiten verstärkt genutzt werden, zum Beispiel, indem sich die Jugend um Fridays For Future auch in den Hörsälen und Handwerksbetrieben engagiert oder hochqualifizierte Arbeitskräften, die nicht mehr in der Autoindustrie benötigt werden, sich für Klimaschutz und Versorgungssicherheit einsetzen.

Heizen und Warmwasser brauchen am meisten Energie

Wer selbst Energie sparen will, kann große Effekte mit einem sparsamen Heizverhalten erzielen. Dr. Immanuel Stieß, Leiter des Forschugsschwerpunkt Energie und Klimaschutz im Alltag am Institut für Sozialökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt am Main betont: "68 Prozent des Energieverbauchs privater Haushalte entfallen auf das Heizen von Gebäuden, weitere 16 Prozent werden für die Bereitstellung von Warmwasser benötigt. Etwa die Hälfte der Gebäude wird mit Gas beheizt." Nach einer Schätzung der Agora Energiewende ließe sich der Gasverbrauch für Heizung und Warmwasser in Wohngebäuden durch kurzfristige Maßnahmen um circa 15 bis 20 Prozent reduzieren.

Das größte Einsparpotenziel sieht Immanuel Stieß beim Absenken der Raumtemperatur: "Die Innenraumtemperatur in Wohnungen in Europa beträgt durchschnittlich 22 Grad. Ein Grad weniger spart sechs Prozent Energie. Würde jeweils die Hälfte der Haushalte in Deutschland die Temperatur in ihrer Wohnung um ein halbes beziehungsweise ein Grad absenken, könnten knapp fünf Prozent Heizenergie eingespart werden.“

Schon kürzeres Duschen hilft

Sterners Kollege Dr. Martin Pehnt vom Institut für Energie- und Umweltforschung (Ifeu) in Heidelberg gibt als Ziel eine Gaseinsparung im Winter von 25 Prozent für Unternehmen und Verbraucher aus. Als kurzfristige Maßnahme dafür schlägt Pehnt einen kostenlosen Gasspar-Check für alle Betreiberinnen und Betreiber von Gaskesseln vor: "Dazu sollte jede Heizungswartung, jeder Schornsteinfegerbesuch, jede Energieberatung genutzt werden." Dabei sieht der Experte ein Einsparpotenzial von zehn Prozent.

Daneben kann auch durch das eigene Heizverhalten viel Energie gespart werden. "Die Absenkung der Raumtemperaturen – müssen wirklich alle Räume geheizt werden, kann die Temperatur tagsüber abgesenkt werden – die Identifikation überheizter Räume, die Nachtabsenkung verlängern, Stoßlüften statt Kipplüften sind da einige Beispiele", erklärt Michael Pehnt. Beim Warmwasser sei ebenfalls einiges zu holen, beispielsweise durch Duschsparköpfe, die Warmwasserbereitung mit Zeitsteuerung oder eine Sensibilisierung für wassersparende Körperreinigung – sprich nur kurzes Duschen.

Mit kleinen Tricks große Einsparungen erreichen

Weitere praktische Tipps kommen von Prof. Dirk Müller von der Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (RWTH) in Aachen. So könnten Nutzer gasbasierter Wärmeerzeuger die Nachtabsenkung der Vorlauftemperatur aktivieren. Eine Absenkung der Raumtemperatur auf 17 Grad Celsius in allen Räumen zwischen 23 bis 6 Uhr kann laut dem Forscher Einsparungen von acht bis zehn Prozent beim Heizenergiebedarf bringen. "Zusätzlich sollte im Sommer bei modernen Gasheizungen der Betriebsmodus 'nur Trinkwarmwasser' aktiviert werden. Erst wenn die Temperaturen im Gebäude als zu gering empfunden werden, sollten die Heizkreise des Wärmeerzeugers zugeschaltet werden", empfiehlt Müller. Eine Absenkung der Innenraumtemperatur nur von 21 auf 20 Grad könnte zu weiteren Einsparungen von acht bis elf Prozent führen. Bei 19 Grad wären sogar Reduktionen bis zu 30 Prozent zu erwarten.

Es gibt weitere kleine Tricks, aus denen sich große Sparmöglichkeiten ergeben. Dazu gehören eine Anwesenheitssteuerung der Heizungsanlage durch elektronische Thermostate an den Heizkörpern. Auch eine Abdichtung von alten Fenstern kann zu einer Minderung des Heizwärmebedarfs führen – allerdings muss bei nicht gedämmten Gebäuden auf ausreichende Feuchte geachtet werden, um Schimmelbefall zu verhindern. Das Schließen der Rollläden minimiert zudem die Wärmeabstrahlverluste des Gebäudes. Und schließlich können die Rohrleitungen für das Heizungssystem und die Trinkwarmwasserversorgung im Keller auch durch Privatpersonen mit Material aus dem Baumarkt gedämmt werden, mit etwas mehr handwerklichem Aufwand sogar die Kellerdecke.

Kohlekraftwerke könnte man reaktivieren

Neben Energiesparen alleine gibt es allerdings auch noch die Möglichkeit, die Verstromung von Gas in größerem Massstab zu reduzieren. Prof. Stefan Büttner vom Institute Energy Efficiency in Production an der Universität Stuttgart sagt dazu: "Um die Verstromung von Gas wo immer möglich auf null herunterzufahren, gibt es die Wahl, die in Reserve gehaltenen Kohlekraftwerke zu aktivieren oder die drei verbliebenen Atomkraftwerke auf Volllast laufen zu lassen. Der Anteil der Erneuerbaren nimmt zwar beim Strom erfreulicherweise einen inzwischen sehr großen, aber nicht ausreichend großen Anteil ein, jedoch meist aber eben auch nur 'unterm Strich‘ und nicht dauerhaft." Zusätzlich müsse man natürlich alles daran setzen, die Hürden für den Ausbau erneuerbarer Energien aus dem Weg zu räumen.

cdi/iz/smc

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