Jugendliche im Einsatz bei der Kartoffelernte der LPG Dahme
Ernteeinsatz in der DDR bei einer LPG. Bildrechte: IMAGO

Vor 60 Jahren Gesetz zur Kollektivierung der DDR-Landwirtschaft

Am 3. Juni 1959 leitet die DDR-Führung mit dem LPG-Gesetz die letzte Etappe der Kollektivierung der Landwirtschaft ein. Ein Rückblick auf die Geschichte der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG).

Jugendliche im Einsatz bei der Kartoffelernte der LPG Dahme
Ernteeinsatz in der DDR bei einer LPG. Bildrechte: IMAGO

1950er-Jahre

Die Geschichte der ostdeutschen Landwirtschaft beginnt Anfang der 1950er-Jahre. Ähnlich den sowjetischen Kolchosen will die DDR ab 1952 ein Genossenschaftssystem errichten. Vom kollektiven Bewirtschaften großer Flächen verspricht man sich eine höhere Effizienz in der Produktion - auch um die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu verbessern.

In den folgenden Jahren setzt die SED die Bauern zunehmend wirtschaftlich unter Druck. So werden Bauern, die sich noch nicht einer LPG angeschlossen haben, bei der Belieferung mit Betriebsmitteln benachteiligt. Schon bald können sie die immer höheren Abgabepflichten nicht mehr erfüllen. Das "Gesetz über die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften" vom 3. Juni 1959 stellte schließlich die Kollektivierung auf eine gesetzliche Grundlage.

1960er-Jahre

1960 gilt die Kollektivierung der Landwirtschaft als erfolgreich abgeschlossen. Aus den meisten Kleinbauern sind Agrargenossen geworden. Auf dem Land wird jetzt in knapp 20.000 LPGen und 700 Staatsgütern für das Wohl der Allgemeinheit und nach staatlichem Plan gewirtschaftet. Doch nicht jeder war damit einverstanden:

In den 1960er-Jahren ist die Hoffnung auf den gesellschaftlichen Fortschritt groß. Auch in der DDR geht es ständig um die Steigerung der Produktivität. Während 1950 ein Bauer nur sieben Menschen mit Nahrungsmitteln versorgen kann, sind es Mitte der 1960er-Jahre bereits 17. Die zusammengelegten Flächen machen eine maschinelle Bearbeitung möglich, das steigert die Produktivität erheblich. Nun soll auch das Leben auf dem Land attraktiver werden. Die LPGen finanzieren Kindergärten, öffnen ihre Betriebskantinen für alle Dorfbewohner, sorgen für neue Freizeit- und Kultureinrichtungen und modernisieren die Infrastruktur.

Es ist Staatspolitik, die Preise für Grundnahrungsmittel mit Subventionen niedrig zu halten. Und die Bauern profitieren davon. Das Leben auf dem Land wird besser. Doch es ist und bleibt ein harter Job. Ihre Prägung als Bauern, ihre Entscheidung für diesen Beruf, wird meist schon in der Kindheit gesetzt.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Trotz ständigen Arbeitskräftemangels wird zur Erntezeit alles aufgeboten: Erntehelfer, Studenten und die Armee unterstützen die Bauern. Die Versorgung der Bevölkerung wie auch der Export landwirtschaftlicher Produkte müssen abgesichert sein. Um noch effektiver zu wirtschaften, werden Ende der 1960er-Jahre die Flächen einzelner Genossenschaften zu größeren Kooperationsverbänden zusammengefasst. Gleichzeitig beginnt ein Prozess der Spezialisierung. So werden Anfang der 1970er auch Tier- und Pflanzenproduktionsbetriebe voneinander getrennt. Es ist ein Versuch, die Produktivität der Einzelbereiche weiter zu erhöhen.

1970er-Jahre

In den 1970er-Jahren geht es um eine weitere Industrialisierung der Landwirtschaft. In neuen Verwaltungsstrukturen auf Bezirksebene werden nun die Arbeiten auf Flächen bis zu 30.000 Hektar koordiniert. Immer mehr Spezialbetriebe versorgen die gewaltigen Agrarindustrie-Anlagen. Agrarflieger düngen aus der Luft. Alles ist auf Expansion, auf Größe ausgelegt.

Wissenswertes in Zahlen: Im Durchschnitt bewirtschafteten die LPGen 4.500 Hektar pro Genossenschaft.

Im Gegensatz zum Westen sind Ende der 1960er-Jahre bereits 80 Prozent der Frauen im Osten berufstätig. In den LPGen stellen Frauen fast die Hälfte aller Mitarbeiter. Während Anfang der 1960er-Jahre weniger als 10 Prozent von ihnen über eine abgeschlossene Ausbildung verfügen, sind es bereits 10 Jahre später mehr als 80 Prozent.

Mit der Kollektivierung in den 1960er-Jahren sind die LPGen verantwortlich für 85 Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen.

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1980er-Jahre

Doch das System kommt bald an seine Grenzen. Die Erfolgsmeldungen der Aktuellen Kamera spiegeln längst nicht mehr die Realität im Land wieder. Anfang der 1980er-Jahre subventioniert die DDR Lebensmittel mit 19 Milliarden Mark, Mitte der 1980er-Jahre sind es bereits 31 Milliarden. Für Investitionen und neue Technik fehlt auch in der Landwirtschaft das Geld. Viele Genossenschaften fahren auf Verschleiß.  

Es hat ja dann überall gefehlt, auch bei uns. Da wurden eben nicht eine neue Kurbelwelle bestellt, sondern die wurde eben selber gedreht, aufgeschweißt und so was.

Klaus Haake Dokumentation "Kleinbauern und Agrargenossen"

Trotz eingespielter, funktionierender Großstruktur spiegelt sich die Gesamtsituation der DDR auch auf dem Land wieder. Hier wächst - wie auch in den Städten - der Unmut im Sommer 1989. Viele DDR Bürger verlassen das Land. Die Staatsführung reagiert ignorant, macht aber gleichzeitig mobil.

Nach dem Mauerfall 1989 beginnt auch auf dem Land die Frage, wie geht es weiter mit den Genossenschaften, den alten Strukturen. Als im Sommer 1990 die D-Mark eingeführt wird, sind die Produkte der LPGen auf einmal nicht mehr gefragt. Fast über Nacht brechen Handelsbeziehungen weg, Besitzverhältnisse sind unklar.

Die Sorge der Bauern gilt vor allem dem Ausverkauf ihres Landes. Die Wiedervereinigung zeichnet sich deutlich ab, doch zu welchen Bedingungen? Was wird aus dem Land, was aus seinen Bauern? Neun von zehn einst in der Landwirtschaft Beschäftigten, ob in den LPGen oder den Volkseigenen Gütern werden ihre Arbeit verlieren. Kein Land in Sicht, heißt es für viele auf dem Weg in die Marktwirtschaft, damals im Sommer 1990.

Wie es nach der Wiedervereinigung weitergeht:

Über dieses Thema berichtet der MDR auch in der Dokumentation: Kleinbauern und Agrargenossen | 04.09.2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juni 2019, 11:27 Uhr