Ein Geschenk-Papier von Jörg Wagner Medienkritik ist Langstrecke

Und leider oft folgenlos. Aber wichtig: Zum Auftakt des Altpapier-Jubiläums schaut "radioeins"-Moderator Jörg Wagner auf die Geschichte und Gegenwart medienkritischer Formate im Fernsehen, Hörfunk und (vor 20 Jahren noch jungen) Internet.

Jörg Wagner im Radiostudio 10 min
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Zum Auftakt des Altpapier-Jubiläums schaut "radioeins"-Moderator Jörg Wagner auf die Geschichte und Gegenwart medienkritischer Formate im Fernsehen, Hörfunk und Internet.

Fr 23.10.2020 11:36Uhr 10:04 min

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"Bei uns bleibt zu wenig. Und mein Wunsch wäre in meinem nächsten Leben, dass ich irgendeinen Beruf finde, wo man etwas machen kann, wo man hinterher wirklich sagt, jetzt hast du etwas erreicht. Das kann man in meinem Beruf, fürchte ich nicht."

Diese journalistische Lebensbilanz sprach der auch damals schon deutlich prominente deutsche Publizist Dagobert Lindlau zehn Jahre vor seinem Tod in das Deutschlandfunk-Mikrofon für die Sendung Markt und Medien. Ihm schwebte für sein zweites Leben vor, lieber Rechtsanwalt oder Chirurg zu werden. Da könne man wenigstens Menschen helfen. Es ist nicht überliefert, ob Lindlau seine Meinung noch einmal geändert hat, ob er seine Veröffentlichungen z. B. über organisierte Kriminalität vielleicht doch noch als nützlich für die Gesellschaft eingestuft hatte.

Dennoch machte mich diese resignative Selbstanalyse von Lindlau sehr nachdenklich. Sie begleitet mich noch heute wie ein Schatten, wenn ich Themen für das radioeins-Medienmagazin recherchiere.

Welche Wirkung hat Medienjournalismus überhaupt? Und wie misst man diese?

Nun ist die Möglichkeit, Feedback auf Medienkritik zu erhalten, noch nie so gut gewesen wie heute. Die Sensoren für das gesamte Erregungsspektrum von Beleidigung bis zur unkritischen Begeisterung sind inzwischen durch das Internet als Rückkanal großflächig und engmaschig verteilt. Natürlich gab es auch vor über 30 Jahren, als ich mich in den Medienjournalismus einarbeitete über Telefon, Brief- und Kartenpost, später auch per Fax Wirkungsmesspunkte. Gerade die Erfahrungen mit DT64/mdr-Sputnik-Hörer*innen in meiner Anfangszeit waren überwältigend und veranlassen mich heute zur vielleicht kühn anmutenden These, dass es schon vor den Social Media soziale Medien gab.

Doch die Wirkung von Medienkritik kann man nicht ausschließlich durch das Festhalten von Erregungskurven oder Sympathiebekundungen bilanzieren. Sie sind wichtig, wenn man das Leben spüren will. Letztlich bleibt jedoch die Frage: Hat es etwas gebracht?

Wenn man sich dieser Frage nähern will fällt auf, dass es die Medienkritik als kontinuierliche und flächendeckende Gattung noch gar nicht so lange gibt. Natürlich fallen einem sofort die Medienseiten der Zeitungen ein. Je nach Auffassung der Chefredaktion sind sie bis heute Beiwerk zum TV-Programm-Abdruck oder Ergänzung zum Wirtschaftsteil. Wer auf regelmäßige Medienberichterstattung verzichtete, hatte zumindest die Fernsehkritik im Blatt. Fernsehkritik als Produktkritik. Wenn man ehrlich ist, war es sehr oft nur der Fernsehtipp, der sich darauf reduzierte, den Inhalt nachzuerzählen. 

Medienkritik hat ein strukturelles Dilemma. Wenn Medien über Medien berichten, greift das Sprichwort mit der Krähe, die der anderen kein Auge aushackt. Am schwierigsten wird es jedoch dann, wenn man das eigene Haus kritisiert. So wird sich garantiert wissenschaftlich nachweisen lassen, dass von SZ bis zum rbb-Medienmagazin der "Regelfall Medienkritik" heißt, über andere zu berichten.

Dafür gibt es scheinbar logische Gründe, die gern mit der Nestbeschmutzer- oder Glashaus-Metapher umschrieben werden. "Scheinbar" deswegen, weil es eigentlich nicht zwingend logisch ist, sich selbst zu schonen. Der Glaubwürdigkeit von Kritik an anderen würde es nämlich extrem nützen, behandelte man sich selbst mit derselben Schonungslosigkeit. Dennoch gibt es eine natürliche "Beißhemmung", die man leichter überwinden kann, wenn man sich in einem Kontext begreift.

"Nichts ist so alt wie die Zeitung von heute"

Und hier kommt der Jubilar "Altpapier" ins Spiel. Allein der Name für diese Medienkolumne war eine Provokation. Geleitet damals vom heutigen Herausgeber der "Berliner Zeitung", Michael Maier, positionierte sich im November 2000 der norwegische Ideen-Export "Netzeitung" als die Zeitung von morgen. Sie zelebrierte den Branchenwitz: "Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern" in seiner modernen Variante, in dem sie die frisch ausgelieferte Papierzeitung angriff. Die Netzeitung war nämlich die erste vollwertige Online-Tageszeitung in Deutschland ohne Printausgabe. Eine Papier-Zeitungsschau wurde damit am Erscheinungstag zur Altpapier-Schau, auch wenn die Druckerschwärze noch duftete. Die Botschaft war klar: "Nichts ist so alt wie die Zeitung von heute". Das blieb nicht ohne Folgen. Die Netzeitung punktete mit Aktualität und erreichte im ersten Jahr 570.000 Leser*innen pro Monat. Das ist insofern bemerkenswert, weil das die Zeit war, als man noch "ins Internet ging" und im Hintergrund der Minutenzähler drängelte.

Die Netzeitungsmedienschau "Altpapier" wurde für mich schnell eine wichtige Anlaufstelle. Die Respektlosigkeit in den pointierten Kommentaren half, - und hier schließt sich der Bogen zur Wirkung von Journalismus - meinen Mut zu stärken. Ohne den Abgleich mit dem, was möglich ist, hätte ich wahrscheinlich im Austausch mit dem eigenen Haus ORB/SFB, später rbb weniger Trumpfkarten gehabt. 

Man könnte sicherlich einwenden, dass es auch guten Medienjournalismus in der Süddeutschen Zeitung, FAZ oder Berliner Zeitung gab. Oder auch in den vielen Medienmagazinen in den Radioprogrammen der ARD (Medienwelt, Töne, Texte, Bilder, B5-aktuell-Medienmagazin, Contra Medien, Medienreport) bzw. im Deutschlandradio (Markt und Medien, später auch Breitband und Was mit Medien). Ja natürlich gab es das. Wenn man sich die finanzielle Mühe machte, drei Tageszeitungen zu abonnieren. Oder mit der Installation einer Satellitenschüssel den Aufwand nicht scheute, im Rechtsstreit mit dem Vermieter nachzuweisen, dass man alle ARD-Hörfunkprogramme für seinen Beruf benötigt. Denn wer damals am Kabel mit der übersichtlichen Programmanzahl angeschlossen war, musste im Normalfall auf Satellitenrundfunk verzichten. Ausländische Mitbewohner*innen ausgenommen. Das Streamen im Netz war noch nicht die Norm.

Zum Glück gab es auch Mediensendungen im Fernsehen und damit im Kabel. An erster Stelle sei an Canale Grande auf vox (1993-1994) mit Dieter Moor erinnert. Pflichtprogramm war ebenso Parlazzo vom WDR (1991-1998). Auch diese von Annette Dittert (heute ARD-London-Korrespondentin) konzipierte Mediensendung machte mich mutiger und schulte mich in: Medienkompetenz. Das NDR-Medienmagazin Zapp (seit 2002) nicht zu vergessen, wurde wöchentliches Ritual als quasi TV-Nachfolger des Radio-Medienmagazins Von Bildschirm und Leinwand/Medienreport (NDR 3, 1973-1990). Für die legendäre WDR-Mediensendung Glashaus - TV intern (1972-1983) war ich zu jung. Ihr jahrelanger Überlebenskampf, die konfliktreiche Auseinandersetzung mit der inneren Pressefreiheit hätte mich wahrscheinlich demotiviert.

Was Medienkritik auch kann: unterstützen

So ging ich relativ naiv in den Job. Zwar gestärkt mit einem Theaterwissenschaftsstudium und darin mit einer Ausbildung für Hörfunk, Fernsehen und Film, aber gänzlich ohne medienpolitischen Durchblick. Der kam erst mit der Praxis. Dank auch aller hier aufgeführten Begleiter. Sie waren letztlich in Summe Halteseile und Orientierung auf meinem Weg.

Allerdings will ich auch fair sein. Ich hatte auch Glück mit den Häusern, für die ich arbeitete. Allen voran ORB/SFB und rbb. Ein Desaster á la Glashaus blieb mir erspart. Von Eingriffen der Intendanz blieb ich verschont. Gelegentliche Interessenkonflikte waren zwar energieraubend, aber letztlich so selten, dass sie hier nicht ins Gewicht fallen.

Es war relativ schnell klar, dass ich nicht Angestellter der hauseigenen PR-Abteilung bin. Dabei half indirekt Medienkollege Stefan Niggemeier, der mit seinem BILD-Blog und jetzt dem Uebermedien-Portal die Medienkritik als wichtigstes Markenzeichen kontinuierlich ausgebaut hat. Er beschrieb einmal meine Arbeit in einem Artikel als unabhängigen Journalismus. Diese Einschätzung half mir später bei Interviews im eigenen Haus. Falls es je eine Versuchung gegeben haben sollte, mich für PR-Zwecke einzuspannen, war sie seitdem nicht mehr existent.

Das kann nämlich Medienkritik auch: unterstützen. Insofern bin ich in der Selbstreflexion von Dagobert Lindlaus Lebensanalyse inzwischen gedanklich etwas abgerückt.

Nicht zu vergessen: die Höhepunkte der Medienkritik wie von Volker Lilienthal bei der Aufdeckung von Schleichwerbung im ARD-Marienhof oder letztlich auch die Aufarbeitung der Relotius-Fälschungen durch Juan Moreno und im Nachzug durch den Spiegel selbst. Erwähnt werden muss unbedingt die wirkungsmächtige Arbeit von "Fair Radio", einem Verein, der es geschafft hat, dass es in Radiosendungen ehrlicher zugeht. Aufzeichnungen werden weniger als "live" verkauft. Nachgestellte Interviews verschwinden zunehmend aus den Programmen. Falsche Gewinnspiele haben geringere Chancen unentdeckt zu bleiben.

Zweifel bleiben jedoch, wenn man die langen Zeiträume für Veränderungen sieht. Wie lang haben sich Zeitungsverleger gewunden, das Internet als Chance zu akzeptieren? Wie lang wird schon die Werbefreiheit von ARD und ZDF diskutiert? Weshalb ist die Strukturreform der ARD so schleppend? Warum diskutierten Private und Öffentlich-Rechtliche viel zu lange um tagesschau-App und Expansion im Netz? Warum gibt es noch immer Steuervermeidung bei den internationalen Medien-Playern? Nicht, weil wir Medienkritiker geschwiegen hätten.

Medienkritik ist Langstrecke. Und leider oft auch folgenlos. Womit wir wieder bei Dagobert Lindlau wären. Ihm würde es sicherlich gefallen, sich geirrt zu haben. Arbeiten wir daran.


Unser Gastautor: Der freie Journalist Jörg Wagner wurde 1959 in Berlin geboren, wuchs in der DDR auf und macht seit 1987 Radio, damals für's Jugendradio DT64 / mdr Sputnik. Seit 1997 ist er Redakteur und Moderator des wöchentlichen Medienmagazins im radioeins und im Inforadio des RBB. Mehr auf wwwagner.tv.

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