Teasergrafik Altpapier vom 13. August 2019: Spirale mit Schriftzug "News"
Bildrechte: MEDIEN360G / Panthermedia

Das Altpapier am 13. August 2019 Verschüttet im CMS-Mahlstrom

Was den Nachrichtenaufbau angeht, ist die Medienbranche im Telegramm-Zeitalter steckengeblieben. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 13. August 2019: Spirale mit Schriftzug "News"
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Der aktuelle Digital News Report des Oxforder Reuters Institute hat mittlerweile schon wieder ein paar Wochen auf dem Buckel – was im Nachrichten-Geschäft ja etwa einem halben Jahrhundert gleichkommt. Aber da das Ding mit all den Einzelausgaben für 38 Länder in etwa so umfangreich ist, wie eine religiöse Schriftensammlung, und in einigen Medienbubble-Nischen durchaus behandelt wird wie eine solche, tröpfelt die Analyse auch jetzt noch nach.

Der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl hat sich beim Tagesspiegel nochmal ein besorgniserregendes Ergebnis rausgepickt: die Zahl der Nachrichten-Abstinenzler. Er konstatiert:

“Inzwischen sind es im Durchschnitt schon 32 Prozent der Befragten aus 38 Ländern, in denen die beteiligten Forschungspartner Daten erheben. Das sind drei Prozentpunkte mehr als vor zwei Jahren. Deutschland belegt mit 25 Prozent einen hinteren Platz. Auch dieser Wert ist für eine Demokratie alarmierend, deren Wohlergehen auch von einer informierten Wählerschaft mit abhängt.“

Im Report aus dem Vorjahr waren Erklärungsansätze für die Entwicklung zu finden. Knapp die Hälfte der Befragten gaben negative Auswirkungen auf ihre Laune an, 37 Prozent meinten, sie könnten sich nicht auf die Nachrichten verlassen. Fehlendes Vertrauen und zu viel bad news: beides sind bei Weitem keine neuen Kritikpunkte am Nachrichtenjournalismus. Aber was tun mit dieser erneuten Vergegenwärtigung? Müssen wir Nachrichten ganz neu denken?

Telegramm-Zeitalter

Eine Problemdiagnose und einen Lösungsansatz lieferte Krautreporter-Gründungsmitglied Christian Fahrenbach (unabhängig von dem Reuters-Report) gestern bei Deutschlandfunks “@mediasres“. Er schlägt einen Nachrichtenaufbau abseits der klassischen umgekehrten Pyramide vor, nach der (Was-mit-Medien-Einführungsseminar lässt grüßen) möglichst alle W-Fragen in den ersten Sätzen abgearbeitet werden sollten und dann erst Gegenstimmen, Hintergrund, Kontext und Perspektiven geliefert werden. Ein Problem sei,

“dass diese Pyramide unser Interesse nicht wachhält. Also, sie erklärt mir nicht, warum mich etwas angeht und setzt zu viel voraus. Wenn ich also sage: Im US-Repräsentantenhaus gibt es in der Mueller-Affäre immer mehr Demokraten, die ein Amtsenthebungsverfahren für Donald Trump verfolgen, dann ist das zwar ne klassische Pyramide. Aber wir wissen vielleicht gar nicht, dass das Repräsentantenhaus vielleicht gar nicht so wichtig ist, nur ein Teil der Legislative ist, dass die Demokraten sonst nicht viel zu sagen haben. Und deshalb verlier ich schnell das Interesse.“

Die Gründe für die Entstehung des Pyramidenaufbaus von Nachrichten sieht er in der Historie der Kommunikationstechnologie. Im Telegramm-Zeitalter (also, jetzt nicht die App sondern die Technologie aus dem 19. Jahrhundert, die die Deutsche Post auch heute noch anbietet) sorgten niedrige Bandbreiten dafür, dass die wichtigsten Informationen schnell in die Redaktion gegeben werden mussten. Auch für die Setzer in den Druckereien sei der Aufbau wichtig gewesen, weil sie Artikel bei Platzmangel und unvorhergesehenen Veränderungen im Layout einfach von hinten wegkürzen konnten.

Im Zeitalter der Digitalisierung sei das eigentlich überholt, sagt Fahrenbach. In einem lesenswerten Artikel bei Meedia kritisierte er kürzlich, die Möglichkeiten zur Kontextualisierung würden vor allem online noch viel zu selten genutzt:

“Was sind noch einmal die Pro- und Kontra-Argumente zum Brexit? Welche groben Leitlinien hat Donald Trump bisher mit seiner Politik verfolgt? Wie lauten die häufigsten Kritikpunkte an Wladimir Putin? Artikel, die solche Fragen beantworten, sind immer noch viel zu selten prominent auf den Nachrichtenseiten zu finden.“

Stattdessen würden solche Themen, “wenn überhaupt, ein wenig pflichtschuldig in einem hinteren Kontextabsatz abgehakt oder in einer einmalig gesendeten Analyse versteckt“, die dann “im chronologischen Mahlstrom unserer Content-Management-Systeme“ nach hinten durchgereicht werde.

Einige Best-Practice-Beispiele hat Fahrenbach dabei auch parat: In Deutschland nennt er z.B. die Dossiers bei Zeit Online, die Hintergrundrecherchen des Faktenfinders der “Tagesschau“ oder die “Zusammenhänge“ bei den Krautreportern. Für die USA nennt er u.a. die “Takeaways“ der New York Times, die News-App von Buzzfeed oder News Deeply.

Zwar sind solche Angebote meist deutlich aufwändiger zu gestalten als eine schnelle Nachricht. Die Ausrede, solche Recherchen und hintergründige Formate würden sich finanziell nicht lohnen, lässt der Fahrenbach allerdings nicht gelten:

Auch wenn die Aufbereitung auf den ersten Blick manchmal sperrig erscheint, lohnen sich solche Formate auch finanziell. Bei 'Krautreporter‘ dauert es geschätzt 40 Minuten, den 'Verständlich-erklärt‘-Artikel zum Nahost-Konflikt zu lesen. In den fünf Jahren des Bestehens hat kein anderer Beitrag mehr Leserinnen dazu gebracht, zu Unterstützern zu werden, beinahe täglich kommen nur durch ihn neue hinzu.“

Solche Ansätze könnten auch ein gewisses Maß an Emanzipation von den gestern im Altpapier von Klaus Raab thematisierten Erregungsschleifen und dem Metasklaventum bedeutet. Denn wenn der Kontext mindestens so wichtig ist wie einzelne Ereignisse, könnten auch Relationen und Aufmerksamkeitsmechanismen mehr in den Mittelpunkt rücken – optimistisch gesprochen…

Verleger für Verlage

Zumindest eine Mitverantwortung für sich zuspitzende Erregungsmechanismen wird immer wieder den sozialen Medien und ihren Funktionsweisen zugesprochen, ebenso wie eine Verschärfung der Finanzierungsmisere vieler Medienhäuser. Schließlich ist ein Großteil der Werbeeinnahmen zu Internet-Riesen wie Google und Facebook gewandert. Neue Pläne zeigen nun aber auch, wie abhängig Facebook seinerseits von journalistischen Inhalten ist:

Facebook wolle offenbar zum “Verleger für Verlage werden“, schreibt Jürgen Schmieder bei der Süddeutschen. Er berichtet dort über Pläne des Konzerns, einigen Verlagen drei Jahre lang bis zu drei Millionen Dollar pro Jahr anbieten zu wollen, wenn sie Schlagzeilen und Auszüge aus Artikeln in einem neuen News-Bereich publizieren. Das Wall Street Journal hatte darüber berichtet, nachdem es einen solchen Pitch von Facebook erhalten hatte. Angesprochen habe der Konzern z.B. auch die Washington Post, ABC News und Bloomberg.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hatte den separaten News-Bereich im April ins Gespräch gebracht, erinnert der Standard an ein Gespräch des Facebook häuptlings mit Springer-Boss Mathias Döpfner (hier mehr im Altpapier). Das Online-Netzwerk wolle stärker "hochwertige und vertrauenswürdige News" hervorheben. Dabei habe Zuckerberg auch Lizenzzahlungen an teilnehmende Medienunternehmen nicht ausgeschlossen.

“That means Facebook will start actively curating news, which could cause a significant shift in its business strategy and its DNA“,

analysiert Emily Bell, Direktorin am Tow Center for Digital Journalism der Columbia Journalism School in einer lesenswerten Einordnung bei der Columbia Journalism Review (CJR).

Die geplante News-Sektion sieht sie als einen Schritt in der mittlerweile vier Jahre andauernden Bemühung von Facebook, Nachrichtenmedien noch stärker in die Plattform zu integrieren. Bisher könne man die verschiedenen Schritte allerdings alle als gescheitert betrachten – und das habe Medienhäuser wachsamer gemacht und gestärkt:

 “our researchers found that a catalog of failed initiatives have left publishers both warier and more sophisticated in their thinking about platforms. The failure of Facebook Instant Articles, launched in 2015; the misadventures of Facebook Live; and the general disappointment of social network-dependent news organizations like BuzzFeed, Mashable, and Mic have created disillusionment and distrust. The emerging model for publishers is to meet their audiences away from platforms entirely—on their own apps, and in real spaces at events and conferences—and to find revenue from sources that cannot be withdrawn by a third party’s algorithm change.“

Dass Medienhäuser nicht nur arm dran und gänzlich abhängig von dem Netzwerk seien, sondern zwischen beiden durchaus ein symbiotisches Verhältnis herrsche, wird auch in einem Beitrag bei “@mediasres“ betont. Mit Bezug zu David Armstrong, Journalismusprofessor an der Kennesaw State University bei Atlanta und Leiter des Georgia News Lab, eines Kollektivs von jungen Investigativjournalisten, erinnert Katja Ridderbusch dort:

“Die Tech-Unternehmen brauchten Inhalte, die sie auf ihren Plattformen verbreiten könnten – und zwar auch geprüfte und glaubwürdige Inhalte. Und diese Inhalte lieferten eben Journalisten.

Altpapierkorb (Springer & KKR, linksunten.indymedia, russische Demo-Videos bei Youtube)

+++ Nach der kritischen Berichterstattung über Springer und KKR vergangene Woche (schneller Klick ins Altpapier-Archiv) geht Ulrike Simon die Heuschrecken-Rhetorik auf die Nerven. Bei Horizont schreibt sie, es gehe bei dem Deal “um massives Wachstum und gerade nicht ums Kleinsparen und Verwüsten eines florierenden Konzerns. Trotzdem wird nun wieder Gebrauch gemacht vom Begriff der Heuschrecke, obgleich sich Geschichtsbewussten der Vergleich mit Ungeziefer verbieten sollte. Geschuldet ist der Begriff unter anderem der Tatsache, dass Private-Equity-Firmen die Kosten für ihre Beteiligungen in der Vergangenheit gern den übernommenen Firmen aufbürdeten. Doch genau das ist bei der KKR-Beteiligung an Axel Springer gar nicht der Fall.“ In dem Text nimmt sie verschieden “Hiobsbotschaften und Spekulationen“ auseinander, die seit Bekanntwerden des Investorenvertrags veröffentlicht wurden.

+++ Sie erinnern sich noch an das Verbot der Plattform linksunten.indymedia (Gedankenstützen im Altpapier) vor zwei Jahren? Bei der taz berichtet Alexander Nabert nun über einen Antrag einer ehemaligen Autorin beim Innenministerium, das Verbot aufheben zu lassen. Entscheiden dafür ist auch, ob linksunten als Plattform oder als Onlinezeitung eingestuft wird.

+++ Die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor will die Google-Tochter Youtube zum Löschen der Videos über die Demonstrationen vom Wochenende in Moskau bringen, berichtet SpOn: “Konkret beklagt die Behörde demnach 'Strukturen‘, die YouTube-Kanäle nutzen, um Push-Nachrichten über solche Aktionen zu verbreiten. Darüber beklagte sich bereits am Samstag Andrej Klimow vom russischen Föderationsrat. Menschen würden mit so etwas manipuliert, sagte er nach Berichten russischer Medien. 'Sie erhielten ohne Grund Informationen aus Quellen, die sie nie abonniert hatten.‘“ Von den nicht genehmigten Demos für freie Wahlen hatte es verschiedene Live-Übertragungen gegeben.

+++ Bei der FAZ zeichnet Bülent Mumay nach, wie dem Internet in der Türkei “Schalldämpfer“ verpasst werden: “Die konventionellen Medien kontrolliert die Regierung bereits, jetzt geht sie daran, auch das Internet, den letzten Bereich, in dem noch Fakten zu haben sind, an die Kandare zu nehmen. Mit einer kürzlich erlassenen Verordnung übernahm RTÜK, die Regulierungsbehörde für den staatlichen Rundfunk, die Aufsicht auch über audiovisuelle Inhalte im Internet.

+++ Warum sterben Musikmagazine?, fragt Brigitte Baetz bei “@mediasres“ die Popkulturexpertin und Journalistin Sonja Eismann zum 50-jährigen Jubiläum des Musikexpress

+++ Beim ORF steht einiges an Veränderungen an. Strukturell, räumlich und in der Mediathek, berichtet der Standard.

+++ Neue Formate bei Instagram boomen: Das jüngste kommt hierzulande von Funk und soll wie eine Sitcom funktionieren, berichtet das Hamburger Abendblatt.

Neues Altpapier gibt’s am Mittwoch.

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