Ein Geschenk-Papier von Alice Hasters Vielfalt ist politisch

Das Jahr 2020 ist mit Blick auf das Thema Vielfalt in den Medien gleichermaßen gut wie frustrierend, schreibt die Journalistin, Autorin und Podcasterin Alice Hasters. In ihrem Geschenk-Papier stellt sie der sehr weißen, deutschen Medienbranche unbequeme Fragen, die aber nicht dazu zwingen sollen, im eigenen schlechten Gewissen zu baden, sondern Probleme richtig angehen zu können.

Porträt von Alice Hasters
Bildrechte: MDR MEDIEN360G | Katja Ruge

Diversität. Auf einmal ist das Thema in aller Munde. Die Verantwortlichen in den Medienhäusern hasten leicht panisch durch ihre Flure und suchen nach dem einen nicht-weißen Mitarbeitenden, um ihn zu fragen, ob er nicht einmal ein Interview für das Intranet geben möchte. Sie planen die nächste Werbekampagne mit einer "diversen" Besetzung - und am besten mit "urbanem" Touch. Den nächsten Workshop für die Kolleg*innen gibt es nicht zum Thema Sexismus, jetzt kommt Rassismus dran. Es ist gleichermaßen gut wie frustrierend, dass 2020 das Jahr ist, in dem das Thema Vielfalt in den Medien ernst genommen wird. Gut, weil es wichtig ist. Frustrierend, weil es schon längst hätte passieren müssen.

Schon absurd, dass ein Schwarzer Mann in den USA von einem weißen Polizisten vor laufender Kamera getötet und danach weltweit lautstark gegen strukturellen Rassismus demonstriert werden muss, damit deutsche Redaktionen mal von ihren Schreibtischen hochschauen, sich umschauen und feststellen: Ganz schön weißer Haufen. Vielleicht sollen wir etwas daran ändern.

Schätzungsweise zwei Prozent der in führenden Medienhäusern arbeitenden Journalist*innen sollen einen sogenannten Migrationshintergrund haben. Das ist natürlich viel zu wenig - denn in Deutschland hat jede*r Vierte eine nicht ausschließlich deutsche Herkunft. Es ist ja nicht so, als hätte es nicht schon vorher starke Bemühungen gegeben, auf das Thema aufmerksam zu machen. Insbesondere von den Neuen Deutschen Medienmacher*innen, einem Verein der sich das Thema Vielfalt in den Medien schon seit 2008 auf die Fahne geschrieben hat und ohne den es in den deutschen Redaktionen noch weißer aussehen würde, als es das ohnehin schon tut.

Wieso also erst jetzt? Warum hat es so lange niemanden gestört? Oder ist es niemandem aufgefallen, wer in den Redaktionen fehlt? Wie kann es sein, dass gerade dort, wo das Interesse nach neuen Geschichten und Perspektiven besonders hoch sein sollte, so lange wenig bis nichts passiert ist? Die Frage dient nicht dazu, Journalist*innen zu zwingen, in ihrem schlechten Gewissen zu baden. Sie ist wichtig, um das Problem richtig angehen zu können. Oftmals wird nämlich der Prozess des Fehler-Eingestehens übersprungen, um gleich zur Lösung überzugehen. Aber wer den Fehler nicht richtig identifiziert hat, wird auch nicht die passende Lösung parat haben.

Reden wir also kurz mal über das falsche Selbstverständnis, das in den meisten Medienhäusern vorherrscht. In den vergangenen Jahren hat sich ein Narrativ über "die Medien" verstärkt aufgebaut: Die Annahme, sie seien links. Die Erzählung wurde gerade durch Rechtspopulist*innen immer mehr verstärkt und sitzt mittlerweile in ziemlich vielen Köpfen, als ein Fakt, der keiner ist. Auch viele Journalist*innen denken das über sich selbst und ihre Kolleg*innen. Was das aber genau heißen soll, das weiß dann auch keine*r so richtig. Sind diejenigen schon links, die SPD wählen? Oder den Klimawandel nicht in Frage stellen? Oder die Existenz von Rassismus in Deutschland?

Außerdem sorgte das Framing der "links-grünen Journalist*innen" dafür, dass die Redaktionen sich selbst quasi schon vorkamen wie die Antifa. Rassismus und all das - das sei doch gar kein Thema mehr. Hätte man alles schon längst verstanden und sich dagegen gestellt.

Weil Themen rund um strukturelle Diskriminierung als "linke" Themen angesehen und Journalist*innen als links eingeordnet werden ist die vorherrschende Sorge der vergangenen Jahre in vielen Medienhäusern gewesen, die Rechtskonservativen nicht aus dem Blick zu verlieren. Es wurde sich eher die Frage gestellt, ob die Berichterstattung nicht zu "tolerant", zu feministisch, zu rassismuskritisch ist, als umgekehrt. Also entschied man sich im Zweifel eher dafür, ein großes Interview, eine Reportage oder ein Feature über Menschen aus der rechten Szene zu machen, als mit denjenigen zu sprechen, die von Rassismus betroffen waren.

Dieser Angang lässt sich sehr viel besser durchsetzen, wenn nicht-weiße Menschen nicht mit im Raum sind. Denn verständlicherweise sehen die es oft nicht so, dass man es aushalten müsste, das eigene Existenzrecht abgesprochen zu bekommen, kriminalisiert oder auf andere Art stigmatisiert zu werden. Und weil das so ist, gelten sie als weniger "neutral" oder "objektiv" - was natürlich Voraussetzung oder zumindest ein hohes Gut im Journalismus ist. Doch Objektivität oder Neutralität kann nicht bedeuteten, dass man sich automatisch disqualifiziert, wenn man von struktureller Diskriminierung betroffen ist. Genau in diesem Denken liegt eine  Benachteiligung.

Klar ist aber: Wer mehr Perspektiven an den Tisch holt, wird wahrscheinlich nicht einfach so weitermachen können wie bisher. Das ist ja der Punkt an der Sache: Es soll sich was verändern. Und diese Veränderung ist politisch. Medienhäuser werden nicht drum herumkommen, hier Haltung zu zeigen.

Unsere Gastautorin: Alice Hasters ist Autorin des Bestsellers "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten" lebt in Berlin und arbeitet als Journalistin für Deutschlandfunk Nova. In ihrem Podcast "Feuer & Brot" redet sie mit Maximiliane Häcke über Themen wie kulturelle Aneignung, Sexismus im Feminismus und Cancel Culture.

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