Teasergrafik Altpapier vom 3. Juli 2019: Logo Evangelischer Kirchentag 2019 und Sendung "Hart aber Fair"
Bildrechte: MEDIEN360G / ARD / Verein zur Förderung des Deutschen Evangelischen Kirchentages e.V.

Das Altpapier am 3. Juli 2019 Talkshows sind keine Kirchentage

Die Redeanteile in Frank Plasbergs "hart aber fair"- Sendung ziehen breites Echo nach sich. Macht die "relevanteste politische Talkshow" inzwischen Markus Lanz? Vom Elefanten unterm Bett künftiger Diskussionen, dem Rundfunkbeitrag, gibt es frische Zahlen (Millionen werden schnell Milliarden). Außerdem: Bei der Radiowerbung rattert immer noch das Auftrags-Fax ... Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 3. Juli 2019: Logo Evangelischer Kirchentag 2019 und Sendung "Hart aber Fair"
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Warum hat Frank Plasberg denn nicht einfach Annalena Baerbock und Robert Habeck eingeladen? Die beiden können Fernsehen, sind längst nicht nur, aber auch in den meisten was-mit-Medien-Milieus superbeliebt und harmonieren perfekt. Und wenn Moderatoren Körperspannung mitbringen (wie der Screenshot über Daland Seglers FR-Kritik "Dieser Mann dürfte nie eine Talkshow leiten" zur Markus-Lanz-Sendung mit den beiden vorige Woche schön zeigt ...), geht es vor der Kamera dennoch hoch her.

Aber nein, in der jüngsten "hart aber fair"- Show gastierte unter anderem der AfD-Mann Uwe Junge. Das gab schon im Voraus die heftigen Diskussionen in den sog. soz. Medien, auf die Plasbergs Redaktion es natürlich auch abgesehen hatte, sorgte in der bekanntlich komplexen Struktur ARD für viel beachtete Aufregung (wobei wir hier Fefes "Bei der ARD war kurz der Zensor pinkeln" ausdrücklich nicht teilen!), setzte sich auch deshalb in den ersten Kritiken (Altpapier gestern) und dann den ganzen Tag über fort. Spätestens, seitdem Werbe-Ströers watson.de die Redeanteile berechnet hat ("1. Uwe Junge ...: 15,20 Minuten, 2. Georg Mascolo (Journalist): 9,47 Minuten ..."), und Plasbergs Redaktion das dann mit der inhaltlich "klaren 1:4 - Konstellation" in dieser Sendung zu erklären versuchte.

Selbst die taz, die eher links steht, brachte eine Talkshowbesprechung, die sich von der der oft für recht rechts gehaltenen Neuen Zürcher Zeitung nicht fundamental unterscheidet (zumindest hinter dem "Noch dümmer hätte sich das Social-Media-Team der ARD kaum äussern können ..."-Einstieg der NZZ). Und dass Talkmaster Plasberg "beispielhaft gescheitert" sei, ruft auch der nun wieder schreibende Veteran Hans Leyendecker auf der SZ-Medienseite aus. Wobei er noch Kirchentags-Präsident genug ist, um dem Kritisierten mit Beispielen zwischen Bert Brecht und Günter Gaus zu weisen, wie man's besser machen würde. Und zuvor noch den großen Satz schreibt:

"Eine Talkshow, die niemals einen Vertreter der größten Oppositionspartei einladen würde, wäre eine noch komischere Veranstaltung, als sie es in den Augen vieler Kritiker ohnehin schon ist."

Die Pole (und es gab zwei) gaben in eher frühen Kritiken, nicht überraschend, die Haudegen Arno Frank und Frank Lübberding vor. Unter der Überschrift "Es war ein Trauerspiel" schoss Frank bei SPON um 11.04 Uhr harsche Kritik ("Was also lief falsch? Alles", "Plasberg ... fliegt nun so tief an, dass er fast den Boden berührt", auch, weil er "eine geradezu akrobatisch 'faire' Äquidistanz..., die bisweilen schon an Parteinahme erinnert", gezeigt habe) nur so raus. Wobei er aus der Sendung durchaus was mitnahm ("... selten wurde die Funktion der AfD als Drehtür zwischen Rechtsextremismus und Mitte so sichtbar ...") –  und übrigens gerade erst dem bereits erwähnten Markus Lanz bescheinigt hat, die derzeit "relevanteste politische Talkshow" zu bestreiten...

Lübberding am Gegenpol, gut zwei Stunden zuvor bei faz.net:

"So erlebten die Zuschauer gestern Abend den bemerkenswerten Versuch, dem übermächtigen Sog zur Desintegration etwas Substantielles entgegenzusetzen. Deshalb war auch keineswegs der Vorsitzende der AfD-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz namens Uwe Junge der Sieger, sondern die Demokratie als der Ort, wo wir alle Dissens ertragen müssen."

"Eine gute Talk-Runde", dieses Mal sogar "dankbarerweise mit etwas mehr Substanz und weniger Logikdrehern" als sonst hatte auch der schon erwähnte Lokalrivale Frankfurter Rundschau gesehen (der jetzt ja eine Ippen-Zeitung ist und online ein bisschen von Clickbaiting gezeichnet, doch alte politische Orientierungen hochhält). Bloß beklagt D.J. Frederiksson, "dass es schon weit unfähigere AfD-Gäste in Talkshows gegeben hat" als Uwe Junge. Ist dann also Kurt Sagatz' Conclusio (Tagesspiegel) der Weisheit letzter Schluss:

"Nein, nicht die Einladung eines AfD-Vertreters muss kritisiert werden, vielmehr sollte es dann aber auch ein ausgemachter Brandstifter sein, dem dann von einem angriffslustigen Moderator mit der ganzen Härte der Fakten seine Verantwortung nachgewiesen werden kann."

Ich würde sagen (auch wenn das Äquidistanz sein könnte und dieser journalistisch schöne Begriff womöglich auf dem Weg zum Schimpfwort ist): Solange niemand aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen austreten kann wie aus Kirchen, werden Talkshows nicht umhin kommen, wenigstens gelegentlich Mitglieder nicht verbotener großer Oppositionsparteien einzuladen. Wenn Sendungen dann, sei es im Verlauf, sei es im Nachgang solche Debatten mit ziemlich unterschiedlichen Perspektiven anstoßen, können sie nicht ganz schlecht sein. Wirklich gelungene Talkshows ereignen sich ohnehin selten, und zur Meinungsbildung beitragen können missglückte auch. Falls diese "hart aber fair"-Ausgabe nun tatsächlich dazu führen sollte, dass über sinnvollere und besser vorbereitete Rede-Formate geredet wird (die vielleicht auch nicht jede Woche on air müssen), vielleicht gar anhand von Günter-Gaus-Vorbildern – umso noch besser.

Weiter diskutiert wird jedenfalls. Der Rundfunkrat der Plasberg-Sendeanstalt WDR will's am Freitag in Anwesenheit des Intendanten (und künftigen ARD-Vorsitzenden) Tommy Buhrow tun, wie als erstes die Madsack-Medien meldeten. Und die in medienpolitischen Einschätzungen bislang eher glücklose, aber ja amtierende Volkspartei-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer "knöpft sich Plasberg vor" (bild.de) bzw. gesellt sich dem großen Lager seiner Kritiker zu. Wir bleiben dran.

Milliarden & Millionen (Rundfunkbeitrag)

Der Elefant unterm Bett, auch bei solchen Diskussionen, ist der Rundfunkbeitrag. Dessen Höhe soll bekanntlich erstens in nicht zu ferner Zukunft in neuer Form festgelegt werden und zweitens steigen (meinen die einen) bzw. nicht steigen (meinen andere). "Finanzbedarf: ARD, ZDF und Deutschlandradio wollen ab 2021 zusätzlich 3 Mrd Euro", meldete die Medienkorrespondenz vergangene Woche, was sich auf vier Jahre bezieht. Dazu blieb es verdächtig ruhig.

Nun wurden in Köln frische Zahlen aus der noch (bis 2020) laufenden Gebührenperiode bekanntgegeben. "Erträge aus dem Rundfunkbeitrag bleiben 2018 mit rund 8 Mrd. Euro nahezu konstant", heißt's in der PDF-Pressemitteilung des Beitragsservices (rundfunkbeitrag.de) zunächst, bevor zutage tritt, dass hier Konstanz Steigen bedeutet. Damit seien die Erträge "erstmals seit 2014 wieder gestiegen. Der Anstieg fiel mit 0,43 % jedoch nur minimal aus", wobei bei Milliarden auch minimale Prozentpünktchen was her machen und sich auf gut 34 Millionen Euro summieren, also den Gegenwert von mehr als zwanzig 20.15 Uhr-Krimis.

Über diese Zahlen berichten heute die FAZ, die neutral von nun "ziemlich genau acht Milliarden Euro" pro Jahr statt der bisherigen Milliarden-Zahl mit 7 vorm Komma schreibt,  und der Tagesspiegel, der seinen Autor zur Jahresberichts-Präsentation in Köln gesandt zu haben scheint. Jedenfalls schildert Thomas Gehringer das Beitragsservice-Problem mit Nebenwohnungen ("Bis zum Jahresende 2018 wurden 19.517 Nebenwohnungen vom Rundfunkbeitrag befreit, was einen jährlichen Ausfall von 4,1 Millionen Euro für das öffentlich-rechtliche System ergibt. 'Aber das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange, und wir wissen nicht, wo das Ende liegt', erklärte Wolf"). Wenn die Diskussionen erst heiß laufen, dürften weite Teile der Öffentlichkeit allerdings andere Fahnenstangen im Auge haben.

Lineares Fernsehen & gedruckte Zeitungen im Gleichschritt

Was auch in Köln stattfand, vergangene Woche, und Beachtung verdient: die Werbefernseh-Messe namens "Screenforce". "Mit Eventisierung und Allianzen gegen den Niedergang des linearen TVs", heißt Jens Schröders meedia.de - Bericht, der die Lage im Fernsehgeschäft härter auf den Punkt bringt als die Zusammenschau der Fernseh-Aficionados von dwdl.de (denen zufolge die Show der RTL-Gruppe "erheblich fetziger als noch im Jahr zuvor" war, wohingegen die von ProSiebenSat.1 "so teuer wie sinnlos" gewesen sei): Um "die schwindenden Werbeumsätze bei Print und TV" zumindest zu stabilisieren, brauche es solche neuen Allianzen vor allem beim Werben, wo Facebook und Google längst dominieren.

Wo dieses neue, äh, Narrativ vom gemeinsamen Niedergang des klassischen Fernsehens und der Zeitung auch just auftauchte: im langen epd medien-Interview mit Hans-Dieter Hillmoth. Hillmoth? Der ist bzw. war Geschäftsführer beim hessischen Privatradios FFH und geht nun, von Ministerpräsident Volker Bouffier mit dem Hessischen Verdienstorden geschmückt, in den Ruhestand.

Tatsächlich muss man sich beim Lesen, obwohl gleich in der ersten Antwort der Immer-noch-MdB Dieter Dehm (aktuelle Pressemitteilung: " Bundesregierung lässt über den Konzern DuMont den Mittelstand abzocken") auftaucht, ein bisschen durch Hessen-Tumdurchkämpfen. Das gilt medial ja geradezu deutschlandweit als Inbegriff für -tümelei, vielleicht weil alle Landesrundfunkanstalten ans Sendegebiet des Hessischen Rundfunks angrenzen. Später aber, nach Diemut Roethers Frage nach der Entwicklung der Radiowerbung, euphorisert sich Hillmoth geradezu:

"Am Anfang war das sehr einfach, da ratterte das Auftrags-Fax. Es gab nie einen richtigen Durchhänger, natürlich Situationen, in denen die Jungdynamiker in den Werbeagenturen gesagt haben: Das alte Medium Radio … Das hat sich in den letzten vier bis fünf Jahren sehr stark geändert. Wir profitieren von der Schwäche der Zeitungen, Radio bleibt eines der letzten Massenmedien."

"Und es hat die regionale Anbindung."

"50 Prozent unserer Buchungen kommen immer schon aus Hessen, und 50 Prozent sind national. Nationale Werbung läuft im Moment besonders gut, weil Radio und Audio durch Streamingdienste, durch Podcast, durch Alexa ein Hype geworden ist. Radio agiert viel mit Daten, kann interessante Angebote machen an die Werbetreibenden, wir investieren sehr viel in Research, und im Moment sind wir total in. National, aber auch regional. Toi, toi, toi. Procter & Gamble, der größte Werbungtreibende der Welt, war früher ein großer Radiokunde, dann ist er völlig aus dem Radio verschwunden und hat sehr stark auf TV gesetzt. Jetzt fangen sie in den USA wieder an mit Radio. Lidl und Aldi werben im Radio um die Wette, das gab es früher nicht ..."

Es ist ja schön, wenn jemand aus den Medien, der nicht für Facebook oder Google arbeitet, derart begeistert über sein Geschäft spricht. Doch die Umverteilung läuft und die Diskussionen (auch über die derzeit noch gut versteckte Rundfunkbeitrags-Erhöhungs-Frage) dürften heftig werden.


Altpapierkorb (keine Werbung, zwei Mio. Euro Strafe, 100.000 Euro Strafe, "die Grundidee des Internets", "die Geschichte einer Heldin", "man nennt das teilnehmende Beobachtung")

+++ Keine Werbung getrieben, die dem Werbefernsehen das Geschäft weiter könnte, hat Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner mit dem aufsehenerregenden Nestlé-Video ihres Hauses (Altpapier), schon weil "das Ministerium versichert (hat), kein Entgelt oder ähnliche Gegenleistung ... erhalten zu haben", meinen die Berlin-Brandenburger Medienwächter. +++ Dass "kein Geld geflossen ist, dürfte für die 'Werbeabsicht' überhaupt keine Rolle spielen. Außerdem wäre es in diesem Fall Korruption und strafbar", meint @udovetter.

+++ Die für deutsche Verhältnisse recht hohe, für Facebook-Verhältnisse possierliche Summe von zwei Millionen Euro Strafe soll Facebook zahlen. Hintergründe hat netzpolitik.org: "Das Bundesamt für Justiz bemängelt, dass Facebook zwei verschiedene Meldewege für Beschwerden eingerichtet habe, 'nämlich einen Flagging-Meldeweg und ein sogenanntes NetzDG-Meldeformular'. Letzteres ist aber sehr versteckt. Wenn Nutzer strafbare Inhalte melden wollen, werden sie zum Flagging-Meldeweg gedrängt, wo die Verstöße nach den Gemeinschaftsregeln von Facebook überprüft werden. Das macht eine politische Bewertung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes schwierig, da sich das Ausmaß hetzerischer Inhalte auf der Plattform kaum einschätzen lässt." Ferner erinnern Alexander Fanta und Markus Beckedahl daran, dass die noch ziemlich unbekannte neue Justizministerin hier erstmals etwas größer öffentlich auftritt.

+++ Vodafone soll wegen unerlaubter Telefonwerbung (gar bei Menschen, die "den Angaben zufolge sogar ausdrücklich untersagt" hätten, angerufen zu werden) 100.000 Euro Strafe zahlen, melden heise.de/dpa. Dieses Vodafone ist ja drauf und dran, Quasi-Monopolist im deutschen Fernsehkabelnetz zu werden.

+++ "Journalistische Inhalte sind für Google in der Regel irrelevant", denn "nur 0,25 Prozent der kommerziellen Suchbegriffe sind journalistisch geprägt", hat der WDR-Blog Digitalistan einer neuen Studie entnommen und überlegt, was das fürs Leistungsschutzrecht, die EU ja beschlossen hat, bedeutet.

+++ "Über 75 Prozent der Befragten geben an, dass es die Grundidee des Internets sei, kostenlos an Informationen zu gelangen": Schon das findet die FAZ in der Pressemitteilung zum "sogenannten Whitepaper" der Landesanstalt für Medien NRW über "Zahlungsbereitschaft für digitaljournalistische Inhalte" ernüchternd.

+++ "Die Geschichte einer Heldin, ... einer starken unabhängige Frau, die das Heft in die Hand nimmt oder die Geschichte der Kapitänin auf der einen Seite und dem 'Macho in Italien' auf der anderen" fixt die deutschen Medien beim Berichten über Kapitänin Carola Rackete gerade an, sagte Medienethiker Alexander Filipovic dem Deutschlandfunk.

+++ "Man nennt das teilnehmende Beobachtung, klassische Dokumentarfilmschule", springt Micha Hanfeld im FAZ-Medienseiten-Aufmacher den Machern des sehr umstrittenen Dokumentarfilms "Elternschule" (Altpapier) bei. "Da dieser Tage andauernd alles eingeordnet, vorsortiert und in das richtige 'Framing' gepresst wird, wäre unseres Erachtens eine Diskussion das richtige Mittel der Wahl gewesen", meint er allerdings. Heute abend bzw. nacht zeigt die ARD den Film aber ohne eine solche: "Eine Talkshow oder eine andere inhaltliche Ergänzung ist – zumindest für das lineare Fernsehprogramm – nicht vorgesehen. Der SWR ... begründet die Entscheidung damit, dass eine Talkshow erst weit nach Mitternacht beginnen könnte" (Tagesspiegel).

+++ Den Rückschritt zurück hinter den SWR (der kürzlich mit einer spannenden Intendantenwahl überraschte), den nun der NDR mit seiner bevorstehenden Ein-Kandidaten-Wahl macht, kritisierte Altpapier-Autor René Martens in der taz.

+++ In der nun auch Steffen Grimbergs Bericht von der oben erwähnten Beitragsservice-Pressekonferenz online steht ("... das Gäste-Password für den WLAN-Zugang" lautete "süßerweise 'Zweitwohnung19'").

Neues Altpapier kommt am Donnerstag.

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