MDRfragt – das Meinungsbarometer für Mitteldeutschland Persönliche Erinnerung bestimmt DDR-Bild – Wissenschaft und Medien nur zweite Wahl

Ihr Wissen über die DDR beziehen die Teilnehmenden an der Befragung vor allem aus der eigenen Erfahrung bzw. aus den Erzählungen von Verwandten, Freunden und Bekannten. Medien wie TV- oder Radioinhalte, Bücher oder das Internet spielen dabei eher eine geringe Rolle. Gedenkstätten spielen bei der Aneignung von Wissen sogar eine verschwindend geringe Rolle. Trotzdem halten die meisten Befragten Gedenkstätten für wichtig. Warum ist das so?

Arbeit von Gedenkstätten
So wichtig bewertet die MDRfragt-Gemeinde die Arbeit von Gedenkstätten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit 81 Prozent sind es vor allem die ganz persönlichen Erinnerungen, die den Blick auf die DDR prägen, zu 43 Prozent sind es demnach die Erfahrungen und Erzählungen von nahen Verwandten wie Eltern und Großeltern, die das Bild über die DDR bis heute bei den Befragten bestimmen. An der aktuellen Erhebung von MDRfragt haben 22.892 Frauen und Männer teilgenommen, von denen 84 Prozent selbst in der DDR gelebt haben.

Mehr als drei Viertel finden, dass Gedenkstätten wichtige Erinnerungsarbeit leisten. Wichtigste Quelle für das Wissen über das Leben in der DDR bleibt jedoch die persönliche Erfahrung oder die von nahen Verwandten oder Freunden. Hier kommen die Gedenkstätten mit nur sechs Prozent schlecht weg, obwohl die Schilderungen von anderen Zeitzeugen von immerhin einem Viertel (26 Prozent) für wichtig gehalten wird. Dabei werden in Gedenkstätten die persönlichen Erinnerungen und Dokumente von Zeitzeugen gesammelt und bewahrt.

Verschwindend gering ist das Vertrauen der Befragten in Historiker. Nur vier Prozent der Teilnehmenden bewerten die Arbeit und die Erkenntnisse von Historikerinnen und Historikern als vertrauenswürdig. Dabei lohnt sich ein Blick auf die Ergebnisse der Umfrage gestaffelt nach Alter. Bei der jüngsten Generation (unter 30-Jährige) geben 15 Prozent an, dass sie Historikern als Quelle vertrauen. In den aufsteigenden Altersgruppen sinkt diese Zahl deutlich ab. Für nur fünf Prozent der über 30-Jahrigen sind Historiker eine vertrauensvolle Quelle, bei den Befragten ab 50 bzw. 65 Jahren sinkt die Zahl auf ein Prozent.

Noch schlechter steht es um Medienberichte – diese sehen nur von ein Prozent aller Befragten als vertrauenswürdige Quelle an.

Exkurs: DDR-Geschichte in den Medien

Medienberichten wird laut des Meinungsbarometers MDRfragt kaum vertraut. Nur ein Prozent der Befragten sieht Medien als vertrauenswürdige Quelle für DDR-Geschichte an.

Vergleicht man die MDRfragt-Mitglieder, die in der DDR gelebt haben mit denen, die es nicht haben, fällt auf: Der Großteil (72 Prozent) der ehemaligen DDR-Bürgerinnen und Bürger findet die Berichterstattung über die DDR zu negativ. Nicht einmal jeder fünfte (19 Prozent) empfindet die Darstellung als ausgewogen.

Bei den Befragten ohne eigene DDR-Erfahrung geht dagegen fast die Hälfte (44 Prozent) von einer insgesamt ausgewogenen Würdigung der DDR aus. Mehr dazu in der Auswertung.

Arbeit der Gedenkstätten ist wichtig

Die überwiegende Mehrheit (79 Prozent) hält die Arbeit von Gedenkstätten wie Hoheneck in Stollberg, die Andreasstraße in Erfurt oder dem Roten Ochsen in Halle als Erinnerung an die DDR für wichtig. Das wird auch bei der Aussage einer 61-jährigen Dresdnerin deutlich: "Es müßte noch mehr solcher Gedenkstätten geben und wieder die Pflicht der Schulklassen im Rahmen des Lehrplanes zum Besuches der Gedenkstätten und zur Aufklärung über die deutsche Geschichte der letzten 100 Jahre."

Gedenkstätten - sind sie ausgewogen?

Bei der Frage, ob diese Gedenkstätten ein richtiges Bild von der DDR zeichnen, ist die MDRfragt-Gemeinde hingegen geteilter Meinung: 28 Prozent sagen ja, 29 Prozent nein. Auch hier ist wichtig anzumerken: 43 Prozent haben angegeben, dass sie die Frage nicht beurteilen können bzw. keine Angabe machen wollen. Auf den Punkt bringt es diese Aussage einer 61-Jährigen aus der Börde: "Gedenkstätten sind wichtig gegen das Vergessen. Aber das normale Leben kann man nicht in Gedenkstätten nachbilden." Wichtig sei es, Erfahrungen Betroffener zu hören. Das sieht ein 50-jähriger MDRfragt-Teilnehmer aus Halle so: "Auch hier gibt es Unterschiede. Man sollte solche Einrichtungen auch von Leuten leiten lassen, welche auch einen realen Bezug dazu haben. Hier kann ich keinen 'Wessi' einsetzen." 

DDR nicht auf Gedenkorte reduzieren

"(Ich) kenne die Stasi Gedenkstätte Bautzner Straße in Dresden. Diese zeigt ein sehr realistisches Bild des Leidens der Opfer. Ähnlich die Stasi Gedenkstätte in Bautzen, wo auch aus der Bundesrepublik entführte Menschen leiden mussten", schreibt ein 70-Jähriger aus Görlitz.

Ein 59-Jähriger aus Bautzen selbst sieht es hingegen so: "Die DDR wird auf solche Gedenkstätten reduziert und das ist pure Absicht der Handelnden, schon die Besetzung der Arbeitsstellen zeigt, in welche Richtung es geht, eine ausgewogene Aufarbeitung, wo alle Seiten sich einbringen können, ist staatlich und medial gar nicht gewollt!" Ein 69 Jahre alter Mann aus Nordsachsen schließt sich an: "Gedenkstätten zeichnen oftmals keine richtigen Bilder, weder über das Kaiserreich noch über die NS-Zeit und auch nicht über die DDR. Gedenkstätten sind i.d.R. geprägt durch die Gesellschaft, die sie einrichtet und betreibt."

Hinweis zum MDRfragt "DDR - verehrt oder verhasst?" Es haben sich im Juli 2021 22.892 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligt. Bei allen Fragen hat jeweils etwa ein Drittel der Befragten angegeben, dass sie das Thema nicht beurteilen bzw. keine Angabe machen können.

Hoheneck: Das berüchtigte Frauenzuchthaus als Gedenkstätte

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